Wunde

Die theologische Untersuchung des biblischen Begriffs Wunde offenbart ein reiches und vielschichtiges Bedeutungsgefüge, das von den Berichten über Leid und Gericht im Alten Testament bis zum Kern der Erlösung und Heilung in der Person und im Werk Jesu Christi reicht. Aus konservativ evangelikaler, protestantischer Sicht ist der Begriff Wunde nicht bloß die Beschreibung eines körperlichen oder geistlichen Schadens, sondern ein Schlüssel zum Verständnis der menschlichen Verderbtheit, der göttlichen Gerechtigkeit und vor allem der rettenden Gnade, die sich im stellvertretenden Opfer Christi offenbart. Diese Studie untersucht Entwicklung, Bedeutung und Anwendung von Wunde, gegründet auf die Autorität der Schrift und die reformierte Theologie, mit besonderem Gewicht auf der Zentralität Christi und den Lehren von sola gratia und sola fide.

Die Bibel als inspiriertes Wort Gottes bietet die Linse, durch die wir das Wesen der Wunde in ihren vielen Dimensionen begreifen. Seit Eden hat der Sündenfall der Schöpfung und der Menschheit eine tiefe Wunde zugefügt, die Schmerz, Krankheit und Tod zur Folge hatte. Doch die biblische Erzählung endet nicht in der Verdammnis; sie weist auf einen Arzt hin und auf die endgültige Heilung, die durch eine noch größere Wunde kommen sollte, getragen von einem leidenden Messias. Diese Untersuchung will diese Themen entfalten und zeigen, dass das Verständnis der Wunde für eine tragfähige Theologie des Heils und des christlichen Lebens unverzichtbar ist.

Exegetische Sorgfalt ist grundlegend, um die Feinheiten des Begriffs Wunde in der Schrift zu erfassen. Im Alten wie im Neuen Testament tragen verschiedene hebräische und griechische Wörter zu unserem Verständnis bei, und jedes fügt eine weitere Tiefenschicht hinzu. Die reformierte Theologie mit ihrer Betonung der Souveränität Gottes und der völligen Verderbtheit des Menschen bietet einen festen Rahmen, um das Ausmaß der Wunde der Sünde und die Hinlänglichkeit der Wunde Christi für unsere Erlösung zu deuten. So wird der Begriff Wunde zum Ausgangspunkt, um über die Notwendigkeit der Gnade und die Herrlichkeit des Kreuzes nachzusinnen.

Die Bedeutung der Beschäftigung mit der Wunde reicht über die akademische Theologie hinaus und wirkt sich unmittelbar auf Frömmigkeit, Anbetung und Dienst des Gläubigen aus. Wer die Tiefe der eigenen geistlichen Wunde und die Größe der Wunde Christi am Kreuz erkennt, wird zu Demut, Dankbarkeit und dem brennenden Wunsch geführt, zur Ehre Gottes zu leben. Die Gemeinde als Leib Christi ist berufen, ein Ort der Heilung für die Verwundeten zu sein und die Botschaft der Hoffnung zu verkünden, die von der erlösenden Wunde des Herrn Jesus ausgeht. Möge diese eingehende Untersuchung den Glauben und das Verständnis aller bereichern, die in der Schrift die Wahrheit suchen.

1. Etymologie und Wurzeln von Wunde im Alten Testament

Im Alten Testament wird der Begriff Wunde durch verschiedene hebräische Wörter ausgedrückt, die nicht nur körperliche Verletzung, sondern auch geistliche, sittliche und soziale Not bezeichnen. Das Verständnis dieser etymologischen Wurzeln ist entscheidend, um die Weite des Begriffs und seine theologische Entwicklung zu erfassen. Zu den wichtigsten Wörtern gehört peṣaʿ (פֶּצַע), das eine Quetschung oder einen Schnitt meint und oft für Verletzungen des Körpers gebraucht wird, so in Jesaja 1,6, wo das Volk Israel als voller "Wunden, Striemen und frischer Schläge" beschrieben wird. Diese Stelle zeigt Israels Zustand als den eines kranken Leibes, geistlich und sittlich durch die Sünde verwundet.

Ein weiteres wichtiges Wort ist makkah (מַכָּה), das Schlag, Plage oder Wunde bedeutet, häufig mit dem Beiklang einer von Gott verhängten Heimsuchung. In 5. Mose 28,27 und 35 bezeichnet makkah die Plagen und Geschwüre, die als Folge des Ungehorsams gegen Gottes Gesetz kommen würden, und zeigt die Wunde damit als Werkzeug des göttlichen Gerichts. Außerdem bezeichnet ḥabburah (חַבּוּרָה) eine Beule oder Strieme, wie sie von Schlägen herrührt, und begegnet besonders in der messianischen Weissagung von Jesaja 53,5, wo es heißt: "durch seine Wunden (ḥabburah) sind wir geheilt". Damit wird auf das stellvertretende Leiden des Knechtes des HERRN hingewiesen.

Das Wort daqa' (דַּקָּא) wird zwar nicht direkt mit Wunde übersetzt, bedeutet aber "zerschlagen" oder "zermalmen" und steht in Jesaja 53,5 ("um unsrer Sünde willen zerschlagen [daqa']"), was die Heftigkeit des Leidens des Messias unterstreicht. Der Gebrauch dieser Wörter im Alten Testament erstreckt sich auf verschiedene Lebensbereiche. In den Erzählungen begegnen uns Wunden aus Konflikten (etwa die Wunden Sauls und Davids in den Schlachten), aus Unfällen oder aus Gewalt zwischen Menschen (so die tödliche Wunde, die Kain dem Abel in 1. Mose 4,8 zufügte, und die Prahlerei Lamechs in 1. Mose 4,23 über seine eigene Wunde und Beule). Das mosaische Gesetz regelt den Ausgleich für zugefügte Wunden (2. Mose 21,23-25) sowie Reinheitsvorschriften für Male und Geschwüre (3. Mose 13-14) und zeigt damit die Sorge um die körperliche Unversehrtheit und die Gesundheit der Gemeinschaft.

In den prophetischen Büchern gewinnt die Wunde eine geistliche und nationale Dimension. Die Propheten beschreiben das Volk Israel häufig als geistlich verwundet wegen seines Götzendienstes und seines Ungehorsams gegen den HERRN. Jeremia 8,21-22 klagt über die "Wunde" des Volkes und fragt, ob denn keine Salbe in Gilead sei, die sie heilen könnte. Diese bildhafte Sprache hebt die Tiefe des Abfalls und das daraus folgende Leid hervor. Der Höhepunkt der alttestamentlichen Offenbarung über die Wunde ist jedoch die Weissagung vom leidenden Gottesknecht in Jesaja 53, wo die Wunde unmittelbar mit der Sühne für die Sünden des Volkes verbunden wird. Der Knecht Gottes sollte Wunden und Leiden tragen, um Heilung und Erlösung zu bringen, eine fortschreitende Offenbarung, die auf den kommenden Messias hinweist.

Auch die Weisheitsliteratur spricht von der Wunde und verbindet sie oft mit den Folgen von Torheit und Sünde. Sprüche 23,29 fragt: "Wo ist Weh? Wo ist Leid? Wo ist Zank? Wo ist Klagen? Wo sind Wunden ohne Ursache? Wo sind trübe Augen?", und antwortet, dass dies jene trifft, die lange beim Wein sitzen und kommen, um Gemischtes zu kosten. Hier ist die Wunde die unmittelbare Folge von Fehlverhalten und mangelnder Weisheit. Das hebräische Denken versteht die Wunde also als Zeichen dafür, dass etwas grundlegend nicht stimmt, sei es im Leib, im Volk oder in der Seele, und weist oft auf die Notwendigkeit göttlichen Eingreifens oder einer Umkehr hin.

2. Wunde im Neuen Testament und ihre Bedeutung

Im Neuen Testament vertieft sich das Verständnis der Wunde und richtet sich in eindrücklicher Weise auf die Person und das Werk Jesu Christi aus. Auch wenn das Wort "Wunde" nicht immer so häufig oder in solcher Vielfalt vorkommt wie im Alten Testament, sind die Vorstellungen von Leiden, Schlag und Strafe, die Wunden zur Folge haben, für die christliche Heilslehre von entscheidender Bedeutung. Das gebräuchlichste griechische Wort für Wunde oder Schlag ist plēgē (πληγή), das Schlag, Plage oder Wunde bedeuten kann. Es steht in Lukas 12,48 für die Schläge, die einem nachlässigen Knecht zugefügt werden, und vielfach in der Offenbarung für die göttlichen Plagen. Ein weiteres Wort, trauma (τραῦμα), von dem auch unser Fremdwort "Trauma" herkommt, wird in Lukas 10,34 im Gleichnis vom barmherzigen Samariter gebraucht, wo der Mann "halb tot" mit seinen Wunden aufgefunden wird und der Pflege und Heilung bedarf.

Das Wort mit dem größten theologischen Gewicht ist jedoch mōlōps (μώλωψ), das eine Quetschung, eine Schwellung oder eine Strieme bezeichnet. Dieses Wort ist von höchster Bedeutung in 1. Petrus 2,24, wo der Apostel Petrus Jesaja 53,5 aufnimmt und sagt, dass Jesus "unsre Sünden selbst hinaufgetragen hat an seinem Leibe auf das Holz, damit wir, der Sünde abgestorben, der Gerechtigkeit leben. Durch seine Wunden (mōlōps) seid ihr heil geworden." Hier wird die unmittelbare Verbindung zwischen den Wunden Christi und unserem Heil und unserer Heilung ausdrücklich hergestellt. Die wörtliche Bedeutung von Wunde im Neuen Testament umfasst die körperlichen Verletzungen, die Jesus in seinem Leiden zugefügt wurden: die Geißelung (Matthäus 27,26), die Dornenkrone (Markus 15,17), die Nägel in seinen Händen und Füßen (Johannes 20,25) und den Speer, der seine Seite durchbohrte (Johannes 19,34). Dies sind keine bloßen Schilderungen von Leid; sie sind sichtbare Zeugnisse des stellvertretenden Opfers Christi.

In den Evangelien sind die Wunden Christi der Höhepunkt der Erfüllung der alttestamentlichen Weissagung. Die Schilderung der Kreuzigung verschweigt nicht die Grausamkeit der Wunden, die dem Heiland zugefügt wurden. Nach der Auferstehung dienen die Wunden Jesu, besonders die Nägelmale und die Wunde in seiner Seite, als unwiderlegbarer Beweis seiner Identität und seiner Auferstehung, wie die Erfahrung des Thomas in Johannes 20,25-27 zeigt. Die Wunden Christi wurden bei seiner Verherrlichung also nicht getilgt, sondern blieben als ewige Zeugnisse seines Erlösungswerkes bestehen, als sichtbares Denkmal seiner Liebe und seines Opfers.

In den Briefen liegt der Schwerpunkt auf der erlösenden Kraft der Wunden Christi. Wie bereits erwähnt, ist 1. Petrus 2,24 eine der deutlichsten Stellen. Paulus gebraucht in seinen Briefen das Wort "Wunde" zwar nicht so ausdrücklich zur Beschreibung des Heilsgeschehens, verweist aber beständig auf das Kreuz, auf den geopferten Leib Christi und auf das vergossene Blut als Grund unserer Erlösung (Römer 5,8-9 Epheser 2,16 Kolosser 1,20). Das Kreuz ist der Ort, an dem Christus in seinem verwundeten Leib den Zorn Gottes über die Sünde trug und so zur Sühne für unsere Sünden wurde. Die Wunden Christi sind theologisch betrachtet die leibliche Gestalt des göttlichen Gerichts, das er an unserer Stelle getragen hat.

Auch das johanneische Schrifttum, besonders die Offenbarung, spricht auf symbolische und herrliche Weise von den Wunden Christi. Jesus wird beschrieben als "ein Lamm stehen, wie geschlachtet" (Offenbarung 5,6), an dem die Male seines Leidens noch sichtbar sind, nun aber in Herrlichkeit. Dieses Bild bekräftigt, dass seine Wunden ewig sind, nicht als Erinnerung an den Schmerz, sondern als Zeichen seines Sieges über Sünde und Tod. Zwischen Altem und Neuem Testament besteht im Blick auf die Wunde eine klare Kontinuität. Das Alte Testament stellt das Problem der Wunde der Sünde fest und weissagt einen Erlöser, der verwundet werden sollte. Das Neue Testament zeigt zugleich die Diskontinuität: Die Wunde Christi ist nicht nur Ausdruck menschlichen Leidens, sondern die einzige Wunde, die die allgemeine Wunde der Sünde heilen kann; sie verwandelt Fluch in Segen und Leiden in Heil.

3. Wunde in der paulinischen Theologie: die Grundlage des Heils

Die paulinische Theologie verwendet das Wort "Wunde" zwar nicht als zentralen Fachbegriff für das Heil, gründet aber ihre gesamte Heilslehre auf die Wirklichkeit des Leidens und Sterbens Jesu Christi, das notwendigerweise körperliche und geistliche Wunden einschloss. Für Paulus ist das Kreuz Christi der Brennpunkt der Heilsgeschichte, und an ihm sind die Wunden Christi das Mittel, durch das Gottes Gerechtigkeit Genüge getan und das Heil für die Menschheit erwirkt wurde. Die Paulusbriefe, besonders Römer, Galater und Epheser, legen im Einzelnen dar, wie der verwundete Leib Christi am Kreuz die Grundlage unserer Rechtfertigung, Erlösung und Versöhnung mit Gott bildet.

In der ordo salutis (Heilsordnung) ist das Werk Christi am Kreuz mit seinen Wunden und seinem vergossenen Blut das objektive Geschehen, das das Heil möglich macht. Paulus erklärt in Römer 3,25, dass Gott ihn "hingestellt hat als Sühne in seinem Blut zum Erweis seiner Gerechtigkeit durch den Glauben", was das Opfer und den gewaltsamen Tod einschließt, der Wunden mit sich brachte. Sühne bedeutet, dass dem Zorn Gottes über die Sünde Genüge getan wird, und dies geschah durch den verwundeten Leib Christi. In Römer 5,8-9 sagt Paulus, dass "Christus für uns gestorben ist, als wir noch Sünder waren", und dass wir "um so viel mehr, nachdem wir jetzt durch sein Blut gerecht geworden sind, durch ihn bewahrt werden vor dem Zorn". Das "Blut" steht hier sinnbildlich für den Opfertod Christi, zu dem die Wunden der Kreuzigung gehörten.

Die für Paulus zentrale Lehre von der Rechtfertigung ist untrennbar mit dem Werk Christi am Kreuz verbunden. Wir werden gerecht durch den Glauben, nicht durch Werke des Gesetzes (Römer 3,28 Galater 2,16). Diese Rechtfertigung ist ein forensischer Akt Gottes, der uns gerecht spricht aufgrund der vollkommenen Gerechtigkeit Christi, die uns zugerechnet wird, und aufgrund der Bezahlung für unsere Sünden durch seine Wunden. Unsere Wunde der Sünde, die uns vor einem heiligen Gott schuldig machte, wurde durch die opfernde Wunde Christi bedeckt. Calvin betonte in seiner Theologie die Notwendigkeit der stellvertretenden Genugtuung Christi, in der er die uns zustehende Strafe trug, einschließlich der körperlichen Wunden und des geistlichen Leidens der Trennung von Gott.

Auch die Erlösung ist ein hervorgehobenes Thema der paulinischen Theologie und eng mit den Wunden Christi verbunden. Wir sind teuer erkauft (1. Korinther 6,20 7,23), und dieser Preis war das Blut Christi, vergossen in seinem Tod am Kreuz. Die Wunden Christi sind der greifbare Beweis dieses bezahlten Preises. Wir sind nicht durch menschliches Verdienst oder durch Werke des Gesetzes erlöst, sondern durch das vollkommene und hinreichende Werk Christi. Die Versöhnung mit Gott, dessen Feinde wir wegen unserer Sünden waren, wird durch den Tod Christi erwirkt (Römer 5,10 2. Korinther 5,18-19). Der verwundete Leib des Herrn Jesus am Kreuz hat die Feindschaft beseitigt und die Gemeinschaft wiederhergestellt.

In Kolosser 1,21-22 schreibt Paulus: "Auch euch, die ihr einst fremd und feindlich gesinnt wart in bösen Werken, hat er nun versöhnt durch den Tod seines sterblichen Leibes, damit er euch heilig und untadelig und makellos vor sein Angesicht stelle." Die Wendung "durch den Tod seines sterblichen Leibes" verweist unmittelbar auf das körperliche Leiden und die Wunden Christi. Auch die Heiligung, der Vorgang der Umgestaltung in das Bild Christi, und die Verherrlichung, die endgültige Vollendung des Heils, wurzeln in der Einheit mit Christus in seinem Tod und seiner Auferstehung. Paulus lehrt, dass wir in den Tod Christi getauft sind (Römer 6,3-5), mit ihm der Sünde gestorben und zu neuem Leben auferweckt. Dieser Tod schloss seine Wunden ein, und unsere Einsmachung mit ihm bedeutet, dass unser alter Mensch, gezeichnet von der Wunde der Sünde, mit ihm gekreuzigt ist.

Die paulinische Theologie stellt das Heil durch die Wunde Christi immer wieder der Vergeblichkeit von Gesetzeswerken und menschlichem Verdienst gegenüber. Keine noch so große menschliche Anstrengung kann die tiefe Wunde der Erbsünde und der völligen Verderbtheit heilen. Nur das vollkommene und abgeschlossene Werk Christi, sichtbar in seinen Wunden und seinem Tod, kann das Heil bewirken. Luther betonte mit der Verkündigung des sola fide, dass der rettende Glaube allein auf dem Verdienst Christi ruht, auf dem, was er am Kreuz für uns getan hat, als er die Strafe und die Wunden trug, die von Rechts wegen uns gebührten. Auch wenn der Begriff "Wunde" bei Paulus also nicht zum Grundwortschatz gehört, ist die Wirklichkeit, die er bezeichnet, nämlich das Opferleiden Christi, die eigentliche Grundlage des Heils, das er so leidenschaftlich verkündigte.

4. Aspekte und Arten von Wunde

Der Begriff Wunde beschränkt sich in der evangelikalen Theologie nicht auf eine einzige Erscheinungsform, sondern umfasst verschiedene Seiten, die die Vielschichtigkeit von Leid und Erlösung erkennen lassen. Wir können zwischen körperlichen, geistlichen, seelischen und sogar kirchlichen Wunden unterscheiden, die jeweils eigene theologische Folgerungen haben. Körperliche Wunden sind die wörtlichste Form, beispielhaft sichtbar in den Wunden Christi am Kreuz, die den Höhepunkt des erlösenden Leidens bilden. Sie zeigen sich aber auch in Krankheiten, Unfällen und Verfolgungen, die Gläubige erdulden müssen, wie Paulus in 2. Korinther 11,23-27 erwähnt, wo er seine eigenen Wunden und körperlichen Leiden um des Evangeliums willen aufzählt.

Die geistliche Wunde ist die tiefste und allgemeinste; sie meint die völlige Verderbtheit der Menschheit als Folge der Erbsünde (Römer 3,23). Diese Wunde entfremdet uns von Gott und macht uns geistlich tot (Epheser 2,1). Es ist eine Wunde, die kein menschliches Werk heilen kann; sie erfordert das souveräne und gnädige Eingreifen Gottes durch Christus. Die reformierte Theologie betont das Ausmaß dieser Wunde und legt dar, dass die Sünde alle Bereiche des Menschen erfasst hat, Verstand, Willen und Gefühle, sodass er aus eigener Kraft nicht fähig ist, Gott zu suchen. Das ist die Wunde, zu deren Heilung die Wunden Christi gekommen sind.

Seelische und psychische Wunden werden in der Bibel zwar nicht ausdrücklich mit dem Begriff "Wunde" beschrieben, gelten aber als Teil des menschlichen Leidens in einer gefallenen Welt. Traumata, Trauer, Depression und Angst sind Wirklichkeiten, die auch Gläubige heimsuchen, und der christliche Glaube schenkt Trost und Hoffnung durch Christus, der "voller Schmerzen und Krankheit" war (Jesaja 53,3). Das Wirken des Heiligen Geistes ist wesentlich für die Heilung dieser Wunden; er befähigt den Gläubigen, in Gott Frieden und Wiederherstellung zu finden (Philipper 4,6-7). Schließlich gibt es kirchliche Wunden: Spaltungen, Irrlehren, Ärgernisse und Streitigkeiten, die den Leib Christi quälen (1. Korinther 1,10-13). Diese Wunden beeinträchtigen das Zeugnis der Gemeinde und verlangen Buße, Vergebung und Versöhnung.

Zu den wichtigen theologischen Unterscheidungen gehört die zwischen der Wunde der Erbsünde und der Wunde Christi. Die erste ist unser Zustand der Zerbrochenheit und Trennung von Gott; die zweite ist Gottes Antwort auf diese Zerbrochenheit. Die reformierte Theologie hält im Anschluss an Augustinus und Calvin an der Lehre von der Erbsünde fest und betont, dass alle mit einer tiefen geistlichen Wunde geboren werden, die sie schuldig und unfähig macht, Gott zu gefallen. Die Wunden Christi dagegen sind in ihrem erlösenden und sühnenden Charakter einzigartig. Sie sind nicht Folge eigener Sünde, sondern wurden stellvertretend zu unserem Heil getragen. Spurgeon predigte oft über die Tiefe der Wunde der Sünde und die Hinlänglichkeit der Wunde Christi und rief die Sünder auf, auf den gekreuzigten Heiland zu blicken.

Die Geschichte der reformierten Theologie hat seit den Reformatoren beständig die unbedingte Notwendigkeit des Werkes Christi am Kreuz für die Heilung der Wunde der Sünde bekräftigt. Luther betonte in seiner Kreuzestheologie, dass wahre Theologie nicht in der Herrlichkeit, sondern in der Erniedrigung und im Leiden Christi gelernt wird. Zu den Lehrirrtümern, die zu meiden sind, gehören der Pelagianismus und der Semipelagianismus, die die Tiefe der Wunde der Erbsünde verharmlosen und nahelegen, der Mensch habe die angeborene Fähigkeit, sein eigenes Heil einzuleiten. Diese Sicht unterschätzt die Notwendigkeit und Wirksamkeit der Wunden Christi.

Ein weiterer Irrtum ist einerseits der Antinomismus, der die Gnade verzerren kann, indem er meint, die Wunden Christi befreiten uns von jeder sittlichen Verpflichtung, und andererseits die Gesetzlichkeit, die der Hinlänglichkeit der Wunden Christi für das Heil menschliche Werke hinzufügen will. Beide weichen vom biblischen Gleichgewicht ab. Die reformierte Theologie mit ihrer Betonung der Souveränität Gottes und der unwiderstehlichen Gnade schützt vor diesen Extremen und bekräftigt, dass die Wunde der Sünde so tief ist, dass nur die Wunde eines göttlich-menschlichen Heilands vollständige und ewige Heilung schenken kann. Die Heilung, die die Wunden Christi bringen, ist eine ganzheitliche Heilung: Vergebung der Sünde, Wiedergeburt des Herzens und die Verheißung eines verherrlichten Leibes.

5. Wunde und das praktische Leben des Gläubigen

Das theologische Verständnis der Wunde geht über den Bereich der Lehre hinaus und durchdringt das praktische Leben des Gläubigen; es prägt seine Frömmigkeit, seine Anbetung und seinen Dienst. Wer die Tiefe der eigenen geistlichen Wunde, die aus der Sünde stammt, und die Größe der Wunden Christi am Kreuz erkennt, wird zu tiefer Demut und unaufhörlicher Dankbarkeit geführt. In Epheser 2,8-9 erinnert uns Paulus: "Denn aus Gnade seid ihr gerettet durch Glauben, und das nicht aus euch: Gottes Gabe ist es, nicht aus Werken, damit sich nicht jemand rühme." Diese Wahrheit verwehrt jede Selbstrechtfertigung und führt uns in die völlige Abhängigkeit vom verwundeten Opfer Christi.

Der Glaube an die Wirksamkeit der Wunden Christi hebt die persönliche Verantwortung nicht auf, sondern begründet sie. Aus Gnade gerettet, sind wir zum Gehorsam und zur Heiligung berufen (Römer 6,1-2). Das christliche Leben ist ein Weg der Umgestaltung in das Bild Christi, auf dem wir danach streben, uns selbst und anderen durch Sünde keine neuen Wunden zuzufügen. Der Apostel Paulus ermahnt die Gläubigen: "Stellt euch nicht dieser Welt gleich, sondern ändert euch durch Erneuerung eures Sinnes" (Römer 12,2). Das verlangt ständige Wachsamkeit gegenüber Versuchungen, die uns zur Sünde verleiten und uns selbst erneut verwunden, ebenso wie den Leib Christi, könnten.

Die Frömmigkeit des Gläubigen wird tief geprägt durch die Betrachtung der Wunden Christi. Gebet, Lesen des Wortes und Gemeinschaft mit Gott werden bereichert, wenn wir uns an den Preis erinnern, der für unsere Erlösung bezahlt wurde. Wie Dr. Martyn Lloyd-Jones sagte, ist wahre Frömmigkeit kein Streben nach Gefühlen, sondern die Anwendung der Wahrheit des Evangeliums auf Herz und Verstand. Der christliche Gottesdienst wiederum soll christuszentriert sein und den verherrlichen, der uns durch seine Wunden das Leben gebracht hat. Choräle, Lieder und Predigten sollen auf das Kreuz und das leere Grab hinweisen und den Sieg feiern, der aus dem Leiden des Heilands hervorgeht.

Im Dienst ist der Gläubige berufen, in einer verwundeten Welt ein Werkzeug der Heilung zu sein. Wie der barmherzige Samariter sich des Verwundeten annahm (Lukas 10,33-35), so sind Christen berufen, den Verwundeten zu dienen, körperlich, geistlich und seelisch. Das zeigt sich in Werken der Nächstenliebe, in Barmherzigkeit, Evangelisation und Jüngerschaft. Die Gemeinde als Leib Christi ist ein "Krankenhaus für Sünder", ein Ort, an dem Verwundete Trost, Heilung und Hoffnung in den Wunden des großen Arztes finden. Der Missionsbefehl (Matthäus 28,19-20) ist ein Ruf, die Botschaft von Heilung und Heil zu allen Völkern zu bringen und zu verkünden, dass es durch die Wunden Jesu Vergebung und neues Leben gibt.

Die Folgerungen für die Gemeinde von heute sind tiefgreifend. In einer Welt voller Schmerz, Traumata und Spaltungen hat die Gemeinde das Vorrecht und die Verantwortung, ein Leuchtfeuer der Hoffnung zu sein. Wir sollen eine Gemeinschaft sein, die ihre eigenen Wunden nicht verbirgt, sondern in Christus Heilung findet und ihrerseits anderen dient. Die Predigt muss der Lehre vom stellvertretenden Sühnopfer treu bleiben und betonen, dass die einzige Lösung für die Wunde der Sünde der Menschheit in den Wunden Jesu liegt. Leiter sollen die Herde mit Behutsamkeit weiden und daran denken, dass sie selbst begnadigte und geheilte Sünder sind.

Die seelsorgerlichen Ermahnungen, die sich aus dem Begriff Wunde ergeben, sind vielfältig. Erstens dürfen wir die Tiefe unserer eigenen Wunde der Sünde niemals verharmlosen, damit wir nicht die Herrlichkeit der uns geschenkten Heilung schmälern. Zweitens sollen wir stets auf die Wunden Christi blicken als die Quelle unseres Heils, unseres Friedens und unserer Hoffnung. Drittens sind wir berufen, die Wunden und Leiden des Lebens mit Geduld zu tragen, in dem Wissen, dass sie in Christus unserer Heiligung und der Ehre Gottes dienen können (Römer 8,28). Viertens müssen wir darauf achten, unseren Brüdern und Schwestern im Glauben keine unnötigen Wunden zuzufügen, sondern Einheit und Liebe zu suchen (Epheser 4,32).

Das Gleichgewicht zwischen Lehre und Praxis ist unverzichtbar. Die Lehre von den Wunden Christi ist das unerschütterliche Fundament unseres Glaubens, doch sie muss zu einem verwandelten Leben führen. Wir sind nicht durch Werke gerettet, sondern zu guten Werken (Epheser 2,10). Die Betrachtung der Wunden des Heilands soll uns antreiben, ein Leben der Dankbarkeit, des Dienstes und der Liebe zu führen, das die empfangene Gnade widerspiegelt. Möge jeder Gläubige im Glauben die Wunden Jesu betrachten, Heilung für die eigene Seele finden und der Berufung würdig leben, die er empfangen hat, zur Ehre Gottes, des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes.