Kuh

Die Kuh ist in der Schrift das weibliche Hausrind, zusammen mit der jungen Kuh oder Färse, die noch nicht gekalbt hat. In der Hirten- und Bauernwelt des alten Israel waren Kühe ein Maß des Wohlstands, Quelle von Milch, Butter und Kälbern und bisweilen Opfertiere. Weil jeder Leser sie kannte, gebrauchten die biblischen Autoren sie auch als Bilder: für Überfluss und Hunger, für Starrsinn und Fügsamkeit, für Luxus und Unterdrückung und für den Frieden des kommenden Reiches.

Mehrere einprägsame Stellen handeln von Kühen: die sieben fetten und sieben mageren Kühe im Traum des Pharao (1. Mose 41), die rote Kuh, deren Asche von der Verunreinigung durch den Tod reinigte (4. Mose 19), die zwei säugenden Kühe, die die Bundeslade aus dem Land der Philister zurückbrachten (1. Samuel 6,7-12), die „fetten Kühe“ Baschans, die Amos anklagt (Amos 4,1), und die Kuh, die in Jesajas Vision neben dem Bären weidet (Jesaja 11,7).

Dieser Artikel sammelt, was die Bibel tatsächlich über Kuh und junge Kuh sagt, und unterscheidet sie vom Stier, vom Ochsen und vom Kalb, die eigene Artikel haben.

1. Etymologie und Bedeutung

Das häufigste hebräische Wort für Kuh ist parah (פָּרָה), die weibliche Form von par, „Stier, Jungstier“. Es steht für die Kühe des Pharao in 1. Mose 41, für die rote Kuh in 4. Mose 19, für die säugenden Kühe in 1. Samuel 6 und für die Kühe Baschans in Amos 4,1. Das Wort legt das Alter des Tieres nicht genau fest; die Übersetzungen wählen je nach Zusammenhang „Kuh“ oder „junge Kuh“.

Ein zweiter Begriff ist eglah (עֶגְלָה), die weibliche Form von egel, „Kalb“. Er bezeichnet die junge Kuh oder Färse, etwa die dreijährige Kuh beim Bund mit Abram (1. Mose 15,9), die junge Kuh in 5. Mose 21,1-9, Simsons Rätsel (Richter 14,18) und die prophetischen Bilder in Jeremia 46,20 und Hosea 10,11. Das Sammelwort baqar (בָּקָר) bedeutet „Rinder, Rinderherde“ beiderlei Geschlechts.

Im Neuen Testament kommt das griechische damalis (δάμαλις), „junge Kuh“, nur in Hebräer 9,13 vor, mit Bezug auf die Asche der roten Kuh. Die Septuaginta gibt die Kühe von 1. Mose 41 mit bous (βοῦς) wieder, dem allgemeinen Wort für Rind.

2. Historischer Hintergrund und biblischer Gebrauch

Wohlstand und Alltag

Rinderherden gehörten zum Segen, der Israel verheißen war: Gott wollte den Wurf der Rinder und Schafe segnen (5. Mose 7,13). Kühe gaben Milch und Butter (5. Mose 32,14), Kälber für Herde und Tisch sowie Häute. Jakob schickte Esau unter anderem vierzig Kühe als Geschenk (1. Mose 32,16). Hiob beschreibt das Glück der Gottlosen mit dem Bild einer Kuh, die kalbt und keine Fehlgeburt hat (Hiob 21,10), und Jesaja zeigt einen Überlebenden im verwüsteten Land, der eine junge Kuh und zwei Schafe hält und von Butter lebt (Jesaja 7,21-22). Junge Kühe arbeiteten auch, beim Dreschen (Hosea 10,11) und beim Pflügen (Richter 14,18).

Opfer und Ritus

Das Gesetz erlaubte ein weibliches Rind als Dankopfer (3. Mose 3,1) und verbot, Kuh und Junges am selben Tag zu schlachten (3. Mose 22,28). Junge Kühe erscheinen in feierlichen Riten. Abram zerteilte eine dreijährige Kuh, als Gott mit ihm den Bund schloss (1. Mose 15,9-10). Fand man einen Erschlagenen und war der Täter unbekannt, so brachen die Ältesten der nächsten Stadt einer jungen Kuh, die nie gearbeitet hatte, in einem Tal mit fließendem Wasser das Genick und wuschen ihre Hände über ihr zum Zeichen ihrer Unschuld (5. Mose 21,1-9). Samuel nahm eine junge Kuh mit nach Bethlehem, um zu opfern, als er David salben sollte (1. Samuel 16,2).

Die rote Kuh

Der eigenartigste Ritus steht in 4. Mose 19. Israel sollte eine rote Kuh ohne Fehler bringen, an der kein Makel war und auf die noch nie ein Joch gekommen war (4. Mose 19,2). Sie wurde außerhalb des Lagers vor dem Priester Eleasar geschlachtet, der von ihrem Blut siebenmal gegen die Vorderseite der Stiftshütte sprengte; danach wurde das ganze Tier mit Zedernholz, Ysop und scharlachroter Wolle verbrannt (4. Mose 19,3-6). Die Asche wurde an einem reinen Ort außerhalb des Lagers aufbewahrt und mit fließendem Wasser zum „Reinigungswasser“ vermischt, mit dem man am dritten und siebten Tag jeden besprengte, der einen Toten berührt hatte (4. Mose 19,9.11-12.17-19). Paradoxerweise wurden die, die die Asche bereiteten und handhabten, bis zum Abend unrein (4. Mose 19,7-10).

3. Wichtige Bibelstellen

Die Kühe des Pharao (1. Mose 41)

Der Pharao träumte von sieben schönen, fetten Kühen, die aus dem Nil stiegen und im Riedgras weideten, gefolgt von sieben hässlichen, mageren Kühen, die sie fraßen und danach so mager blieben wie vorher (1. Mose 41,1-4.17-21). Josef deutete, dass Gott zeige, was er tun werde: sieben Jahre großen Überflusses, danach sieben Jahre schwerer Hungersnot (1. Mose 41,25-32). Das Bild passte zu Ägypten, wo das Vieh am Fluss weidete und die Nilflut über die Ernte entschied. Die Erzählung zeigt: Gott regiert über Zeiten des Überflusses und des Mangels und gibt seinem Knecht Weisheit, sich darauf vorzubereiten.

Die säugenden Kühe und die Lade (1. Samuel 6)

Als die Philister nach der Erbeutung der Lade geplagt wurden, ersannen ihre Priester eine Probe. Sie spannten zwei säugende Kühe, auf die noch nie ein Joch gekommen war, vor einen neuen Wagen und hielten ihre Kälber zu Hause zurück (1. Samuel 6,7). Gingen die Kühe hinauf nach Bet-Schemesch, gegen den natürlichen Drang zu ihren Kälbern, dann hatte der HERR sie geschlagen; sonst war es Zufall (1. Samuel 6,9). Die Kühe gingen geradewegs die Straße entlang, brüllend im Gehen, und wichen weder zur Rechten noch zur Linken (1. Samuel 6,12). In Bet-Schemesch spalteten die Leute das Holz des Wagens und opferten die Kühe als Brandopfer (1. Samuel 6,14). Die Begebenheit zeigt Gottes Herrschaft selbst über tierischen Instinkt und über heidnische Versuche, ihn zu prüfen.

Die Kühe Baschans (Amos 4,1)

Baschan östlich des Jordan war berühmt für reiche Weiden und gut genährtes Vieh (5. Mose 32,14; Psalm 22,13). Amos nannte die reichen Frauen Samarias „fette Kühe“ Baschans, die den Armen Gewalt antun, die Elenden unterdrücken und zu ihren Männern sagen: Bringt her, lasst uns saufen (Amos 4,1). Die Beleidigung ist gewollt: verwöhnt und gleichgültig, sollen sie im Gericht mit Haken weggeschleppt werden (Amos 4,2-3). Luxus, der mit Unrecht erkauft ist, macht Menschen gleich Vieh, das zum Schlachten gemästet wird.

Kuh und Bär (Jesaja 11,7)

In der Vision vom Reich des Reises aus dem Stamm Isais schreibt Jesaja: „Kühe und Bären werden zusammen weiden, dass ihre Jungen beieinander liegen; und Löwen werden Stroh fressen wie die Rinder“ (Jesaja 11,7). Die Hauskuh, schutzlos gegenüber Raubtieren, wird zum Bild des Friedens, den die gerechte Herrschaft des Messias bringt, wenn man nirgends Sünde tun noch freveln wird auf seinem heiligen Berge (Jesaja 11,9).

Weitere Bilder

Simson hielt den Philistern vor: Hättet ihr nicht mit meiner Kuh gepflügt, ihr hättet mein Rätsel nicht erraten (Richter 14,18). Hosea verglich das widerspenstige Israel mit einer störrischen Kuh (Hosea 4,16) und Ephraim mit einer gewöhnten Kuh, die gern drischt (Hosea 10,11). Jeremia nannte Ägypten eine schöne junge Kuh, über die eine Bremse von Norden kommt (Jeremia 46,20).

4. Theologische Bedeutung

Erstens erinnern Kühe daran, dass Gott Herr der Versorgung ist. Überfluss und Hunger in 1. Mose 41 sind kein Zufall; der Zuwachs der Rinder ist Segen des Bundes (5. Mose 28,4), und selbst ein leerer Stall kann der Ort eines Glaubens sein, der sich dennoch am HERRN freut (Habakuk 3,17-18).

Zweitens lehren die Riten mit jungen Kühen den Ernst von Tod und Schuld. Der Tod verunreinigt, und unschuldiges Blut entweiht das Land. Die rote Kuh bot einen Weg, wie ein durch Berührung mit Toten unrein gewordener Israelit wieder in die anbetende Gemeinde aufgenommen werden konnte, und die junge Kuh aus 5. Mose 21 behandelte Schuld, die keinem Täter zuzuordnen war. Beide Riten sagen: Unreinheit und Schuld sind wirklich, und Gott selbst schafft das Mittel der Reinigung.

Drittens liest das Neue Testament die rote Kuh im Licht Christi. Hebräer 9,13-14 schließt vom Kleineren auf das Größere: Wenn die Asche von der Kuh, gesprengt auf die Unreinen, sie heiligte zu der leiblichen Reinheit, um wie viel mehr wird das Blut Christi, der sich selbst durch den ewigen Geist als Opfer ohne Fehl Gott dargebracht hat, unser Gewissen reinigen von den toten Werken, zu dienen dem lebendigen Gott. Der Verfasser baut keine Allegorie aus jedem Detail von 4. Mose 19; sein Punkt ist, dass der alte Ritus äußerlich reinigte, Christus aber das Gewissen.

Viertens gebrauchen die Propheten Kühe, um Sünde aufzudecken: Starrsinn bei Hosea und bequeme Unterdrückung bei Amos. Dasselbe Tier, das Segen abbildet, kann auch jene abbilden, die Segnungen verzehren und dabei Gott und den Nächsten übersehen.

5. Nachwirkung und kanonische Bezüge

Im Kanon ziehen sich Kuh und junge Kuh von den Erzvätern (1. Mose 15,9; 1. Mose 32,16) über Gesetz, Geschichtsbücher und Propheten bis zu einer einzigen Erwähnung im Neuen Testament in Hebräer 9,13. Jesus gebrauchte in seinen Gleichnissen keine Kühe, sprach aber vom Ochsen und vom gemästeten Kalb (Lukas 14,5; Lukas 15,23).

Die rote Kuh fand in der späteren jüdischen Überlieferung besondere Beachtung. Die Mischna widmet ihren Regeln einen eigenen Traktat, Parah, und rabbinische Lehrer zählten sie zu den Satzungen, deren Grund verborgen ist. In neuerer Zeit haben manche versucht, eine rote Kuh aufzuziehen, verbunden mit der Hoffnung auf einen wiederaufgebauten Tempel. Aus christlicher Sicht lehrt der Hebräerbrief, dass die Wirklichkeit, auf die diese Riten wiesen, in Christus gekommen ist; die Reinigung, die der Gläubige braucht, liegt in ihm und nicht in einem erneuerten Ritus.

Die Kuh ist nicht mit dem goldenen Kalb aus 2. Mose 32 oder den Kälbern Jerobeams in Bethel und Dan (1. Könige 12,28-29) zu verwechseln: Sie waren Bilder eines jungen Stiers (egel) und gehören in die Geschichte des Götzendienstes.

6. Anwendung für heute

Die Kühe des Pharao lehren uns, Zeiten des Überflusses und des Mangels aus Gottes Hand zu nehmen und Zeiten der Fülle weise zu nutzen, wie Josef, zum Wohl anderer. Wohlstand ist kein Zeichen zum Ausruhen, sondern ein anvertrautes Gut.

Die Kühe Baschans warnen vor einer Bequemlichkeit, die für die Armen taub wird. Man kann leiblich satt und doch hungrig an Gerechtigkeit sein. Amos lädt uns ein zu prüfen, wie unsere Lebensweise den Nächsten berührt.

Die säugenden Kühe von Bet-Schemesch erinnern daran, dass Gott sogar gegen den stärksten natürlichen Drang führen kann, wenn es um seinen Plan geht. Und die rote Kuh weist auf die einzige Reinigung, die das Gewissen erreicht: das Blut Christi, ohne Fehl dargebracht. Wer sich von Schuld befleckt oder vom Schatten des Todes bedrückt fühlt, darf zu ihm kommen und rein werden, um dem lebendigen Gott zu dienen.

Schließlich hält uns Jesajas Kuh, die neben dem Bären weidet, die Hoffnung auf das Friedensreich vor Augen, in dem die Gerechtigkeit des Königs aller Gewalt ein Ende setzt. Die Gläubigen sind gerufen, schon jetzt als Volk dieses kommenden Friedens zu leben.