Hohelied 5 beginnt mit der Einladung des Bräutigams in den Garten der Braut – ein Bild erfüllter Gemeinschaft. Doch die Stimmung schlägt jäh um: Die Braut zögert, als der Geliebte klopft, und als sie öffnet, ist er fort. In verzweifelter Suche durch die Stadt wird sie von den Wächtern misshandelt. Der zweite Teil des Kapitels ist ein Preislied der Braut auf den Geliebten, das in einer Frage der Töchter Jerusalems mündet: Wohin ist er gegangen? Das Kapitel zeigt die Spannung zwischen Nähe und Ferne, Erfüllung und Sehnsucht – ein Kernmotiv des Hohelieds und der geistlichen Erfahrung.
Historischer Kontext
Das Hohelied Salomos ist eine Sammlung von Liebesliedern, die traditionell König Salomo zugeschrieben werden (1Kö 5,12). Die Datierung ist unsicher; die Sprache weist auf das 10.–6. Jahrhundert v. Chr. hin. Das Buch ist einzigartig in der Bibel: Es feiert die leibliche Liebe zwischen Mann und Frau ohne explizit religiöse Sprache. In der jüdischen und christlichen Auslegung wurde es allegorisch gedeutet – auf die Liebe zwischen JHWH und Israel bzw. Christus und der Gemeinde.
Kapitel 5 steht im Zentrum des Buches. Die nächtliche Suche der Braut (Hld 5,2-8) erinnert an Hld 3,1-5, wo sie den Geliebten ebenfalls sucht und findet. Die Wächter der Stadt (Hld 5,7) sind wohl die Nachtwächter Jerusalems, die hier nicht helfend, sondern gewalttätig auftreten – ein realistischer Zug antiker Stadtverhältnisse. Der »Garten« (Hld 5,1) ist ein häufiges Bild für die Frau im Hohelied (Hld 4,12-16). Die detaillierte Beschreibung des Geliebten (Hld 5,10-16) folgt der Form eines wasf, eines altorientalischen Preisliedes auf den Körper des Geliebten.
Vers für Vers
- 1:
Der Bräutigam spricht: »Ich bin in meinen Garten gekommen, meine Schwester, meine Braut.« Der »Garten« ist ein Bild für die Braut selbst (vgl. Hld 4,12-16). Die Einladung zur Gemeinschaft wird erfüllt. Die Verse sind eine Einladung an die Freunde, mitzufeiern – ein Hochzeitsmahl. Die Sprache ist sinnlich, aber nicht obszön; sie feiert die Gabe der Liebe als etwas Gutes und von Gott Gewolltes.
- 2:
Die Braut schläft, aber ihr Herz wacht. Der Geliebte klopft und bittet um Einlass. Die Szene spielt in der Nacht. Die Braut zögert: Sie hat sich bereits ausgezogen und die Füße gewaschen – ein Zeichen häuslicher Ruhe. Ihr Zögern ist nicht böswillig, aber es zeigt eine kleine Trägheit, die fatale Folgen hat. Der Geliebte ist bereit, sie ist es nicht ganz.
- 3:
Die Braut spricht zu sich selbst: »Ich habe mein Kleid ausgezogen, wie soll ich es wieder anziehen?« Die Ausrede klingt schwach. Sie hat die Füße gewaschen – ein Zeichen von Reinheit und Vorbereitung auf die Nacht. Doch der Geliebte klopft an. Die kleine Bequemlichkeit wird zur Barriere zwischen ihr und der Gemeinschaft mit ihm.
- 4:
Der Geliebte streckt seine Hand durch die Türöffnung. Das hebräische Wort für »Hand« (jad) kann auch »Arm« bedeuten. Die Geste ist intim und eindringlich. Ihr Inneres (me'eh, wörtlich »Eingeweide«) wird bewegt – ein Ausdruck tiefer emotionaler Erregung. Sie erkennt, dass sie ihn abgewiesen hat, und ihr Herz schlägt ihm entgegen.
- 5:
Sie steht auf, um zu öffnen. Ihre Hände triefen von Myrrhe – ein wohlriechendes Harz, das in der Antike als Parfüm und Salböl diente. Die Myrrhe an den Griffen des Riegels deutet darauf hin, dass der Geliebte sie bereits gesalbt hat, als er seine Hand durch die Tür steckte. Die Sinnlichkeit des Bildes unterstreicht die Intimität der Begegnung – doch sie kommt zu spät.
- 6:
Sie öffnet – aber der Geliebte ist fort. Ihre Seele (nephesch) war ihm entgegengegangen, als er sprach; doch nun findet sie ihn nicht. Die Suche wird zur Qual. Sie ruft, aber er antwortet nicht. Der Schmerz der verpassten Gelegenheit ist greifbar. Die Braut erlebt, was es heißt, den Geliebten zu suchen und nicht zu finden – eine Erfahrung, die viele Gläubige aus der geistlichen Welt kennen.
- 7:
Die Wächter der Stadt begegnen ihr. Statt Hilfe zu leisten, schlagen sie sie und nehmen ihr den Umhang (redid) – ein Schleier oder Mantel. Die Szene ist brutal. Die Stadt, die Schutz bieten sollte, wird zum Ort der Gewalt. Die Wächter, die für Ordnung sorgen sollten, werden zu Tätern. Die Braut ist allein, verwundet und gedemütigt.
- 8:
Sie beschwört die Töchter Jerusalems: Wenn sie den Geliebten finden, sollen sie ihm sagen, dass sie krank vor Liebe ist. »Krank vor Liebe« (cholat ahavah) ist ein starker Ausdruck für die überwältigende Sehnsucht, die sie verzehrt. Die Töchter Jerusalems sind die Chorfrauen des Hohelieds, die die Handlung kommentieren und vorantreiben.
- 9:
Die Töchter Jerusalems fragen: »Was ist dein Geliebter vor anderen Geliebten?« Die Frage ist nicht feindselig, sondern neugierig. Sie fordern die Braut heraus, zu erklären, warum dieser eine Mann so besonders ist. Die Frage lädt zur Vertiefung ein: Was macht den Geliebten einzigartig? Für die allegorische Auslegung: Was macht Christus einzigartig unter allen anderen?
- 10:
Die Braut beginnt ihr Preislied: »Mein Geliebter ist weiß und rot, auserkoren unter vielen Tausenden.« »Weiß und rot« (tzach ve'adom) beschreibt einen gesunden, jugendlichen Teint – vielleicht auch eine Anspielung auf die Schönheit des Geliebten. Die Beschreibung ist idealisierend, aber nicht abstrakt; sie malt ein lebendiges Bild.
- 11:
Sein Haupt ist wie feinstes Gold (kethem paz), sein Haar wallend und schwarz wie ein Rabe. Gold steht für Kostbarkeit und Reinheit; das schwarze Haar für Jugend und Kraft. Die Bildsprache ist orientalisch und reich an Symbolik. Jedes Detail des Geliebten wird gefeiert – nichts an ihm ist gewöhnlich.
- 12:
Seine Augen sind wie Tauben an Wasserbächen, in Milch gebadet, an Bächen sitzend. Tauben sind im Hohelied ein Symbol für Zärtlichkeit und Reinheit (Hld 1,15; 4,1). Die Milch deutet auf Weiße und Sanftmut hin. Die Augen des Geliebten sind klar, friedvoll und voller Leben.
- 13:
Seine Wangen sind wie Balsambeete, die Gewürze treiben lassen; seine Lippen wie Lilien, die von fließender Myrrhe triefen. Die Bilder verbinden Duft und Geschmack. Der Geliebte ist nicht nur schön anzusehen, sondern auch wohlriechend und süß. Die Myrrhe erinnert an die Salbung und an den Tod – ein leiser Hinweis auf die Opferbereitschaft der Liebe.
- 14:
Seine Arme sind wie goldene Ringe, mit Topasen besetzt; sein Leib wie ein Elfenbeinwerk, mit Saphiren geschmückt. Gold, Elfenbein und Edelsteine sind Bilder für Kostbarkeit und Festigkeit. Der Geliebte ist stark und wertvoll zugleich. Die Beschreibung erinnert an die Pracht des Tempels oder königlicher Paläste.
- 15:
Seine Beine sind wie Marmorsäulen, auf goldenen Füßen gegründet; seine Gestalt ist wie der Libanon, auserwählt wie die Zedern. Der Libanon war berühmt für seine mächtigen Zedern (1Kö 5,20). Der Geliebte ist erhaben, stark und majestätisch. Die Braut sieht in ihm eine königliche, unerschütterliche Größe.
- 16:
Sein Mund ist lauter Süße; und alles an ihm ist Wonne. So ist mein Geliebter, so ist mein Freund, ihr Töchter Jerusalems. Der Höhepunkt des Preisliedes: Der Mund des Geliebten ist süß – seine Worte, seine Küsse, seine Gegenwart. Das hebräische Wort machmadim (»Wonne«) ist ein Plural der Intensität: alles an ihm ist lauter Wonne. Die Braut schließt mit einem Bekenntnis: Er ist ihr Geliebter und ihr Freund.
Schlüsselthemen
- Verpasste Gelegenheit und Sehnsucht
- Suche und Verlust
- Die Einzigartigkeit des Geliebten
- Leiden auf dem Weg der Liebe
- Preis der Schönheit und Treue
Anwendung
Hohelied 5 ist ein Spiegel der geistlichen Erfahrung vieler Gläubiger. Die Braut zögert, als der Geliebte klopft – und verpasst die Begegnung. Wie oft zögern wir, wenn Christus an die Tür unseres Herzens klopft (Offb 3,20)? Eine kleine Bequemlichkeit, eine scheinbar harmlose Ausrede, und die Gemeinschaft bleibt unerfüllt. Die schmerzliche Suche der Braut erinnert daran, dass Gott sich manchmal entzieht, um unsere Sehnsucht zu vertiefen. Die Wächter, die sie schlagen, sind ein Bild dafür, dass die Welt der Suche nach Gott oft feindlich gegenübersteht.
Doch die Braut gibt nicht auf. Sie preist den Geliebten, auch in seiner Abwesenheit. Ihr Preislied (Hld 5,10-16) ist ein Akt des Glaubens: Sie bekennt, wer er ist, selbst wenn sie ihn nicht spürt. Das ist die Einladung an uns: Christus zu preisen, nicht nur in der Nähe, sondern auch in der Ferne. Die Frage der Töchter Jerusalems – »Was ist dein Geliebter vor anderen?« – ist die entscheidende Frage des Glaubens. Unsere Antwort ist das Bekenntnis: Er ist der Schönste, der Einzigartige, der König. Alles an ihm ist Wonne.
Häufig gestellte Fragen
Warum zögert die Braut in Hohelied 5,2-3, dem Geliebten zu öffnen?
Die Braut hat sich bereits für die Nacht bereitgemacht: Sie hat ihre Kleider ausgezogen und die Füße gewaschen (Hld 5,3). Ihr Zögern ist eine kleine Bequemlichkeit – sie will sich nicht noch einmal die Mühe machen, sich anzuziehen. Die Szene zeigt, wie selbst kleine Trägheiten die Gemeinschaft mit dem Geliebten verhindern können. Geistlich gedeutet: Wir versäumen oft die Begegnung mit Christus aus Bequemlichkeit oder Gleichgültigkeit.
Was bedeutet die Myrrhe in Hohelied 5,5?
Myrrhe ist ein wohlriechendes Harz, das in der Antike als Parfüm, Salböl und auch zur Einbalsamierung verwendet wurde. Im Hohelied steht Myrrhe für Intimität und Hingabe (Hld 1,13; 4,14). Dass die Hände der Braut von Myrrhe triefen, als sie den Riegel öffnet, deutet darauf hin, dass der Geliebte sie bereits gesalbt hat, als er seine Hand durch die Tür steckte (Hld 5,4). Die Myrrhe symbolisiert die Gegenwart und die Liebe des Geliebten, die noch spürbar ist, obwohl er selbst fort ist.
Warum schlagen die Wächter die Braut in Hohelied 5,7?
Die Wächter der Stadt sind für die Sicherheit in der Nacht verantwortlich. Statt der Braut zu helfen, die ihren Geliebten sucht, schlagen sie sie und nehmen ihr den Umhang. Die Szene ist ein realistisches Bild für die Gefahren, denen eine alleinstehende Frau in der antiken Stadt ausgesetzt war. Geistlich gedeutet: Die Welt und ihre Ordnungen bieten der suchenden Seele oft keine Hilfe, sondern Widerstand und Verletzung. Die Braut erleidet Gewalt, wo sie Schutz erwartet.
Was ist die Bedeutung der Beschreibung des Geliebten in Hohelied 5,10-16?
Die detaillierte Beschreibung des Geliebten (ein wasf, ein altorientalisches Preislied) zeigt, wie die Braut ihn in seiner Abwesenheit preist. Sie malt ihn sich in allen Einzelheiten aus: sein Haupt ist Gold, seine Augen sind Tauben, seine Gestalt ist wie der Libanon. Das ist ein Akt des Glaubens und der Sehnsucht. In der allegorischen Auslegung beschreibt die Braut die Schönheit und Einzigartigkeit Christi – sie bekennt, wer er ist, auch wenn sie ihn nicht gegenwärtig erfährt.
Was bedeutet die Frage der Töchter Jerusalems in Hohelied 5,9?
Die Töchter Jerusalems fragen: »Was ist dein Geliebter vor anderen Geliebten?« Sie fordern die Braut heraus, zu erklären, warum dieser eine Mann so besonders ist. Die Frage ist der Schlüssel zum ganzen Kapitel. Sie zwingt die Braut, ihr Bekenntnis zu formulieren. Für den Leser ist es die Einladung, sich selbst zu fragen: Was macht Christus einzigartig? Warum ist er der Schönste unter allen? Die Antwort der Braut in Hld 5,10-16 ist ein Vorbild für unser Bekenntnis.
Wie hängt Hohelied 5 mit dem Rest des Buches zusammen?
Kapitel 5 steht im Zentrum des Hohelieds. Es wiederholt das Motiv der nächtlichen Suche aus Hld 3,1-5, diesmal jedoch mit einem schmerzlichen Ausgang: Die Braut findet den Geliebten nicht. Das Kapitel zeigt die Dialektik von Nähe und Ferne, die das ganze Buch durchzieht. Nach der Erfüllung in Hld 4 und Hld 5,1 folgt der Verlust. Die Sehnsucht der Braut bereitet die Wiedervereinigung in Hld 6 vor. Das Kapitel lehrt, dass die Liebe auch Phasen der Dunkelheit und des Suchens kennt.