Salben
Das Salben ist eine Handlung, die in der Bibel eine tiefe symbolische und theologische Bedeutung trägt. Es bezeichnet primär das Auftragen von Öl auf eine Person oder einen Gegenstand, um sie für einen besonderen Zweck zu weihen, zu heiligen oder mit göttlicher Kraft auszustatten. Diese Praxis ist im Alten und Neuen Testament gleichermaßen präsent und offenbart Gottes Handeln in der Welt durch erwählte Menschen und Dinge.
Mehr als nur ein ritueller Akt, ist das Salben ein sichtbares Zeichen einer unsichtbaren Realität: der Berufung und Bevollmächtigung durch Gott. Es verbindet sich mit Themen wie Heiligkeit, Königtum, Prophetie und der Gegenwart des Heiligen Geistes, die alle in der Person Jesu Christi ihre höchste Erfüllung finden.
1. Etymologie und biblische Grundlage
1.1 Ursprungssprachen und Transliteration
Im Hebräischen wird das Salben hauptsächlich durch das Verb maschach (מָשַׁח) ausgedrückt, wovon auch das Substantiv Maschiach (מָשִׁיחַ), “Gesalbter”, abgeleitet ist, das wir als Messias kennen. Dieses Wort impliziert das Bestreichen oder Einreiben mit Öl. Ein weiteres hebräisches Wort ist suwkh (סוּךְ), das eher das persönliche Salben zur Körperpflege oder zum Wohlbefinden beschreibt (z.B. Rut 3,3). Im Griechischen des Neuen Testaments finden wir hauptsächlich chrio (χρίω), das dem hebräischen maschach entspricht und die Weihe zum Ausdruck bringt, sowie aleipho (ἀλείφω), das das allgemeine Salben oder Einreiben meint, sei es medizinisch, kosmetisch oder rituell (z.B. Jak 5,14).
1.2 Erste Vorkommen und kanonischer Gebrauch
Die ersten Erwähnungen des Salbens in der Bibel finden sich im Kontext der Stiftshütte und der Priesterweihe. In 2Mo 29,7 wird Aaron mit Öl gesalbt, um ihn für seinen Dienst als Hohepriester zu heiligen. Auch die Stiftshütte und ihre Geräte werden gesalbt, um sie für den heiligen Gebrauch abzusondern (2Mo 30,26-29). Dies etabliert das Salben als einen Akt der Heiligung und der Zuweisung zu Gottes Dienst, der sowohl Personen als auch Gegenstände betrifft und sie aus dem Profanen heraushebt.
2. Bedeutung im Alten Testament
2.1 Schlüsselpassagen und Kontexte
Im Alten Testament ist das Salben eng mit der Einsetzung in bestimmte Ämter verbunden. Könige wurden gesalbt, um ihre göttliche Berufung und Autorität zu symbolisieren, wie bei Saul (1Sam 10,1) und David (1Sam 16,13). Propheten konnten ebenfalls gesalbt werden, wie Elia von Gott beauftragt wird, Elisa zu salben (1Kön 19,16), was ihre göttliche Sendung unterstreicht. Das Salböl, dessen genaue Zusammensetzung in 2Mo 30,23-25 beschrieben wird, war heilig und durfte nicht für profane Zwecke verwendet werden, was die Exklusivität und den Ernst dieser Handlung betont.
2.2 Theologische Entwicklung
Die theologische Bedeutung des Salbens im Alten Testament entwickelt sich von einem rituellen Akt zu einem tiefen Ausdruck der göttlichen Erwählung und Bevollmächtigung. Der Gesalbte, der Messias, wird zur zentralen Figur der israelitischen Hoffnung. Er ist der von Gott Auserwählte, der die königliche, priesterliche und prophetische Funktion in Vollkommenheit erfüllen wird. Das Salben symbolisiert die Ausstattung mit dem Geist Gottes, der den Gesalbten befähigt, seine Aufgabe zu erfüllen (vgl. 1Sam 16,13).
3. Erfüllung im Neuen Testament
3.1 Christologische Lesart
Die höchste Erfüllung des Salbens findet sich in Jesus Christus. Sein Name „Christus“ (griechisch Christos) ist die Übersetzung des hebräischen „Messias“, was beides „der Gesalbte“ bedeutet. Jesus wurde nicht mit materiellem Öl gesalbt, sondern mit dem Heiligen Geist und Kraft (Apg 10,38). Bei seiner Taufe wurde er sichtbar mit dem Geist Gottes gesalbt, was seine göttliche Berufung als König, Priester und Prophet bestätigte (Lk 3,21-22). Er selbst verkündete, dass der Geist des Herrn auf ihm sei, weil er ihn gesalbt habe, um den Armen frohe Botschaft zu bringen (Lk 4,18-19, zitiert aus Jes 61,1).
3.2 Apostolische Lehre und kirchlicher Gebrauch
Im Neuen Testament wird das Salben auch auf die Gläubigen übertragen. Durch den Heiligen Geist werden Christen zu „Gesalbten“ Gottes (2Kor 1,21; 1Joh 2,20.27). Diese Salbung ist keine äußere Zeremonie mehr, sondern eine innere Realität, die durch den Heiligen Geist bewirkt wird und Gläubige befähigt, Gott zu erkennen und zu dienen. Praktisch wird das Salben im Neuen Testament auch im Kontext der Krankenheilung erwähnt, wo die Ältesten der Gemeinde Kranke mit Öl salben und für sie beten (Jak 5,14). Hier verbindet sich der Glaube an Gottes heilende Kraft mit einem sichtbaren Zeichen der Fürsorge.
4. Praktische und devotionale Bedeutung
4.1 DoKtrinale Implikationen
Die Lehre vom Salben unterstreicht die Souveränität Gottes in der Erwählung und Bevollmächtigung. Sie zeigt, dass Gott Menschen und Dinge für seine Zwecke absondert und mit seiner Gegenwart und Kraft ausstattet. Für Christen bedeutet die Salbung mit dem Heiligen Geist, dass sie Teil des Leibes Christi sind, befähigt zum Dienst und zur Erkenntnis Gottes. Es ist eine Zusage der göttlichen Assistenz und ein Siegel der Zugehörigkeit zu Gott.
4.2 Anwendung für Glaube und Leben
Für unser heutiges Leben erinnert uns das Konzept des Salbens daran, dass auch wir als Gläubige durch den Heiligen Geist gesalbt sind. Dies befähigt uns nicht nur zum Dienst, sondern auch zum Verständnis der Wahrheit und zur Unterscheidung des Geistes (1Joh 2,20.27). Es ist eine Quelle der Ermutigung, dass Gott uns nicht allein lässt, sondern uns mit allem ausstattet, was wir brauchen, um ihm zu folgen und sein Reich zu bauen. Unsere „Salbung“ ist eine innere Realität, die uns befähigt, ein Leben zu führen, das Gott ehrt.
5. Fazit
Das Salben ist in der Bibel ein vielschichtiges Bild für Gottes heiliges Handeln, seine Erwählung und die Ausstattung mit seinem Geist. Von den Priestern und Königen des Alten Testaments bis hin zur Salbung Jesu mit dem Heiligen Geist und der inneren Salbung jedes Gläubigen, weist es stets auf die göttliche Initiative und Bevollmächtigung hin. Es erinnert uns daran, dass wir in Christus nicht nur Vergebung, sondern auch die Kraft und die Gegenwart des Heiligen Geistes empfangen haben, um als seine Zeugen in der Welt zu leben.