Kommentar zu Römer 6

In Römer 6 begegnet Paulus dem gefährlichsten Missverständnis der Gnade: Wenn Sünde die Gnade vermehrt, warum dann nicht einfach weitersündigen? Seine Antwort ist keine Moralpredigt, sondern eine tiefe theologische Neubestimmung der christlichen Identität. Der Gläubige ist mit Christus gestorben und auferstanden – und damit der Herrschaft der Sünde entzogen. Paulus entfaltet die Taufe als Bild dieses Übergangs und ruft die Gemeinde auf, sich dem zu stellen, was sie bereits sind: tot für die Sünde, lebendig für Gott in Christus Jesus.

Historischer Kontext

Der Römerbrief entstand um 57 n. Chr., vermutlich in Korinth, während Paulus‘ dritter Missionsreise. Er schreibt an eine gemischte Gemeinde aus Juden- und Heidenchristen in Rom, die er noch nicht persönlich kennt. In Kapitel 5 hatte Paulus die überwältigende Fülle der Gnade betont: »Wo aber die Sünde mächtig geworden ist, da ist doch die Gnade noch viel mächtiger geworden« (Röm 5,20). Das provozierte offenbar den Einwand: Wenn Gnade durch Sünde verherrlicht wird, warum nicht sündigen, damit die Gnade sich noch mehr zeigt? Paulus begegnet diesem Einwand nicht mit einem Verweis auf Regeln, sondern mit einer radikalen Neubestimmung der christlichen Identität. Der Hintergrund ist die jüdische Vorstellung von der Herrschaft der Sünde als einer Macht, nicht nur als einzelner Verfehlungen. Paulus greift auf die Taufe als öffentliches Bekenntnis und als reale Teilhabe am Tod und an der Auferstehung Christi zurück – ein Gedanke, der tief in der frühchristlichen Verkündigung verwurzelt ist.

Vers für Vers

  • 1:

    »Was sollen wir nun sagen? Sollen wir in der Sünde beharren, damit die Gnade umso reicher werde?« Paulus formuliert den Einwand, der sich aus seiner eigenen Lehre in Kapitel 5 ergibt. Die Frage ist nicht hypothetisch – sie spiegelt reale Anklagen wider, die Paulus später auch in Röm 3,8 aufgreift. Die Gnade Gottes ist so radikal, dass sie wie ein Freibrief für moralische Gleichgültigkeit wirken könnte.

  • 2:

    »Das sei ferne!« – Paulus‘ Antwort ist kein Argument, sondern ein Ausruf des Entsetzens. Dann folgt die Begründung: »Wie sollten wir, die wir der Sünde gestorben sind, noch in ihr leben?« Der Schlüssel liegt im griechischen apothnēskō (ἀποθνῄσκω) – sterben. Der Tod ist ein endgültiger Bruch. Wer gestorben ist, lebt nicht mehr im alten Herrschaftsbereich.

  • 3:

    »Oder wisst ihr nicht, dass alle, die wir auf Christus Jesus getauft sind, die sind in seinen Tod getauft?« Paulus verweist auf die Taufe als das Ereignis, das den Gläubigen mit Christus verbindet. Die Taufe ist nicht nur ein Symbol, sondern eine reale Teilhabe an Christi Tod. Das griechische baptizō (βαπτίζω) bedeutet eintauchen – ein Bild völligen Untertauchens in das Geschehen von Golgatha.

  • 4:

    »So sind wir ja mit ihm begraben durch die Taufe in den Tod, damit, gleichwie Christus auferweckt ist von den Toten durch die Herrlichkeit des Vaters, auch wir in einem neuen Leben wandeln.« Die Taufe ist ein Begräbnis – ein endgültiger Abschied vom alten Leben. Aber sie ist nicht das Ende. Die Auferstehung Christi ist der Grund und das Vorbild für ein neues Leben, das bereits jetzt beginnt. »Wandeln« (peripateō, περιπατέω) ist ein typisch paulinisches Wort für die alltägliche Lebensführung.

  • 5:

    »Denn wenn wir mit ihm zusammengewachsen sind in der Gleichheit seines Todes, so werden wir es auch in der Gleichheit seiner Auferstehung sein.« Paulus verwendet das Bild des Zusammenwachsens (symphytos, σύμφυτος) – wie bei einer Veredelung oder einer Knochenheilung. Die Verbindung mit Christus ist organisch, nicht äußerlich. Die Auferstehung ist die logische Konsequenz dieser Verbindung.

  • 6:

    »Wir wissen ja, dass unser alter Mensch mit ihm gekreuzigt ist, damit der Leib der Sünde vernichtet werde, sodass wir hinfort der Sünde nicht mehr dienen.« Der »alte Mensch« (palaios anthrōpos, παλαιὸς ἄνθρωπος) ist die unerlöste Existenz unter der Herrschaft der Sünde. Er ist mit Christus gekreuzigt – nicht nur geschwächt, sondern getötet. Der »Leib der Sünde« meint nicht den physischen Körper, sondern den Menschen als Werkzeug der Sünde.

  • 7:

    »Denn wer gestorben ist, der ist gerechtfertigt von der Sünde.« Ein juristisches Bild: Der Tod tilgt die Schuld. Wer mit Christus gestorben ist, steht nicht mehr unter der Anklage der Sünde. Die Rechtfertigung (dikaiōsis, δικαίωσις) ist nicht nur ein Freispruch, sondern eine Befreiung aus der Macht der Sünde.

  • 8:

    »Sind wir aber mit Christus gestorben, so glauben wir, dass wir auch mit ihm leben werden.« Der Glaube (pisteuō, πιστεύω) ist die Brücke zwischen dem bereits geschehenen Tod und der noch ausstehenden Auferstehung. Paulus spricht von einer Gewissheit, die auf der Treue Gottes gründet, nicht auf menschlicher Erfahrung.

  • 11:

    »So auch ihr: Haltet euch dafür, dass ihr der Sünde gestorben seid und lebt für Gott in Christus Jesus, unserem Herrn.« Dies ist der entscheidende Imperativ, der auf dem Indikativ ruht. »Haltet euch dafür« (logizomai, λογίζομαι) bedeutet: Rechnet damit, nehmt es als Tatsache an. Der Befehl ist, zu glauben, was bereits wahr ist. Das christliche Leben beginnt nicht mit dem Versuch, besser zu werden, sondern mit dem Vertrauen auf eine vollendete Tatsache.

  • 12:

    »So lasst nun die Sünde nicht herrschen in eurem sterblichen Leibe, sodass ihr seinen Begierden gehorcht.« Paulus personifiziert die Sünde als eine Herrscherin, die entthront ist, aber noch Einfluss sucht. Der »sterbliche Leib« (thnētos sōma, θνητὸς σῶμα) ist der Ort der Anfechtung, aber nicht mehr der Ort der Herrschaft. Der Imperativ ist eine Kampfansage, nicht eine Beschreibung der Niederlage.

  • 14:

    »Denn die Sünde wird nicht herrschen über euch, weil ihr nicht unter dem Gesetz seid, sondern unter der Gnade.« Paulus fasst zusammen: Die Herrschaft der Sünde ist gebrochen, weil der Gläubige nicht mehr unter der Anklage und Forderung des Gesetzes steht, sondern unter der befreienden Macht der Gnade. Das Gesetz konnte die Sünde nur aufdecken, nicht besiegen. Die Gnade befreit von der Sünde, nicht zur Sünde.

  • 23:

    »Denn der Sünde Sold ist der Tod; die Gabe Gottes aber ist das ewige Leben in Christus Jesus, unserem Herrn.« Ein abschließender Kontrast: Der Lohn (opsōnion, ὀψώνιον – Sold, wie er einem Soldaten gezahlt wird) der Sünde ist der Tod – das, was sie verdient und was sie unweigerlich bringt. Die Gabe (charisma, χάρισμα) Gottes ist unverdient und unbezahlbar: das ewige Leben, das in der Gemeinschaft mit Christus besteht.

Schlüsselthemen

  • Tod für die Sünde
  • Identität in Christus
  • Taufe als Teilhabe
  • Gnade und Herrschaft
  • Neues Leben als Geschenk

Anwendung

Römer 6 befreit von der Last, sich durch eigene Anstrengung von der Sünde lösen zu müssen. Paulus sagt nicht: »Hör auf zu sündigen, damit du gerettet wirst«, sondern: »Du bist mit Christus gestorben – lebe jetzt aus dieser Wirklichkeit.« Das ist eine tiefe Entlastung. Der Kampf gegen die Sünde wird nicht aus eigener Kraft geführt, sondern aus der Gewissheit, dass der alte Mensch bereits gekreuzigt ist. Das bedeutet nicht, dass der Kampf aufhört – Paulus selbst ringt in Römer 7 mit der bleibenden Anfechtung. Aber der Ausgang ist entschieden. Die Frage ist nicht mehr, ob wir siegen werden, sondern ob wir dem Sieg vertrauen, der bereits errungen ist. Im Alltag zeigt sich das darin, dass wir unsere Glieder – unsere Zeit, unsere Begabungen, unseren Körper – nicht mehr der Sünde als Werkzeuge anbieten, sondern Gott. Das ist kein Gesetz, sondern eine Antwort auf die Gnade, die uns schon gehört.

Häufig gestellte Fragen

Was bedeutet es, der Sünde gestorben zu sein?

Paulus meint damit nicht, dass Christen nie mehr sündigen, sondern dass die Herrschaft der Sünde über ihr Leben gebrochen ist. In Römer 6,2 sagt er: »Wie sollten wir, die wir der Sünde gestorben sind, noch in ihr leben?« Der Tod ist ein endgültiger Bruch mit einer alten Herrschaft. Der Gläubige ist nicht mehr der Sünde verpflichtet, sondern gehört Christus. Das ist eine Identitätsaussage, keine Verhaltensgarantie.

Ist die Taufe in Römer 6 die Wassertaufe oder eine geistliche Taufe?

Paulus bezieht sich auf die Wassertaufe, aber er versteht sie nicht als bloßes Ritual. In Römer 6,3-4 verbindet er die Taufe mit dem Tod und der Auferstehung Christi. Die Taufe ist das sichtbare Zeichen einer unsichtbaren Wirklichkeit: der realen Teilhabe an Christus. Sie ist nicht das Mittel der Erlösung, sondern der Ausdruck und die Besiegelung der bereits geschenkten Gemeinschaft mit Christus.

Wie kann ich sicher sein, dass ich nicht mehr unter der Herrschaft der Sünde lebe?

Paulus gibt in Römer 6,11 eine klare Anweisung: »Haltet euch dafür, dass ihr der Sünde gestorben seid und lebt für Gott in Christus Jesus.« Die Sicherheit kommt nicht aus der Selbstbeobachtung, sondern aus dem Glauben an das, was Gott in Christus getan hat. Wer auf die Taufe und die Verheißung des Evangeliums vertraut, darf gewiss sein, dass die alte Herrschaft gebrochen ist. Der Kampf mit einzelnen Sünden ändert nichts an dieser grundlegenden Wahrheit.

Was ist der Unterschied zwischen Gesetz und Gnade in Römer 6?

In Römer 6,14 sagt Paulus: »Die Sünde wird nicht herrschen über euch, weil ihr nicht unter dem Gesetz seid, sondern unter der Gnade.« Das Gesetz fordert, verurteilt und deckt die Sünde auf, gibt aber keine Kraft zur Veränderung. Die Gnade dagegen befreit von der Schuld und schenkt eine neue Identität. Sie ist nicht gesetzlos, sondern sie befähigt zu einem Leben, das dem Gesetz entspricht – aber aus Dankbarkeit, nicht aus Zwang.

Bedeutet Römer 6, dass Christen perfekt sein müssen?

Nein. Paulus beschreibt in Römer 6 den idealen Status des Gläubigen: tot für die Sünde, lebendig für Gott. Aber er weiß um die bleibende Anfechtung – das zeigt der folgende Abschnitt in Römer 7. Die Aussage ist nicht: »Du darfst nie mehr sündigen«, sondern: »Du musst nicht mehr sündigen, denn die Herrschaft der Sünde ist gebrochen.« Das ist eine Befreiung, keine neue Last. Der Christ lebt im Spannungsfeld von »schon« und »noch nicht«.