Was ist die Gabe des Zungenredens? Ist sie für heute?
Die Gabe des Zungenredens ist im Neuen Testament die vom Heiligen Geist gewirkte Fähigkeit, in einer Sprache zu reden, die der Sprechende selbst nie gelernt hat. Am Pfingsttag hörten Menschen aus aller Welt die Apostel "in ihrer eigenen Sprache" von den großen Taten Gottes reden (Apg 2,4-11). Bei Paulus erscheint dieselbe Gabe als Gebet und Lobpreis, das ohne Auslegung für die Gemeinde unverständlich bleibt (1Kor 14,2). Ob diese Gabe bis heute fortdauert, ist eine Frage, in der ernsthafte Christen verschieden antworten — und es lohnt sich, genau hinzusehen.
Was die Bibel über das Zungenreden sagt
Das griechische Wort lautet glossolalia, von glossa (Zunge, Sprache) und lalein (reden). Die Schrift zeigt uns die Gabe in zwei Lichtern. In der Apostelgeschichte ist sie zunächst ein hörbares Zeichen: Pfingsten markiert das Kommen des Geistes, und die fremden Sprachen bezeugen, dass das Evangelium für alle Völker bestimmt ist (Apg 2,5-11). Dasselbe geschieht im Haus des Kornelius und in Ephesus — jedes Mal als Bestätigung, dass der Geist über eine neue Gruppe ausgegossen wird (Apg 10,46; Apg 19,6).
Paulus dagegen behandelt das Zungenreden in 1. Korinther als eine der Geistesgaben, die dem Aufbau der Gemeinde dienen sollen (1Kor 12,7-10). Er nennt es echt und gut, ordnet es aber klar unter: Wer in Zungen redet, "redet nicht zu den Menschen, sondern zu Gott", und erbaut damit zunächst sich selbst (1Kor 14,2.4). Darum verlangt er Auslegung. Ohne sie soll in der Versammlung lieber geschwiegen werden (1Kor 14,27-28). Die Gabe ist ein Geschenk, kein Maßstab der Reife.
Wozu ist diese Gabe gegeben?
Der entscheidende Maßstab heißt bei Paulus oikodome — Erbauung, das Aufbauen des Leibes. "Es geschehe alles zur Erbauung" (1Kor 14,26). Eine verständliche Prophezeiung baut die Gemeinde auf; ein ausgelegtes Zungenreden ebenso; ein unausgelegtes nur den Einzelnen. Deshalb sagt Paulus den berühmten Satz, er wolle lieber fünf Worte mit Verstand reden, um andere zu unterweisen, als zehntausend Worte in Zungen (1Kor 14,19).
Damit setzt er die Gabe in ihren rechten Rahmen. Sie ist kein Beweis, dass jemand den Geist "mehr" besitzt — denn nicht alle reden in Zungen, so wenig wie alle Apostel oder Propheten sind (1Kor 12,29-30). Über allen Gaben steht das, was nie aufhört: die Liebe, die Agape. Ohne sie ist auch die schönste Zungenrede nur "ein tönendes Erz oder eine klingende Schelle" (1Kor 13,1). Die Gabe dient; sie herrscht nicht.
Ist die Gabe für heute? Zwei treue Lesarten
Hier scheiden sich die Wege, und beide Seiten lesen ihre Bibel ernst. Die kontinuierliche Sicht (oft kontinuistisch genannt) hält fest, dass das Neue Testament nirgends das Ende der Gaben datiert. Wenn Paulus schreibt, das Stückwerk werde aufhören, "wenn aber kommen wird das Vollkommene" (1Kor 13,10), beziehen diese Ausleger das "Vollkommene" auf die Wiederkunft Christi, wenn wir von Angesicht zu Angesicht sehen. Bis dahin, so folgern sie, bleiben alle Gaben dem Leib geschenkt — auch das Zungenreden.
Die cessationistische Sicht (von cessare, aufhören) argumentiert, dass die Zeichengaben besonders an die Gründungszeit der Kirche und an das apostolische Zeugnis gebunden waren (Hebr 2,3-4). Mit dem Abschluss der apostolischen Verkündigung und der Schrift hätten sie ihren bestätigenden Zweck erfüllt. Manche lesen das "Vollkommene" als den vollendeten Kanon — eine Deutung, die freilich vielen schwerfällt, weil "von Angesicht zu Angesicht sehen" eher die ewige Schau meint als ein fertiges Buch.
Eine nüchterne, evangelisch-reformierte Antwort hält beides zusammen. Die Schrift verbietet das Zungenreden nicht — Paulus sagt ausdrücklich: "Wehret nicht, mit Zungen zu reden" (1Kor 14,39). Zugleich verbietet sie, die Gabe zum Maßstab des Glaubens, zum zweiten Segen oder zum Beweis der Geistestaufe zu machen. Der sicherste Boden ist nicht die Frage, ob die Gabe heute vorkommt, sondern ob wir sie nach Gottes Ordnung behandeln: in Liebe, zur Erbauung, mit Auslegung, ohne Hochmut.
Häufige Missverständnisse
Drei Verwechslungen kehren immer wieder. Erstens wird das Zungenreden oft zum notwendigen Beweis dafür gemacht, dass jemand den Heiligen Geist empfangen hat. Doch Paulus stellt klar, dass nicht jeder Christ diese Gabe hat (1Kor 12,30), während doch jeder Glaubende den Geist besitzt (Röm 8,9). Den Geist zu haben und die Gabe zu haben ist nicht dasselbe.
Zweitens wird Erbauung mit Erlebnis verwechselt. Ein starkes Gefühl in der Versammlung ist nicht automatisch Aufbau. Paulus misst nicht an der Intensität, sondern daran, ob andere unterwiesen und gestärkt werden (1Kor 14,12). Drittens wird Ordnung für Geistlosigkeit gehalten — als wäre Stille oder Zurückhaltung ein Mangel an Geist. Aber "Gott ist nicht ein Gott der Unordnung, sondern des Friedens" (1Kor 14,33). Der Geist und die Ordnung sind keine Gegner.
Worauf alles zuläuft
Am Ende weist die ganze Frage über sich hinaus. Pfingsten war nie ein Selbstzweck; die fremden Sprachen verkündeten die großen Taten Gottes — und die größte Tat ist Christus, gekreuzigt und auferstanden für Sünder. Der Geist wird gegeben, damit Menschen aus jedem Volk und jeder Zunge den Herrn bekennen, denn "niemand kann Jesus den Herrn nennen außer durch den Heiligen Geist" (1Kor 12,3). Jede echte Gabe trägt diese Handschrift: Sie macht nicht den Begabten groß, sondern den Herrn. Was am Tag aller Tage bleibt, ist nicht das Zungenreden, sondern das ungetrübte Sehen dessen, den wir jetzt im Glauben lieben — und die Liebe, die niemals aufhört.
Wichtige Bibelstellen
Apg 2,4-11 · 1Kor 12,7-11 · 1Kor 12,29-30 · 1Kor 13,1 · 1Kor 13,10-12 · 1Kor 14,2-4 · 1Kor 14,27-33 · 1Kor 14,39
Häufige Fragen
Müssen alle Christen in Zungen reden?
Nein. Paulus stellt in 1. Korinther 12 ausdrücklich die rhetorische Frage: 'Reden sie alle in Zungen?' — und die erwartete Antwort ist Nein (1Kor 12,30). Der Geist teilt die Gaben aus, 'einem jeden das Seine, wie er will' (1Kor 12,11). Jeder wahre Glaubende hat den Heiligen Geist (Röm 8,9), aber nicht jeder hat jede Gabe. Das Zungenreden ist also kein notwendiges Kennzeichen echten Glaubens und kein Maßstab geistlicher Reife.
Was ist der Unterschied zwischen dem Zungenreden in Apostelgeschichte 2 und in 1. Korinther 14?
In Apostelgeschichte 2 handelt es sich klar um echte, bekannte Fremdsprachen: Menschen verschiedener Herkunft hörten die Apostel in ihrer Muttersprache reden (Apg 2,6-11). Es war ein öffentliches Zeichen für das Kommen des Geistes. In 1. Korinther 14 erscheint das Zungenreden als Gebet zu Gott, das ohne Auslegung niemand versteht (1Kor 14,2). Manche sehen darin dieselbe Gabe in anderem Gebrauch, andere unterscheiden ein an die Gemeinde gerichtetes Gebet. In beiden Fällen ist Verständlichkeit der Maßstab.
Bedeutet 'das Vollkommene' in 1. Korinther 13,10 die Bibel oder die Wiederkunft Christi?
Paulus schreibt, das Stückwerk höre auf, 'wenn aber kommen wird das Vollkommene' (1Kor 13,10). Im selben Atemzug spricht er davon, 'von Angesicht zu Angesicht' zu sehen und vollkommen zu erkennen, 'gleichwie ich erkannt bin' (1Kor 13,12). Diese Sprache passt am natürlichsten zur Wiederkunft Christi und zur ewigen Schau Gottes, nicht zum Abschluss des Bibelkanons. Darum lesen die meisten Ausleger das 'Vollkommene' als das Ende der Zeit, wenn Glaube zum Schauen wird.
Ist das Zungenreden ein Beweis dafür, dass man den Heiligen Geist empfangen hat?
Die Bibel macht das Zungenreden nirgends zur notwendigen Bedingung. Der Geist wohnt in jedem, der zu Christus gehört (Röm 8,9; Eph 1,13). In der Apostelgeschichte begleiteten Zungen mehrfach das erste Kommen des Geistes über neue Gruppen, doch das war ein bestätigendes Zeichen in der Gründungszeit, keine Regel für jeden Einzelnen. Echte Frucht des Geistes zeigt sich vor allem in Liebe, Freude und Frieden (Gal 5,22), nicht zuerst in einer bestimmten Gabe.
Wie soll Zungenreden im Gottesdienst geschehen?
Paulus gibt klare Ordnung. Es sollen höchstens zwei oder drei reden, nacheinander, und stets muss jemand auslegen; fehlt ein Ausleger, soll man in der Versammlung schweigen und für sich und zu Gott reden (1Kor 14,27-28). Alles dient der Erbauung der Gemeinde (1Kor 14,26), und nichts soll Unordnung stiften, 'denn Gott ist nicht ein Gott der Unordnung, sondern des Friedens' (1Kor 14,33). Die Gabe ist gut, wenn sie verständlich, liebevoll und geordnet gebraucht wird.