Kommentar zu Matthäus 28

Matthäus 28 ist das große Finale des ersten Evangeliums – und zugleich der Anfang von allem, was danach kommt. Der Bericht beginnt mit der Auferstehung Jesu am ersten Tag der Woche, erschütternd und still zugleich: ein Erdbeben, ein Engel, leere Gräber. Die Frauen begegnen dem auferstandenen Herrn, die Wächter erstarren vor Angst, und die religiösen Führer versuchen, die Wahrheit mit Geld und Lügen zu begraben. Der Höhepunkt ist der Befehl Jesu an seine Jünger: alle Völker zu Jüngern zu machen, zu taufen und zu lehren – getragen von der Zusage seiner bleibenden Gegenwart. Dieses Kapitel ist nicht nur der Schluss eines Buches, sondern der Auftrag für die ganze Kirche bis ans Ende der Welt.

Historischer Kontext

Matthäus schreibt sein Evangelium für eine überwiegend jüdisch-christliche Gemeinde in den späten 50er- oder frühen 60er-Jahren. Die Auferstehung Jesu ist das zentrale Ereignis, das alles verändert – und zugleich der Punkt, an dem die Wege von Glaube und Unglaube endgültig auseinandertreten. Die römische Besatzung Palästinas und die Spannungen zwischen Synagoge und junger Gemeinde bilden den Hintergrund für die Erzählung.

Die Wächter am Grab (Mt 27,62-66) sind römische Soldaten, die auf Bitten der Hohenpriester eingesetzt wurden – ein Zug, der historisch plausibel ist, da die Behörden Unruhen fürchteten. Die Bestechung der Soldaten (Mt 28,11-15) spiegelt die anhaltende Auseinandersetzung zwischen der Synagoge und den Christen wider: Die Behauptung, die Jünger hätten den Leichnam gestohlen, war ein bekanntes jüdisches Gegenargument, das Matthäus hier widerlegt.

Der Auftrag Jesu auf dem Berg in Galiläa (Mt 28,16-20) knüpft an die Bergpredigt (Mt 5-7) an und zeigt: Der Messias, der lehrte, starb und auferstand, sendet nun seine Boten in alle Welt. Die Formulierung »alle Völker« (griechisch panta ta ethne) ist revolutionär für eine jüdisch geprägte Gemeinde – sie öffnet die Verheißung Abrahams (1Mo 12,3) für die ganze Menschheit.

Vers für Vers

  • 1:

    Der erste Tag der Woche – der Sonntag – wird zum Tag der Auferstehung. Maria Magdalena und die andere Maria kommen zum Grab, nicht um einen Auferstandenen zu suchen, sondern um den Toten zu salben. Ihre Trauer ist echt, ihre Hingabe ungebrochen. Matthäus betont die Stille und Dunkelheit des Anfangs: »Als aber der Sabbat vorüber war« – die Zeit des Ruhens ist vorbei, die Zeit des Handelns Gottes beginnt.

  • 2:

    Ein Erdbeben und ein Engel – Gottes Eingreifen ist gewaltig und unübersehbar. Der Engel rollt den Stein weg, nicht um Jesus herauszulassen (der ist bereits auferstanden), sondern um den Frauen den Zugang zu ermöglichen. Die Wächter erstarren vor Angst. Matthäus malt ein apokalyptisches Bild: Der Himmel bricht in die Erde ein, und die Mächte des Todes haben keine Antwort darauf.

  • 5:

    Der Engel spricht die Frauen direkt an: »Fürchtet euch nicht!« – der häufigste Befehl in der Bibel, wenn Gott oder seine Boten erscheinen. Die Frauen suchen den Gekreuzigten, aber sie finden den Auferstandenen. Der Engel verweist auf das, was Jesus selbst vorausgesagt hatte (Mt 16,21; 17,23; 20,19). Die Auferstehung ist keine Überraschung für den, der die Schrift kennt – aber sie ist immer ein Wunder.

  • 6:

    »Er ist nicht hier; er ist auferstanden, wie er gesagt hat.« Das leere Grab ist der Beweis, aber das Wort Jesu ist die Grundlage des Glaubens. Matthäus stellt die Auferstehung nicht als mystische Erfahrung dar, sondern als historisches Ereignis, das leere Grab und bezeugte Begegnungen hinterlässt. Die Einladung »Kommt her und seht« gilt bis heute.

  • 8:

    Die Frauen verlassen das Grab mit Furcht und großer Freude – eine typisch matthäische Mischung aus Ehrfurcht und Jubel. Sie laufen, um es den Jüngern zu verkünden. Ihre Eile ist die erste Mission der Kirche: Die Auferstehung muss weitergegeben werden, sofort und mit ganzem Herzen.

  • 9:

    Jesus selbst begegnet den Frauen. Die Begegnung ist persönlich, nicht spektakulär. Sie fallen vor ihm nieder und umfassen seine Füße – ein Akt der Anbetung, der zeigt, dass sie ihn als den Herrn erkennen. Jesus wiederholt den Befehl des Engels: »Fürchtet euch nicht!« und sendet sie zu den Brüdern. Die Auferstehung schafft eine neue Familie: Die Jünger sind jetzt seine Brüder.

  • 11:

    Die Wächter berichten den Hohenpriestern, was geschehen ist. Die Reaktion der religiösen Führer ist erschreckend: Sie sehen die Wahrheit, aber sie bekämpfen sie mit Lügen. Die Bestechung der Soldaten zeigt, dass der Unglaube nicht aus Mangel an Beweisen kommt, sondern aus der Weigerung, sich Gott zu unterwerfen. Die Geschichte, die sie verbreiten, hält sich bis heute – ein Zeichen dafür, dass die Auferstehung von Anfang an umkämpft war.

  • 16:

    Die elf Jünger gehen nach Galiläa, auf den Berg, den Jesus bestimmt hatte. Galiläa ist der Ort des Anfangs, der Berufung, der Lehre. Matthäus erinnert an die Bergpredigt: Der auferstandene Herr kehrt an den Ort seiner Autorität zurück. Die Zahl elf erinnert an den Verrat des Judas – die Gemeinde ist unvollständig, aber dennoch von Jesus berufen.

  • 17:

    Die Jünger sehen Jesus und beten ihn an – aber einige zweifeln. Matthäus ist ehrlich: Der Glaube an die Auferstehung ist nicht selbstverständlich, selbst für die, die Jesus kannten. Der Zweifel wird nicht verurteilt, sondern überwunden durch die Begegnung mit dem Auferstandenen. Jesus tritt zu ihnen, nicht trotz ihres Zweifels, sondern in ihn hinein.

  • 18:

    Jesus spricht: »Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden.« Das ist die Grundlage des Auftrags. Der auferstandene Christus hat die universale Herrschaft empfangen – über die Mächte des Himmels und die Reiche der Erde. Diese Vollmacht ist nicht angemaßt, sondern vom Vater gegeben (Dan 7,13-14). Sie ist die Voraussetzung für die Sendung der Jünger.

  • 19:

    Der Taufbefehl: »Machet zu Jüngern alle Völker« – das ist der Kern des Auftrags. Die Jünger sollen nicht nur taufen, sondern lehren, alles zu halten, was Jesus geboten hat. Die Taufe auf den Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes ist die trinitarische Formel, die die Gemeinde konstituiert. Der Auftrag ist nicht optional, sondern der Grund der Kirche.

  • 20:

    Die letzte Zusage: »Siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.« Der auferstandene Herr verspricht seine Gegenwart, nicht nur in besonderen Momenten, sondern jeden Tag. Das griechische pasa hemera (»alle Tage«) bedeutet: ohne Ausnahme. Der Schluss des Matthäusevangeliums ist kein Abschied, sondern eine Verheißung. Die Gemeinde lebt nicht aus eigener Kraft, sondern aus der Nähe ihres Herrn.

Schlüsselthemen

  • Auferstehung als Sieg über den Tod
  • Der Auftrag zur Jüngerschaft aller Völker
  • Die Gegenwart Jesu in der Gemeinde
  • Glaube und Unglaube angesichts der Wahrheit
  • Die Vollmacht des auferstandenen Christus

Anwendung

Die Auferstehung ist kein frommer Mythos, sondern das Fundament der christlichen Hoffnung. Matthäus 28 ruft uns nicht dazu auf, die Auferstehung zu beweisen, sondern von ihr zu leben. Die Frauen am Grab zeigen uns, dass die Begegnung mit dem Auferstandenen immer mit Furcht und Freude beginnt – und dass sie uns in Bewegung setzt.

Der Auftrag Jesu ist nicht an besondere Christen gerichtet, sondern an alle, die ihn als Herrn bekennen. Jüngerschaft ist kein Programm, sondern eine Lebensform: taufen, lehren, begleiten – im Vertrauen auf seine Gegenwart. Der Zweifel der Jünger (V. 17) tröstet uns: Jesus begegnet uns nicht erst, wenn wir alles verstehen, sondern mitten in unseren Fragen.

Die Verheißung »Ich bin bei euch« ist das Herz des Kapitels. Sie macht aus einem Befehl eine Einladung. Wir gehen nicht allein, sondern mit dem, der alle Gewalt hat – und der uns liebt.

Häufig gestellte Fragen

Warum ist die Auferstehung Jesu so wichtig für den christlichen Glauben?

Die Auferstehung ist der Beweis, dass Jesus wirklich der Sohn Gottes ist und dass sein Opfer am Kreuz von Gott angenommen wurde (Röm 1,4). Ohne Auferstehung wäre der Glaube vergeblich (1Kor 15,17). Matthäus 28 zeigt, dass die Auferstehung kein geistliches Ereignis war, sondern ein leibhaftiges: Das Grab ist leer, Jesus begegnet den Frauen und Jüngern. Sie ist die Grundlage der christlichen Hoffnung auf ewiges Leben.

Was bedeutet der Auftrag Jesu in Matthäus 28,19-20 für Christen heute?

Der sogenannte »Missionsbefehl« ist kein Aufruf zu imperialer Eroberung, sondern zur geistlichen Jüngerschaft. Jesus sendet seine Nachfolger, um Menschen aller Nationen zu lehren, zu taufen und in die Nachfolge einzuführen. Das gilt für jeden Christen: nicht nur für Missionare im Ausland, sondern für den Alltag – am Arbeitsplatz, in der Familie, in der Nachbarschaft. Die Verheißung seiner Gegenwart macht den Auftrag tragbar.

Warum zweifelten einige Jünger, obwohl sie Jesus sahen?

Matthäus 28,17 ist ein ehrlicher Einblick in die menschliche Natur. Selbst Augenzeugen der Auferstehung kämpften mit Unglauben. Der Zweifel entstand nicht aus mangelnden Beweisen, sondern aus der Unfassbarkeit des Ereignisses. Jesus verurteilt den Zweifel nicht, sondern tritt zu den Jüngern und gibt ihnen den Auftrag. Das tröstet uns: Glaube wächst oft durch Begegnung, nicht durch vollständiges Verstehen.

Was ist die Bedeutung der Taufe in Matthäus 28,19?

Die Taufe ist das sichtbare Zeichen der Zugehörigkeit zu Christus und der Aufnahme in die Gemeinde. Die trinitarische Formel – auf den Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes – zeigt, dass der christliche Glaube von Anfang an trinitarisch war. Die Taufe ist kein bloßes Ritual, sondern die Antwort auf das Evangelium und der Eintritt in die Jüngerschaft.

Wie kann ich die Gegenwart Jesu in meinem Alltag erfahren?

Jesus verspricht in Matthäus 28,20: »Ich bin bei euch alle Tage.« Diese Gegenwart ist keine gefühlsmäßige Erfahrung, sondern eine Zusage, die im Glauben angenommen wird. Sie wird konkret im Gebet, im Hören auf sein Wort, in der Gemeinschaft der Gläubigen und im Dienst an anderen. Wer den Auftrag Jesu ernst nimmt, erfährt seine Nähe – nicht immer spektakulär, aber verlässlich.