Steh auf
Steh auf ist die gängige Wiedergabe einer Gruppe hebräischer und griechischer Imperative, die jemanden auffordern, sich zu erheben, aufzustehen und zu handeln. Im Alten Testament ist es oft das erste Wort eines göttlichen Auftrags: Gott sagt Abram, Josua und Jona, dass sie aufstehen sollen, bevor er ihnen sagt, wohin sie gehen sollen. Bei den Propheten wird es zum Ruf an ein gedemütigtes Volk, etwa wenn Zion hört: „Mache dich auf, werde licht; denn dein Licht kommt“ (Jes 60,1).
In den Evangelien bekommt derselbe Befehl ein neues Gewicht. Aus dem Mund Jesu ergeht „steh auf“ an Tote, und die Toten gehorchen: die Tochter des Jaïrus (Mk 5,41) und der Sohn der Witwe von Nain (Lk 7,14). Die Apostel wiederholen das Wort im Namen Jesu (Apg 9,40), und Paulus wendet es auf das geistliche Erwachen der Gläubigen an (Eph 5,14). Das biblische „Steh auf“ reicht also von der Berufung bis zur Auferstehung, und in beiden Fällen ist es Gottes Wort, das die Kraft zum Gehorsam schenkt.
1. Etymologie und Bedeutung
Das wichtigste hebräische Verb ist qûm (קוּם), „aufstehen, sich erheben, fest stehen“. Seine Imperativformen sind qûm (an einen Mann) und qûmî (an eine Frau oder eine als Frau personifizierte Stadt, wie in Jes 60,1, qûmî ’ôrî, „mache dich auf, werde licht“). Dieselbe Wurzel bedeutet im Kausativ „erwecken“ oder „aufrichten“ und wird gebraucht, wenn Gott Richter erweckt oder seinen Bund aufrichtet. Sehr oft steht qûm als einleitendes Verb vor einem weiteren Befehl: „mach dich auf und durchzieh“ (1. Mose 13,17), „mach dich auf und zieh“ (Jos 1,2), „mach dich auf und geh“ (Jona 1,2). Ein verwandtes Verb, ‘ûr, „erwachen“, erscheint in den prophetischen Rufen „Wach auf, wach auf“ (Jes 51,9; 52,1).
Im Griechischen tragen zwei Verben den Gedanken. Egeirō bedeutet „wecken, aufrichten“; sein Imperativ egeire („steh auf“) wird von Jesus bei Heilungen und Totenerweckungen gebraucht (Mk 2,11; 5,41), und sein Passiv beschreibt seine eigene Auferstehung: „Er ist auferstanden“ (Mt 28,6). Anistēmi bedeutet „aufstehen, aufrichten“; sein Imperativ lautet anastēthi oder anasta (Apg 9,40; Eph 5,14), und davon kommt anastasis, das neutestamentliche Wort für Auferstehung. In Mk 5,41 bewahrt der Evangelist Jesu aramäische Worte, Talita kum, aus ṭalyĕtā’ („Mädchen“) und qûm („steh auf“); einige Handschriften haben koumi, die weibliche Form.
2. Historischer Kontext und biblischer Gebrauch
Steh auf und geh: der Ruf zum Gehorsam
Im Leben Israels markiert der Befehl aufzustehen Wendepunkte. Nachdem Lot sich von ihm getrennt hatte, sagte der HERR zu Abram, er solle sich aufmachen und das Land in die Länge und Breite durchziehen, denn er wolle es ihm geben (1. Mose 13,17). Nach dem Tod des Mose erging das Wort an Josua: So mach dich nun auf und zieh über den Jordan (Jos 1,2). Als der HERR Jona sandte, sprach er: „Mache dich auf und geh in die große Stadt Ninive“ (Jona 1,2); Jona machte sich zwar auf, aber um nach Tarsis zu fliehen (Jona 1,3), und erst nach dem zweiten Ruf machte er sich auf und ging (Jona 3,2-3). Zum erschöpften Elia sagte ein Engel zweimal: „Steh auf und iss!“, denn der Weg war ihm zu weit (1. Kön 19,5-7).
HERR, steh auf: das Gebet des Volkes
Dasselbe Verb wird in umgekehrter Richtung gebraucht, im Gebet. Wenn die Lade in der Wüste aufbrach, sprach Mose: „HERR, steh auf! Lass deine Feinde zerstreut werden“ (4. Mose 10,35), und der Psalmist bat: „HERR, mache dich auf zur Stätte deiner Ruhe“ (Ps 132,8). Israels „Steh auf“ an Gott ist die Bitte, dass er handeln möge; Gottes „Steh auf“ an Israel ist der Befehl, zu vertrauen und aufzubrechen.
Steh auf aus dem Staub: prophetische Hoffnung
Die Propheten reden Jerusalem an wie eine Frau, die im Staub der Erniedrigung sitzt: Schüttle den Staub ab, steh auf (Jes 52,2). In Jes 60,1-3 wird sie aufgerufen, sich aufzumachen und licht zu werden, denn die Herrlichkeit des HERRN geht auf über ihr, und Völker werden zu ihrem Licht ziehen. Die Sprache des Aufstehens drückt auch die Hoffnung auf Auferstehung aus: Deine Toten werden leben, ihre Leichname werden auferstehen (Jes 26,19; siehe auch Dan 12,2).
3. Wichtige Bibelstellen
Mk 5,35-43 (parallel Lk 8,49-56). Boten melden Jaïrus, dass seine Tochter gestorben ist. Jesus ergreift das Kind bei der Hand und spricht: „Talita kum!“, was Markus übersetzt: „Mädchen, ich sage dir, steh auf!“ Sogleich steht das zwölfjährige Mädchen auf und geht umher. Die Zärtlichkeit des Wortes („Mädchen“) verbindet sich mit göttlicher Vollmacht („ich sage dir“).
Lk 7,11-17. Am Stadttor von Nain begegnet Jesus dem Leichenzug des einzigen Sohnes einer Witwe. Voll Erbarmen berührt er die Bahre und sagt: „Jüngling, ich sage dir, steh auf!“ Der Tote richtet sich auf und fängt an zu reden, und Jesus gibt ihn seiner Mutter. Die Menge erkennt, dass Gott sein Volk besucht hat.
Apg 9,36-42. In Joppe stirbt Tabita (Dorkas), eine Jüngerin, die für gute Werke und Almosen bekannt war. Petrus schickt alle hinaus, kniet nieder, betet und sagt dann: „Tabita, steh auf!“ Sie öffnet die Augen und setzt sich auf, und viele kommen zum Glauben an den Herrn. Petrus spricht nicht aus eigener Vollmacht; er betet zuerst, und kurz zuvor im selben Kapitel hatte er zu Äneas gesagt: „Jesus Christus macht dich gesund; steh auf“ (Apg 9,34).
Eph 5,14. Paulus zitiert einen Spruch, wahrscheinlich einen frühchristlichen Hymnus, der an Jes 60,1 anklingt: „Wach auf, der du schläfst, und steh auf von den Toten, so wird dich Christus erleuchten.“ Hier ergeht der Befehl an Menschen, die tot waren in Übertretungen und Sünden und mit Christus lebendig gemacht wurden (Eph 2,1-5), und ruft sie, die Werke der Finsternis zu lassen und als Kinder des Lichts zu leben.
4. Theologische Bedeutung
Erstens zeigt das biblische „Steh auf“, dass Gottes Wort schenkt, was es befiehlt. Ein totes Mädchen kann keinem Befehl gehorchen, und doch gehorcht es dem Wort Jesu, weil das Wort selbst Leben trägt. Das ist dasselbe Muster wie in der Schöpfung, wo Gott spricht und es geschieht. So geschieht auch die Rettung: Der Sünder, tot in der Sünde, steht auf, weil Christus ihn ruft (Eph 2,4-5).
Zweitens sind die Totenerweckungen durch Jesus und die Apostel Zeichen, die nach vorn weisen. Das Mädchen, der Jüngling und Tabita kehrten ins sterbliche Leben zurück und mussten wieder sterben. Sie nehmen die Auferstehung Jesu selbst vorweg, des Erstlings unter denen, die entschlafen sind (1. Kor 15,20), und den letzten Tag, an dem alle, die in den Gräbern sind, seine Stimme hören und hervorgehen werden (Joh 5,28-29). Die alttestamentliche Hoffnung, dass Gott sein Volk aufrichten werde (Hos 6,2; Jes 26,19), findet in ihm ihre Erfüllung.
Drittens hat das Aufstehen immer ein Ziel. Abram steht auf, um das verheißene Land zu durchziehen, Josua, um den Jordan zu überschreiten, Jona, um zu predigen, Zion, um für die Völker zu leuchten, der Gläubige, um im Licht zu leben. Gott richtet sein Volk nicht nur auf, um es zu trösten, sondern um es zu senden.
5. Nachwirkung und kanonische Bezüge
Das Wort erscheint an vielen entscheidenden Stellen der biblischen Geschichte. Der verlorene Sohn sagt: „Ich will mich aufmachen und zu meinem Vater gehen“, und er machte sich auf und kam (Lk 15,18-20). In Gethsemane sagt Jesus zu den schlafenden Jüngern: „Steht auf, lasst uns gehen!“ (Mk 14,42). Der auferstandene Christus sagt dem gestürzten Saulus, er solle aufstehen und in die Stadt gehen (Apg 9,6), und Hananias sagt ihm, er solle aufstehen und sich taufen lassen (Apg 22,16). Die Geliebte im Hohenlied hört: „Steh auf, meine Freundin, meine Schöne, und komm her!“ (Hld 2,10). Paulus erinnert die Römer, dass die Stunde da ist, vom Schlaf aufzustehen (Röm 13,11).
Das aramäische Talita kum gehört zu den wenigen Worten Jesu, die in seiner eigenen Sprache überliefert sind, ein Zeichen dafür, wie tief dieser Augenblick sich in das Gedächtnis der ersten Jünger eingeprägt hat. In Gottesdienst und Predigt wird Jes 60,1 seit langem in der Epiphanias- und Adventszeit gelesen, als Ruf an die Gemeinde, das Licht Christi widerzuspiegeln.
6. Anwendung für heute
Viele Gläubige hören Gottes „Steh auf“ in einer Zeit, in der sie sich unfähig fühlen zu stehen: nach einem Verlust wie Josua, in Erschöpfung wie Elia, nach einer Flucht wie Jona. Die Schrift lehrt, dass der Befehl mit Kraft kommt. Der Engel gab Elia Speise vor dem Weg; der Herr gab Jona einen zweiten Ruf. Wenn Gott „Steh auf“ sagt, schenkt er auch, was wir zum Gehorsam brauchen.
Das Wort ist auch eine Einladung, aus geistlicher Schläfrigkeit zu erwachen. Der Ruf des Paulus, „Wach auf, der du schläfst“, richtet sich an Christen, die sich an die Finsternis gewöhnen können. Aufstehen heißt, zum Gebet, zur Schrift und zum Gehorsam zurückzukehren und Christus über uns leuchten zu lassen.
Schließlich ist das „Steh auf“, das über einem Mädchen in Kapernaum gesprochen wurde, eine Verheißung für alle, die zu Christus gehören. Dieselbe Stimme wird eines Tages sein Volk aus dem Grab rufen. Bis dahin ist jeder kleine Akt treuen Gehorsams eine Vorübung auf jenen Morgen, an dem wir auferstehen werden, um für immer bei ihm zu sein.