2. Mose 3 erzählt die Berufung des Mose am brennenden Dornbusch. Gott offenbart sich als der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs und gibt seinen Namen bekannt: „Ich bin, der ich bin“ (JHWH). Mose wird gesandt, Israel aus Ägypten zu führen. Die Kapitel markiert einen Wendepunkt: Gottes verborgenes Handeln wird sichtbar, und ein scheuer Hirte wird zum Befreier eines Volkes. Die Begegnung am heiligen Boden ist der Auftakt zur Erlösungsgeschichte des Exodus.
Historischer Kontext
Das Buch Exodus setzt die Erzählung von 1. Mose fort. Die Israeliten leben seit Generationen in Ägypten, sind aber zu Sklaven eines Pharao geworden, der Josef nicht mehr kennt (2Mo 1,8). Mose, als hebräisches Kind gerettet und am Hof erzogen, musste nach einem Totschlag nach Midian fliehen (2Mo 2,11-15). Dort heiratet er Zippora, die Tochter des Priesters Jitro, und hütet dessen Schafe.
Der Berg Horeb (auch Sinai genannt) ist in der Tradition der Ort der Gottesbegegnung und später der Gesetzgebung. Dass Gott sich gerade in der Wüste, fern von Ägyptens Machtzentren, offenbart, ist programmatisch: Er sucht die Niedrigen und Verachteten auf. Der brennende Dornbusch, der nicht verbrennt, ist ein Bild für Gottes Gegenwart, die verzehrt, aber nicht vernichtet – ein Trost für ein versklavtes Volk. Die Offenbarung des Gottesnamens JHWH („Ich bin“) ist der theologische Höhepunkt: Gott macht sich namentlich bekannt und bindet sich an sein Volk.
Vers für Vers
- 1:
Mose hütet die Schafe seines Schwiegervaters Jitro, des Priesters von Midian, und treibt die Herde „über die Steppe hinaus“ zum Gottesberg Horeb. Die Wüste ist kein Ort der Leere, sondern der Vorbereitung. Gott führt seinen Diener an den Ort der Begegnung, noch bevor Mose ihn sucht.
- 2:
Der Engel JHWHs erscheint in einer Feuerflamme aus einem Dornbusch. Das brennende, aber nicht verbrennende Gestrüpp ist ein Paradox: Gottes Gegenwart verzehrt nicht, sondern bewahrt. Es ist ein erstes Zeichen der Gnade – Gott kommt in die Niedrigkeit, nicht in majestätischem Feuer vom Himmel.
- 3:
Mose zeigt Neugier: „Ich will hingehen und diese große Erscheinung besehen.“ Diese Bereitschaft, hinzusehen, ist der Beginn jeder Gotteserfahrung. Gott spricht oft durch das Alltägliche, das plötzlich ungewöhnlich wird – und er wartet auf Menschen, die sich umdrehen.
- 4:
Als JHWH sieht, dass Mose herzukommt, ruft er ihn aus dem Busch. Die doppelte Anrede „Mose, Mose“ ist ein Zeichen vertrauter Dringlichkeit (vgl. 1Mo 22,11; 1Sam 3,10). Moses Antwort „Hier bin ich“ (hebr. hinneni) ist die Haltung des Glaubens: bereit, verfügbar, hörend.
- 5:
„Zieh deine Schuhe von deinen Füßen; denn der Ort, darauf du stehst, ist heiliges Land.“ Heiligkeit ist nicht an einen Ort gebunden, sondern an Gottes Gegenwart. Das Ausziehen der Schuhe ist ein Akt der Ehrfurcht und der Entblößung – der Mensch tritt nicht mit eigener Würde vor Gott, sondern als Empfangender.
- 6:
Gott identifiziert sich als der Gott der Patriarchen: Abraham, Isaak, Jakob. Mose erschrickt und verhüllt sein Gesicht – er kann das Angesicht Gottes nicht schauen und leben (2Mo 33,20). Die Erwähnung der Väter zeigt: Gottes Treue währt über Generationen. Er ist kein neuer Gott, sondern der Gott des Bundes.
- 7:
„Ich habe das Elend meines Volkes in Ägypten gesehen und ihr Geschrei über ihre Treiber gehört; ich habe ihre Schmerzen erkannt.“ Gottes Handeln beginnt mit seinem Sehen und Hören. Er ist kein ferner Gott, sondern einer, der das Leid kennt. Das hebräische Verb jada (erkennen) meint hier ein intimes, anteilnehmendes Wissen.
- 8:
Gott steigt herab, um zu retten. Das Bild des Herabsteigens ist anthropomorph, aber entscheidend: Gott muss nicht erst überzeugt werden, einzugreifen. Sein Ziel ist ein Land, das „von Milch und Honig fließt“ – ein Bild für Fülle und Segen, das die Verheißung an Abraham aufnimmt (1Mo 15,18-21).
- 10:
„So geh nun hin: Ich will dich zu Pharao senden, dass du mein Volk, die Kinder Israel, aus Ägypten führst.“ Der Befehl ist direkt. Mose wird nicht gefragt, ob er will; er wird gesandt. Gottes Erlösung geschieht durch Menschen – ein demütigender und ehrenvoller Auftrag zugleich.
- 11:
Moses Einwand: „Wer bin ich, dass ich zum Pharao gehen sollte?“ Die Frage ist nicht falsche Bescheidenheit, sondern echte Selbsterkenntnis. Gott beantwortet sie nicht mit einer Aufmunterung, sondern mit einer Zusage: „Ich will mit dir sein.“ Das ist die einzige Qualifikation, die zählt.
- 12:
Gott gibt ein Zeichen: „Wenn du das Volk aus Ägypten geführt hast, werdet ihr Gott dienen auf diesem Berge.“ Das Zeichen ist kein Beweis vor der Tat, sondern eine Bestätigung nach dem Gehorsam. Glaube geht dem Sehen voraus.
- 13:
Mose fragt nach dem Namen Gottes. In der antiken Welt bedeutete der Name eines Gottes Macht und Zugang. Aber Gott lässt sich nicht in ein Schema pressen. Die Frage ist auch praktisch: Wie soll Mose den Israeliten erklären, wer ihn gesandt hat?
- 14:
„Ich bin, der ich bin“ (Ehje ascher ehje). Der Name JHWH (von der Wurzel haja = sein) bedeutet: Gott ist der, der gegenwärtig ist, der handelt, der sich nicht festlegen lässt. Er ist kein Götze, den man verfügbar hat, sondern der lebendige Gott, der in Freiheit begegnet. Jesus nimmt diesen Namen für sich in Anspruch (Joh 8,58).
- 15:
Gott wiederholt: „JHWH, der Gott eurer Väter“ – das ist sein Name für immer. Der Name ist nicht nur eine Information, sondern eine Beziehung. Er ruft ins Gedächtnis, dass derselbe Gott, der Abraham berief, jetzt Mose sendet.
- 16:
Mose soll die Ältesten Israels versammeln und ihnen Gottes Botschaft ausrichten. Die Ältesten sind die Repräsentanten des Volkes. Gott handelt nicht an einzelnen Helden vorbei, sondern durch die Gemeinschaft der Zeugen.
- 17:
Die Verheißung wird wiederholt: Gott wird Israel aus dem Elend führen in ein gutes Land. Die Wiederholung ist ein Stilmittel der Ermutigung. Gott weiß, dass sein Volk Angst haben wird – und er spricht immer wieder neu zu.
- 18:
Mose und die Ältesten sollen den Pharao bitten, drei Tagereisen in die Wüste zu ziehen, um JHWH zu opfern. Diese Bitte ist kein Trick, sondern ein erster Schritt des Gehorsams. Der Pharao wird ablehnen – und damit den Konflikt eröffnen, der zur Befreiung führt.
- 19:
Gott sagt voraus, dass der Pharao nicht gehorchen wird – „auch durch eine starke Hand“ (d.h. nicht einmal durch Zwang). Gottes Vorherwissen ist kein Fatalismus, sondern eine Vorbereitung auf den Kampf, der bevorsteht.
- 20:
„Ich will meine Hand ausstrecken und Ägypten schlagen mit allerlei Wundern.“ Die Plagen sind nicht willkürliche Strafen, sondern Gericht über die Götter Ägyptens und Zeichen der Macht JHWHs. Sie sind der Geburtskanal der Befreiung.
- 21:
Gott verheißt, dass die Israeliten Gunst bei den Ägyptern finden und nicht leer ausziehen werden. Das „Ausplündern“ der Ägypter (vgl. 2Mo 12,35-36) ist kein Diebstahl, sondern eine Wiedergutmachung für Jahre unbezahlter Sklavenarbeit. Gott sorgt für sein Volk – auch materiell.
Schlüsselthemen
- Gottes Offenbarung des Namens JHWH
- Berufung und Sendung des Mose
- Gott sieht und hört das Leid der Unterdrückten
- Heiligkeit und Nähe Gottes
- Befreiung als Gottes Initiative
Anwendung
Die Begegnung am brennenden Dornbusch lehrt uns, dass Gott oft im Unscheinbaren und Alltäglichen begegnet. Ein Dornbusch in der Wüste – nichts Besonderes – wird zum Ort der Offenbarung. Wir müssen nicht erst an heilige Stätten reisen; Gott kann uns mitten im Berufsalltag, in der Familie oder in der Stille begegnen. Die Frage ist, ob wir bereit sind, hinzusehen und die Schuhe auszuziehen – das heißt, unsere eigenen Vorstellungen und Sicherheiten abzulegen.
Mose ist kein Held. Er ist ein Flüchtling mit einer Vergangenheit, der sich für völlig ungeeignet hält. Aber Gott fragt nicht nach unserer Qualifikation, sondern nach unserer Verfügbarkeit. Die Zusage „Ich will mit dir sein“ ist die einzige Vollmacht, die wir brauchen. Das entlastet uns vom Druck, alles richtig machen zu müssen, und befreit uns zum Gehorsam.
Schließlich zeigt uns der Name JHWH, dass Gott sich nicht festlegen lässt. Er ist der, der da ist – gegenwärtig, treu, aber nicht verfügbar. Wir können ihn nicht in unsere Konzepte pressen. Aber wir dürfen ihn anrufen, denn er hat sich uns namentlich bekannt gemacht. In Jesus Christus, der „Ich bin“ sagte (Joh 8,58), wird diese Gegenwart endgültig greifbar.
Häufig gestellte Fragen
Warum brannte der Dornbusch, ohne zu verbrennen?
Der brennende Dornbusch ist ein Symbol für Gottes heilige Gegenwart. Das Feuer verzehrt nicht, weil Gott nicht zerstört, sondern bewahrt. Es zeigt, dass Gott in die Niedrigkeit kommt, ohne sie zu vernichten. Für Israel in der Sklaverei war das ein Trost: Gottes Gegenwart verzehrt nicht das Leid, sondern verwandelt es.
Was bedeutet der Name JHWH (Ich bin, der ich bin)?
Der Name JHWH (von der hebräischen Wurzel haja = sein) bedeutet: Gott ist der, der gegenwärtig ist, der handelt, der sich nicht festlegen lässt. Er ist kein Götze, den man verfügbar hat, sondern der lebendige Gott, der in Freiheit begegnet. Jesus nimmt diesen Namen für sich in Anspruch (Joh 8,58) und zeigt damit: In ihm ist Gott endgültig gegenwärtig.
Warum sträubt sich Mose gegen Gottes Auftrag?
Mose hat mehrere Einwände: Er fühlt sich unwürdig („Wer bin ich?“), fürchtet Autoritätsverlust („Wer sendet mich?“) und zweifelt an seiner Redefähigkeit (2Mo 4,10). Seine Reaktion ist menschlich und ehrlich. Gott begegnet jedem Einwand mit einer Zusage – nicht mit einer Aufmunterung, sondern mit der Verheißung seiner Gegenwart.
Warum sollten die Israeliten die Ägypter „berauben“ (2Mo 3,22)?
Das hebräische Wort natzal bedeutet „ausplündern“ oder „wegnehmen“. Es handelt sich nicht um Diebstahl, sondern um eine Wiedergutmachung für jahrelange unbezahlte Sklavenarbeit. Die Ägypter geben freiwillig (2Mo 12,35-36), weil Gott ihnen Gunst schenkt. Es ist ein Akt göttlicher Gerechtigkeit.
Ist der Berg Horeb derselbe wie der Berg Sinai?
Ja, in der Bibel werden Horeb und Sinai oft synonym verwendet. Horeb ist der „Gottesberg“, an dem Mose den brennenden Dornbusch sieht (2Mo 3,1) und später das Gesetz empfängt (2Mo 33,6). Der Name Sinai betont mehr die Gesetzgebung, Horeb mehr die Offenbarung. Es handelt sich um denselben Ort.
Was bedeutet es, dass der Ort heiliges Land ist (2Mo 3,5)?
Heiligkeit ist nicht an einen Ort gebunden, sondern an Gottes Gegenwart. Der Boden wird heilig, weil Gott dort erscheint. Das Ausziehen der Schuhe ist ein Akt der Ehrfurcht und der Entblößung – der Mensch tritt nicht mit eigener Würde vor Gott, sondern als Empfangender. Es erinnert uns daran, dass wir Gott nur mit Demut begegnen können.