Schatten
Die evangelische Theologie, gegründet auf die irrtumslose Autorität der Heiligen Schrift, sucht jeden biblischen Begriff in seiner Fülle zu verstehen und seine Entwicklung, Bedeutung und Anwendung offenzulegen. Der Begriff Schatten (hebräisch: Tsel, griechisch: Skia) ist ein solcher Begriff, der zwar einfach erscheint, aber eine enorme theologische Tiefe besitzt, besonders in seiner Beziehung zur Person und zum Werk Jesu Christi. Der Schatten ist kein Randbegriff, sondern eine unverzichtbare hermeneutische Linse, um Kontinuität und Diskontinuität zwischen Altem und Neuem Testament zu verstehen. Er weist auf die Mitte in Christus als die Wirklichkeit hin, die alle Vorwegnahmen und Vorbilder erfüllt und übertrifft.
Diese Untersuchung wird den etymologischen und inhaltlichen Wurzeln des Schattens im Alten Testament nachgehen, seine theologische Ausprägung im Neuen Testament (besonders in den Paulusbriefen) erkunden, seine vielfältigen Aspekte und Anwendungen betrachten und schließlich seine praktischen Folgen für das Leben des Gläubigen bedenken. Aus reformatorischer Sicht betonen wir die Souveränität Gottes, das Erlösungswerk Christi und die Lehre vom Heil allein aus Gnade, allein durch den Glauben, allein zur Ehre Gottes. Der Schatten ist in seinem biblischen Wesen ein beredtes Zeugnis für Gottes Treue, mit der er den Weg für das Kommen seines Sohnes, die Fülle der Offenbarung, bereitet hat.
1. Etymologie und Wurzeln im Alten Testament
Im Alten Testament wird der Begriff Schatten vor allem durch das hebräische Wort Tsel (צל) ausgedrückt. Dieses Wort hat eine reiche Bedeutungsbreite, von der wörtlichen Bedeutung eines dunklen Bereichs, der durch die Unterbrechung des Lichts entsteht, bis zu tiefen Bildern für Schutz, Vergänglichkeit und Vorwegnahme. Auch die Verbwurzel Tsalal (צלל) trägt zu diesem Verständnis bei; sie bedeutet „bedecken“ oder „beschatten“. Besonders die Weisheits- und Dichtungsliteratur entfaltet die Doppelheit des Schattens als Zuflucht und, paradoxerweise, als Sinnbild für die Flüchtigkeit des menschlichen Daseins.
1.1 Der hebräische Begriff Tsel und seine Nuancen
Das Wort Tsel erscheint im Alten Testament zahlreiche Male, oft zur Beschreibung von physischem Schutz. In einem trockenen Klima wie dem des Nahen Ostens war der Schatten eines Felsens (Jesaja 32,2) oder eines Strauches (Jona 4,5-6) eine lebenswichtige Erleichterung in der sengenden Hitze. Dieses wörtliche Bild wird zu einer theologischen Bedeutung erhoben, in der der Schatten zum Sinnbild göttlichen Schutzes wird. Die Psalmisten rufen oft Gottes Schutz „unter dem Schatten deiner Flügel“ an (Psalm 17,8, Psalm 36,8) oder sprechen vom Bleiben „unter dem Schatten des Allmächtigen“ (Psalm 91,1). Dieses Bild veranschaulicht die Sicherheit und Zuflucht, die in Gottes Gegenwart und Fürsorge zu finden sind, eine grundlegende Lehre für das Volk Israel.
Über den Schutz hinaus vermittelt Tsel auch den Gedanken der Flüchtigkeit des menschlichen Lebens. In Texten wie Hiob 14,2 wird das Leben mit einem Schatten verglichen, der schnell vorüberzieht und nicht bleibt. Auch das Buch Prediger mit seiner Betrachtung über die Nichtigkeit nimmt diese Sicht auf und sagt, dass das Leben des Menschen wie ein Schatten ist (Prediger 8,13). Diese Sicht dient dazu, den Menschen zu demütigen und ihn auf Gott hinzuweisen, das einzige ewige und unwandelbare Wesen, und stellt die menschliche Endlichkeit der göttlichen Souveränität gegenüber. Der Schatten ist hier nicht bloß ein physischer Begriff, sondern eine tiefe Besinnung auf die Lage des Menschen vor der Ewigkeit.
1.2 Gebrauch im Alten Testament
Im gesetzlichen und kultischen Zusammenhang des Alten Testaments wird das Wort Tsel zwar nicht unmittelbar gebraucht, um die Opfer oder die Stiftshütte als „Schatten“ zu bezeichnen, doch der zugrunde liegende Gedanke von etwas, das auf eine künftige Wirklichkeit hinweist, ist deutlich vorhanden. Das mosaische Gesetz mit seinen vielschichtigen Riten, seinen Tieropfern und der Gestalt der Stiftshütte wirkte als ein System von Zeichen und Vorbildern. Diese Ordnungen waren kein Selbstzweck, sondern dienten als Zuchtmeister und Vorwegnahmen, die das Volk auf das Kommen des Messias vorbereiteten. Der Apostel Paulus sollte später eine ausdrückliche Verbindung zwischen diesen Einrichtungen und dem Begriff Schatten herstellen.
Auch die Propheten verwendeten den Gedanken des Schattens, wenn auch verhüllter. Die messianischen Weissagungen etwa waren wie Schatten künftiger Ereignisse, die Züge des Messias und seines Reiches teilweise und schrittweise offenbarten. Gottes Offenbarung im ganzen Alten Testament bezeugt seinen Erlösungsplan, der sich allmählich entfaltet, wie Licht, das die Schatten vertreibt. Der Theologe Johannes Calvin hob in seiner Institutio hervor, wie Gesetz und Propheten dazu dienten, den Glauben des Volkes Gottes lebendig zu halten und auf Christus hinzuweisen, wenn auch „unter dem Schatten“.
1.3 Fortschreitende Entfaltung der Offenbarung
Das Verständnis des Schattens im Alten Testament ist entscheidend, um seine Bedeutung im Neuen Testament zu würdigen. Das Alte Testament legt die Grundlage für die Typologie, in der Personen, Ereignisse und Einrichtungen als Urbilder oder Vorbilder dienen, die die größere, in Christus kommende Wirklichkeit vorabbilden. Der Fortschritt der Offenbarung zeigt, dass Gott nicht alles auf einmal offenbarte, sondern schrittweise, und dass er den Schatten gebrauchte, um die Erwartung einer vollständigeren Wirklichkeit und das Verlangen nach ihr zu wecken. So waren die Speisegebote, die Feste, das levitische Priestertum und die Opfer allesamt Aspekte des Schattens, die auf das Lamm Gottes hinwiesen, das der Welt Sünde trägt.
Der Schatten ist in diesem Sinn nichts Negatives oder in sich Unvollkommenes, sondern etwas Unvollständiges. Er ist in seinem von Gott bestimmten Zweck an sich gut: Er bereitet den Boden für die volle Offenbarung der Wahrheit in Christus. Er bezeugt Gottes Weisheit in seiner göttlichen Pädagogik, mit der er sein Volk von Zeichen und Riten zur Person und zum Werk seines Sohnes führt. Das Alte Testament mit seinen Schatten ist unentbehrlich, um das im Neuen Testament offenbarte Wesen ganz zu würdigen, und zeigt die Stimmigkeit und Einheit von Gottes Erlösungsplan.
2. Der Schatten im Neuen Testament und seine Bedeutung
Das Neue Testament erhebt den Begriff Schatten auf eine ausdrückliche und zentrale theologische Ebene, besonders in den Briefen. Das wichtigste griechische Wort für Schatten ist Skia (σκιά). Es trägt dieselben wörtlichen Bedeutungen von Dunkelheit oder Schutz, wird aber vor allem gebraucht, um die vorläufige und vorabbildende Natur der alttestamentlichen Einrichtungen im Gegensatz zur endgültigen Wirklichkeit in Jesus Christus zu beschreiben. Das Kommen Christi markiert den Übergang vom Schatten zum Wesen, vom Vorbild zur Erfüllung.
2.1 Der griechische Begriff Skia und seine Nuancen
Das Wort Skia wird im Neuen Testament in verschiedenen Zusammenhängen gebraucht. Wörtlich kann es einen physischen Schatten bezeichnen, wie in Apostelgeschichte 5,15, wo der Schatten des Petrus Kranke heilte. Sein theologisch bedeutsamster Gebrauch findet sich jedoch in den Paulusbriefen und vor allem im Hebräerbrief. Dort wird Skia durchgehend dem „Leib“ (griechisch: sōma, σῶμα, in Kolosser 2,17) oder dem „Wesen“ (griechisch: eikōn, εἰκών, in Hebräer 10,1) der geistlichen Wirklichkeit gegenübergestellt, die Christus ist.
Diese Unterscheidung ist für die evangelische Theologie entscheidend. Der Schatten ist nicht die Wirklichkeit selbst, sondern nur ein Umriss, ein Hinweis auf die Wirklichkeit. Wie der Schatten eines Menschen nicht der Mensch selbst ist, sondern nur ein Abbild von ihm, so waren die Gesetze, Riten und Opfer des Alten Testaments Schatten der geistlichen und erlösenden Wirklichkeit Christi. Der Theologe J. Gresham Machen betonte in seiner Verteidigung des christlichen Glaubens, dass das Verständnis des Alten Testaments als Schatten für die christliche Apologetik unverzichtbar ist, weil es die Kontinuität des göttlichen Plans und die Überlegenheit Christi zeigt.
2.2 Besondere Beziehung zur Person und zum Werk Christi
Der Hebräerbrief ist wohl der ausdrücklichste Text über den Schatten und seine Beziehung zu Christus. In Hebräer 8,5 werden die Stiftshütte und ihr Dienst als „Abbild und Schatten des Himmlischen“ beschrieben. Ebenso wird in Hebräer 10,1 vom Gesetz gesagt, dass es „nur einen Schatten von den zukünftigen Gütern“ hat, „nicht das Wesen der Güter selbst“. Das bedeutet, dass das levitische Priestertum, die Tieropfer, die Feste und die Riten den Anbetenden aus sich selbst nicht vollkommen machen oder ihm das endgültige Heil schenken konnten. Sie waren bloße Abbilder, die auf den wahren und vollkommenen Priester, das letzte Opfer und die himmlische Wirklichkeit in Christus hinwiesen.
Christus ist also das Wesen, das der Schatten vorabbildete. Er ist die wahre Stiftshütte (Johannes 1,14, „Und das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns“), der vollkommene Hohepriester (Hebräer 7,26-28), das endgültige und wirksame Opfer (Hebräer 9,11-14). Das Kommen Christi erfüllt die Schatten nicht nur, sondern hebt sie in seiner rettenden Kraft auf. Tägliche Opfer sind nicht mehr nötig, denn Christus hat sich selbst ein für alle Mal geopfert. Ein menschliches Mittlerpriestertum ist nicht mehr nötig, denn Christus ist unser einziger und vollkommener Mittler. Dieses Verständnis des Schattens hebt das vollständige und hinreichende Werk Christi hervor.
2.3 Kontinuität und Diskontinuität zwischen Altem und Neuem Testament
Die Beziehung zwischen dem Schatten des Alten Testaments und der Wirklichkeit des Neuen Testaments veranschaulicht das vielschichtige, aber stimmige Verhältnis von Kontinuität und Diskontinuität zwischen den beiden Bünden. Kontinuität besteht insofern, als in beiden Testamenten derselbe Gott wirkt und der Heilsplan einer ist, mit Christus als Mitte. Die Schatten des Alten Testaments sind keine zufälligen Erfindungen, sondern wurden von Gott bestimmt, um auf Christus hinzuweisen. Sie offenbaren Gottes Sinn und seine Erlösungsabsicht von Anfang an.
Es gibt jedoch eine deutliche Diskontinuität hinsichtlich Wirksamkeit und Gestalt. Der Schatten des Alten Testaments war vorläufig und nicht imstande, das Gewissen zu reinigen oder vollständig zu rechtfertigen. Die Wirklichkeit in Christus dagegen ist endgültig, wirksam und vollständig. Das Gesetz in seiner zeremoniellen und bürgerlichen Funktion ist in Christus erfüllt und bindet die Gläubigen des Neuen Bundes nicht mehr. Diese Diskontinuität ist wesentlich für die Lehre von der christlichen Freiheit und um Gesetzlichkeit zu vermeiden. Wie Martin Luther und die Reformatoren betonten, ist die Unterscheidung von Gesetz und Evangelium grundlegend für das rechte Verständnis des Heils und des christlichen Lebens.
3. Der Schatten in der Theologie des Paulus: die Grundlage des Heils
Die Paulusbriefe sind grundlegend, um den Schatten als theologischen Begriff zu verstehen, der die Heilslehre trägt. Paulus, mit seiner pharisäischen Herkunft und seiner tiefen Kenntnis des Gesetzes, ist der Apostel, der die Beziehung zwischen dem Gesetz des Alten Testaments und der Gnade Christi am planmäßigsten darlegt. Er gebraucht den Gedanken des Schattens, um die Überlegenheit und Hinlänglichkeit des Erlösungswerkes Jesu hervorzuheben, und stellt es als Grundlage der Rechtfertigung und der Heiligung heraus.
3.1 Schwerpunkt auf den Paulusbriefen
In Kolosser 2,16-17 macht Paulus eine der ausdrücklichsten Aussagen über den Schatten: „So lasst euch nun von niemandem ein Gewissen machen wegen Speise und Trank oder wegen eines bestimmten Feiertages, Neumondes oder Sabbats. Das alles ist nur ein Schatten des Zukünftigen; leibhaftig aber ist es in Christus.“ Hier legt Paulus dar, dass die Riten des mosaischen Gesetzes (Speisevorschriften, jährliche Feste und der Sabbat) bloße Schatten waren. Sie waren Vorabbildungen der geistlichen Wirklichkeit, die in Christus vollständig offenbar geworden ist. Wer Heil oder Heiligung in der Befolgung dieser Schatten sucht, verliert das Wesen aus dem Blick, und das ist Christus.
Obwohl das Wort Skia im Römer- und Galaterbrief nicht ausdrücklich vorkommt, ist der Gedanke des Schattens in der Argumentation des Paulus über das Gesetz enthalten. In Galater 3,24 beschreibt Paulus das Gesetz als „Zuchtmeister“ (Erzieher) auf Christus hin. Der Zuchtmeister war nicht das endgültige Ziel, sondern ein Mittel zum Zweck. Das Gesetz bereitete in seiner Aufgabe, die Sünde aufzudecken und zu verurteilen, der Gnade den Weg. Diese Pädagogik des Gesetzes entspricht der Aufgabe des Schattens, der das menschliche Herz auf die Offenbarung der Gerechtigkeit Gottes in Jesus Christus vorbereitet.
3.2 Wie der Begriff in der Heilslehre wirkt (ordo salutis)
In der Theologie des Paulus spielt der Schatten eine entscheidende Rolle in der ordo salutis (Heilsordnung). Vor Christus lebte die Menschheit unter dem Schatten des Gesetzes, das die Sünde und die Unfähigkeit des Menschen offenlegte, die göttlichen Forderungen zu erfüllen. Dieser Schatten der Verdammnis machte die Notwendigkeit eines Retters deutlich. Das Kommen Christi, des Wesens, brachte das Licht der Rechtfertigung. Die Rechtfertigung durch den Glauben an Christus bedeutet, dass der Gläubige nicht mehr unter dem Schatten des Gesetzes als Mittel des Heils oder der Verdammnis steht, sondern unter der Gnade.
Der Schatten des Gesetzes, der kein Leben schenken kann (Galater 3,21), zeigte die Notwendigkeit des Glaubens an den verheißenen Messias. Das Heil wird nicht durch Werke des Gesetzes erlangt, die Schatten sind, sondern durch den Glauben an Christus, die Wirklichkeit, die die Schatten vorabbildeten. John Murray, ein bedeutender reformierter Theologe, betonte, dass das Gesetz des Alten Testaments, obwohl heilig und gerecht, nicht zur Rechtfertigung gegeben wurde, sondern um die Sünde aufzudecken und auf die Notwendigkeit eines Retters hinzuweisen, und so als Schatten wirkte.
3.3 Der Gegensatz zu Werken des Gesetzes und menschlichem Verdienst
Einer der stärksten Punkte der paulinischen Theologie ist der Gegensatz zwischen dem Heil durch Werke des Gesetzes und dem Heil aus Gnade durch Glauben. Die Werke des Gesetzes konnten als Teil des Schattens niemals heilbringendes Verdienst verschaffen. In Römer 3,20 erklärt Paulus, „dass kein Mensch durch des Gesetzes Werke vor ihm gerecht sein kann“. Das Gesetz mit seinen Riten und Forderungen war ein System von Schatten, das die Unfähigkeit des Menschen offenlegte, eine eigene Gerechtigkeit zu erlangen.
Die reformierte Theologie mit ihrer Betonung von sola fide und sola gratia findet im Begriff Schatten ein kraftvolles Argument gegen jede Form von Gesetzlichkeit und Leistungsdenken. Wenn schon die von Gott eingesetzten Einrichtungen des Alten Testaments bloße Schatten waren, wie viel mehr gilt das für menschliche Erfindungen oder für Versuche, sich durch eigene Werke selbst zu rechtfertigen. Der Schatten des Gesetzes war zwar heilig, reichte aber zur Rettung nicht aus. Die Herrlichkeit des Neuen Bundes liegt in Christus, der die Wirklichkeit und die Quelle der wahren Gerechtigkeit ist, die dem Gläubigen zugerechnet wird.
3.4 Beziehung zu Rechtfertigung, Heiligung und Verherrlichung
Der Schatten steht auch in Beziehung zu den übrigen Aspekten der ordo salutis. Die Rechtfertigung ist die Befreiung von der Verdammnis unter dem Schatten des Gesetzes durch die Zurechnung der Gerechtigkeit Christi. Die Heiligung, der Vorgang, in dem wir dem Bild Christi gleichgestaltet werden, ist ein Voranschreiten weg vom Einfluss der Schatten der Sünde und hinein in das Licht der Wahrheit und Gerechtigkeit Christi. Das geheiligte Leben bedeutet nicht, unter dem Schatten äußerer Regeln zu leben, sondern im Gehorsam gegenüber dem Heiligen Geist, der im Gläubigen wohnt und ihn befähigt, für Christus zu leben, das Wesen.
Die Verherrlichung schließlich ist die volle und endgültige Offenbarung der Wirklichkeit, die die Schatten des Alten Testaments nur undeutlich andeuten konnten. Sie ist die Vollendung unserer Vereinigung mit Christus, wenn wir von jedem Schatten der Sünde, des Schmerzes und des Todes frei sein werden. In 1. Korinther 13,12 spricht Paulus davon: „Wir sehen jetzt durch einen Spiegel ein dunkles Bild; dann aber von Angesicht zu Angesicht.“ Das gegenwärtige Leben hat, obwohl es in Christus ist, noch seine Schatten und Geheimnisse, doch die Verherrlichung wird die volle Schau der göttlichen Wirklichkeit bringen. So erhellt der Schatten den ganzen Weg des Heils, von der Verdammnis bis zur ewigen Herrlichkeit.
4. Aspekte und Arten des Schattens
Der Begriff Schatten ist, wie gesehen, vielschichtig und umfasst verschiedene Erscheinungsformen und theologische Unterscheidungen. Er beschränkt sich nicht auf das mosaische Gesetz, sondern reicht in verschiedene Bereiche der biblischen Offenbarung hinein und bereichert unser Verständnis von Gottes Erlösungsplan. Besonders die reformierte Theologie hat diese Aspekte erforscht und zwischen dem Schatten als prophetischem Vorbild, als göttlichem Schutz und als Vergänglichkeit des menschlichen Daseins unterschieden, stets in Beziehung zur letzten Wirklichkeit in Christus.
4.1 Verschiedene Erscheinungsformen des Begriffs
Eine Haupterscheinungsform des Schattens ist die Typologie des Alten Testaments. Die Stiftshütte, der Tempel, das levitische Priestertum, die Opfer, die jährlichen Feste und selbst geschichtliche Ereignisse wie der Auszug aus Ägypten und das Passa wirkten allesamt als Schatten, die Christus und sein Werk vorabbildeten. Sie waren nicht die vollständige Wirklichkeit, sondern von Gott eingesetzt, um auf ihn hinzuweisen. Der Prediger Charles Spurgeon predigte oft darüber, dass „Christus das Wesen aller Schatten des Alten Testaments“ ist, und zeigte, wie jedes alte Vorbild in Jesus seine herrliche Erfüllung fand.
Ein weiterer Aspekt des Schattens ist der göttliche Schutz. Wie im Alten Testament erwähnt, versinnbildlichte der Schatten Gottes oder seiner Flügel Zuflucht und Geborgenheit (Psalm 91,1). Dieses Bild erstreckt sich auf den geistlichen Schutz, den Gläubige in Christus finden. Er ist unsere sichere Zuflucht, der unerschütterliche Fels, der Schutz vor den Stürmen des Lebens und den Angriffen des Feindes bietet. Der Schatten ist hier ein Sinnbild der fürsorgenden Vorsehung Gottes, die sich in der ewigen Geborgenheit, die wir in Christus haben, vollständig zeigt.
Der Schatten steht auch für die Vergänglichkeit des menschlichen Lebens und die Zerbrechlichkeit des Daseins. Das Leben ist wie ein Schatten, der vorüberzieht (Hiob 14,2). Diese Erscheinungsform erinnert uns an unsere Abhängigkeit von Gott und daran, wie wichtig ein Leben in Treue ist, denn das irdische Leben ist flüchtig. Doch selbst dieser Schatten der Vergänglichkeit wird von der Hoffnung auf die Auferstehung in Christus erhellt, der den Tod besiegt hat und uns ewiges Leben schenkt und so den Schatten des Todes in einen Übergang zum Licht der göttlichen Gegenwart verwandelt.
4.2 Wichtige theologische Unterscheidungen
Es ist unerlässlich, zwischen dem Schatten als göttlichem Vorbild und dem Schatten als menschlicher Allegorie zu unterscheiden. Die biblische Typologie gründet auf göttlicher Offenbarung und hat eine geschichtliche Erfüllung in Christus. Sie ist keine willkürliche allegorische Auslegung, sondern ein von Gott gewolltes Muster. Die Schatten des Alten Testaments waren keine bloßen Zufälle, sondern Teil von Gottes Plan, seinen Sohn schrittweise zu offenbaren. Die reformierte Hermeneutik besteht auf der historisch-grammatischen Auslegung der Schrift und erkennt Vorbilder und Schatten dort an, wo die Bibel selbst sie anzeigt.
Eine weitere wichtige Unterscheidung besteht zwischen dem Gesetz als zeremoniellem und bürgerlichem Schatten und dem Gesetz als moralischem Schatten. Während die zeremoniellen und bürgerlichen Aspekte des Gesetzes in Christus erfüllt sind und die Gläubigen nicht mehr binden (Kolosser 2,17), bleiben die sittlichen Grundsätze des Gesetzes (wie sie sich in den Zehn Geboten spiegeln) als Schatten der Gerechtigkeit Gottes bestehen und sind weiterhin Richtschnur für das geheiligte Leben, nicht als Heilsweg, sondern als Maßstab des Gehorsams und der Dankbarkeit (Römer 7,12). Dr. Martyn Lloyd-Jones betonte in seinen Predigten oft, wie wichtig es ist, das Gesetz nicht als Last zu verstehen, sondern als Ausdruck von Gottes heiligem Willen für das Leben des Gläubigen.
4.3 Lehrmäßige Irrtümer, die zu vermeiden sind
Ein falsches Verständnis des Schattens kann zu zwei gefährlichen lehrmäßigen Extremen führen. Das erste ist die Gesetzlichkeit, die sich an die Schatten des Alten Testaments klammert, als wären sie die Wirklichkeit. Sie zeigt sich im Versuch, Heil oder Rechtfertigung durch die Befolgung von Riten, Speisegeboten oder bestimmten Tagen zu erlangen, unter Missachtung der Fülle des Werkes Christi. Paulus warnt davor in Kolosser 2,16-23 und nennt solche Übungen einen „Schein von Weisheit“. Die Gesetzlichkeit leugnet die Hinlänglichkeit Christi und die Freiheit, die er für den Gläubigen errungen hat.
Der zweite Irrtum ist der Antinomismus, der mit den Schatten des Gesetzes auch dessen ewige sittliche Grundsätze verwirft. Obwohl das Gesetz kein Heilsweg mehr ist, spiegeln seine sittlichen Gebote das Wesen Gottes wider und bleiben der Maßstab für das heilige Leben des Gläubigen, geleitet vom Heiligen Geist. Das Gesetz völlig zu verwerfen heißt, den Schatten der göttlichen Gerechtigkeit zu verwerfen, der auf die Heiligkeit Christi hinweist. Das christliche Leben ist von liebendem Gehorsam gegenüber Christus geprägt, nicht von zügelloser Freiheit. Der Schatten lehrt uns also, das Gesetz in seiner erzieherischen und sittlichen Aufgabe zu schätzen, ohne in die Falle zu geraten, durch es gerecht werden zu wollen.
5. Der Schatten und das praktische Leben des Gläubigen
Die Lehre vom Schatten ist nicht bloß ein abstrakter theologischer Begriff; sie hat tiefe und verwandelnde Folgen für das praktische Leben des evangelischen Gläubigen. Das Verständnis, dass Christus das Wesen und die Erfüllung aller Schatten des Alten Testaments ist, prägt Frömmigkeit, Anbetung und Dienst und bietet eine feste Grundlage für christliche Freiheit und Geborgenheit. Dieser Abschnitt untersucht, wie der Schatten den Alltag des Gläubigen und den Auftrag der heutigen Gemeinde beeinflusst.
5.1 Praktische Anwendung des Begriffs im christlichen Leben
Die wichtigste praktische Anwendung der Lehre vom Schatten ist die Befreiung von der Gesetzlichkeit. Die Gläubigen sind berufen, in Dankbarkeit für das vollbrachte Werk Christi zu leben, nicht unter der Last, Gott durch Riten oder Werke gefallen zu wollen, die bloße Schatten waren. Der rettende Glaube ruht ausschließlich auf Christus, dem Wesen, und nicht auf irgendeinem Schatten menschlichen Verdienstes. Das schenkt tiefen Frieden und Geborgenheit, denn unsere Annahme vor Gott hängt nicht von unserer unvollkommenen Leistung ab, sondern von der Vollkommenheit Christi (Philipper 3,9).
Außerdem hilft uns das Verständnis des Schattens, das Alte Testament richtig zu lesen und auszulegen. Das Alte Testament ist kein Buch unverbundener Geschichten oder veralteter Gesetze, sondern eine fortschreitende Offenbarung, die in Christus gipfelt. Jedes Opfer, jedes Fest, jede Weissagung ist eine Einladung, nach dem Kommen des Messias auszuschauen. Der Gläubige soll beim Lesen des Alten Testaments Christus auf seinen Seiten sehen und verstehen, dass die Schatten nötig waren, um die Bühne für das herrliche Licht des Evangeliums zu bereiten. Das bereichert die persönliche Andacht und das Verständnis der Einheit der Schrift.
5.2 Beziehung zu persönlicher Verantwortung und Gehorsam
Die Freiheit vom Schatten des Gesetzes als Heilsweg hebt persönliche Verantwortung und Gehorsam nicht auf. Im Gegenteil, sie vertieft den Gehorsam und verwandelt ihn von einer verdienstlichen Anstrengung in eine liebende und dankbare Antwort auf Gottes Gnade. Das Sittengesetz rettet zwar nicht, bleibt aber der Schatten der vollkommenen Heiligkeit Gottes und der Maßstab für ein Leben, das das Wesen Christi widerspiegelt. Die Gläubigen sind berufen, in Heiligkeit zu leben, nicht um das Heil zu verdienen, sondern weil sie bereits gerettet und durch den Heiligen Geist befähigt sind (Römer 6,1-23).
Christlicher Gehorsam ist also ein Gehorsam des Glaubens, nicht des Gesetzes als Werksystem. Er ist von der Liebe zu Christus und dem Wunsch, ihn zu verherrlichen, getragen. Der Schatten des Gesetzes zeigt uns, was Gerechtigkeit ist, und der Heilige Geist befähigt uns, in dieser Gerechtigkeit zu wandeln, in diesem Leben nicht vollkommen, aber fortschreitend. Das Leben des Gläubigen soll ein Zeugnis für die Wirklichkeit Christi sein, keine Rückkehr zu den Schatten leerer Riten oder zu einer äußerlichen Moral ohne die verwandelnde Kraft des Evangeliums.
5.3 Folgen für die heutige Gemeinde
Für die heutige Gemeinde hat die Lehre vom Schatten entscheidende Folgen. Erstens bekräftigt sie die Mitte in Christus in aller Verkündigung und Lehre. Jede Predigt, jedes Bibelstudium muss auf Christus als die Wirklichkeit, die Erfüllung und den Herrn über alles hinweisen. Die Gemeinde muss jeder Versuchung widerstehen, zu den Schatten der Gesetzlichkeit, eines leeren Ritualismus oder einer auf menschlicher Leistung beruhenden Frömmigkeit zurückzukehren.
Zweitens hilft uns der Schatten, den Sinn der Sakramente zu verstehen. Taufe und Abendmahl sind keine aus sich selbst rettenden Riten, sondern sichtbare Zeichen und Siegel der unsichtbaren Wirklichkeit der Gnade Christi. Sie sind Schatten, die auf die Vereinigung mit Christus, auf das Sterben und Auferstehen mit ihm und auf die geistliche Speise hinweisen, die er schenkt. Die Gemeinde soll die Sakramente mit Ehrfurcht feiern, aber ohne Götzendienst, und den Blick stets auf die Person und das Werk Jesu Christi richten.
5.4 Seelsorgerliche Ermahnungen aus dem Begriff
Seelsorgerlich soll das Verständnis des Schattens zu Ermahnungen führen, im Licht der Wirklichkeit Christi zu leben. Pastoren sollen ihre Gemeinden ermutigen:
- Zuerst Christus suchen: Gebt euch nicht mit den Schatten einer oberflächlichen Religion zufrieden, sondern sucht die Wirklichkeit einer innigen Beziehung zu Jesus (Kolosser 3,1-4).
- In Freiheit leben: Weist Gesetzlichkeit und unnötige Schuldgefühle zurück und denkt daran, dass Christus uns vom Joch des Gesetzes als Heilsweg befreit hat (Galater 5,1).
- Die Schrift wertschätzen: Achtet die Einheit von Altem und Neuem Testament und seht, wie das Alte Testament vorbereitet und das Neue Testament erfüllt (Lukas 24,27).
- Vom Wesen Zeugnis geben: Teilt das Evangelium von Christus, der einzigen Wirklichkeit, die Leben verwandeln und einer Welt, die in den Schatten von Sünde und Tod lebt, wahre Hoffnung bringen kann.
Der reformierte Theologe J. I. Packer betonte in seinem Werk über die Gotteserkenntnis oft, wie wichtig es ist, Gott so zu kennen, wie er sich offenbart hat, und die Lehre vom Schatten ist ein wesentlicher Teil dieser Offenbarung. Sie lädt uns ein, aufzusehen zu Jesus, dem Anfänger und Vollender des Glaubens, auf den alle Schatten hinwiesen und in dem die ganze Fülle wohnt (Hebräer 12,2). Möge die Gemeinde in ihrem Leben und Auftrag stets Christus erhöhen, das herrliche Wesen, das alle Schatten vertrieben und der Welt das wahre Licht gebracht hat.