Wein
Die theologische Analyse des biblischen Begriffs Wein offenbart eine vielschichtige Komplexität, die sich durch die ganze Schrift zieht: als Sinnbild des Segens und der Freude, aber auch der Gefahr, des Gerichts und vor allem des neuen Bundes in Christus. Aus konservativ evangelisch-protestantischer Sicht verlangt die Beschäftigung mit dem Wein exegetische Sorgfalt und ein systematisches Verständnis seiner fortschreitenden Offenbarung, das die Autorität der Bibel und die zentrale Stellung Christi in all ihren Erscheinungsformen achtet. Der biblische Wein ist kein einförmiger Begriff, sondern entfaltet sich in Bedeutungen, die unser Verständnis der göttlichen Vorsehung, der christlichen Ethik und der Sakramente prägen.
Diese Studie will die etymologischen und geschichtlichen Wurzeln des Weins im Alten Testament untersuchen, seine Verwandlung und Bedeutung im Neuen Testament, seine Folgen für die paulinische Heilslehre, die verschiedenen Aspekte und Arten seines Gebrauchs und schließlich seine praktischen Anwendungen für das Leben des Gläubigen heute. Der Schwerpunkt liegt auf einer Auslegung, die die Souveränität Gottes, das Erlösungswerk Jesu Christi und die Bedeutung eines heiligen, vom Heiligen Geist geleiteten Lebens hervorhebt, stets gegründet auf die unwandelbaren Wahrheiten des Wortes Gottes.
1. Etymologie und Wurzeln im Alten Testament
Im Alten Testament umfasst die Untersuchung des Begriffs Wein vor allem drei unterschiedliche hebräische Wörter, jedes mit eigenen Nuancen und besonderen Zusammenhängen. Das häufigste ist yayin (יַיִן), das vergorenen Traubensaft bezeichnet, also den eigentlichen Wein. Dieses Wort erscheint etwa 140 Mal und wird in sehr unterschiedlichen Zusammenhängen gebraucht, von Festen und Gastmählern bis zu gottesdienstlichen Handlungen und Warnungen vor der Trunkenheit. Es ist so allgegenwärtig, dass es zu einem Grundbestandteil der kulturellen und religiösen Landschaft Israels wird.
Ein weiteres wichtiges Wort ist tirosh (תִּירוֹשׁ), das häufig mit „Most“ oder „junger Wein“ übersetzt wird. Es bezeichnet im Allgemeinen frisch gewonnenen Traubensaft oder Saft im Anfangsstadium der Gärung. Oft wird es mit Wohlstand und göttlichem Segen verbunden, wie in 5. Mose 11,14, wo Gott als Lohn für den Gehorsam verheißt, dass Israel „dein Getreide, deinen Wein und dein Öl“ einsammeln wird. Tirosh trägt daher die Nebenbedeutung von Überfluss und der Güte der Versorgung Gottes und ist ein Zeichen für die Fruchtbarkeit des verheißenen Landes.
Das dritte Wort ist shekar (שֵׁכָר), das „starkes Getränk“ oder „berauschendes Getränk“ bedeutet. Es kann den Wein einschließen, bezieht sich aber allgemeiner auf jedes vergorene alkoholische Getränk, etwa Bier oder Met. Seine Erwähnung, wie in 3. Mose 10,9, geschieht meist im Zusammenhang mit Verboten oder Einschränkungen, besonders für Priester im Dienst, und hebt die Gefahr eines getrübten Bewusstseins im heiligen Dienst hervor. Diese sprachliche Unterscheidung ist entscheidend, um die Vielfalt der Verwendungen und Sichtweisen des Weins im hebräischen Denken zu verstehen.
1.1 Zusammenhänge des Gebrauchs von Wein im Alten Testament
Der Wein zeigt sich im Alten Testament in verschiedenen Gebrauchsformen, die seine Bedeutung im alltäglichen und religiösen Leben Israels widerspiegeln. In den Erzählungen versinnbildlicht er sowohl Segen als auch Fluch. Noah pflanzt nach der Sintflut einen Weinberg und wird betrunken, was zum Fluch über Ham führt (1. Mose 9,20-27), einer der ersten Berichte, der die zerstörerische Kraft des Weins offenlegt. Andererseits ist der Wein fester Bestandteil des Segens der Erzväter, wie im Segen Isaaks über Jakob, der „Korn und Wein die Fülle“ einschließt (1. Mose 27,28).
Im mosaischen Gesetz gehörte der Wein zu den Trankopfern (4. Mose 15,5-10) und versinnbildlichte Hingabe und Freude vor Gott. Das Gesetz legte jedoch auch Einschränkungen fest, etwa im Nasiräergelübde, das den Genuss von Wein und jedem Erzeugnis des Weinstocks streng untersagte (4. Mose 6,3-4) und damit eine besondere Heiligkeit und Weihe unterstrich. Diese Doppelheit zeigt, dass der Wein nicht in sich böse war, sein Gebrauch aber geregelt und mit Unterscheidungsvermögen gehandhabt werden musste.
Die Propheten gebrauchen den Wein in ihren Botschaften auf verschiedene Weise. Oft ist er ein Sinnbild für Wohlstand und messianische Wiederherstellung, wie in Amos 9,13-14, wo der Überfluss an Wein in den wiederhergestellten Weinbergen beschrieben wird. Der Wein ist aber auch ein kraftvolles Bild für das göttliche Gericht, den „Kelch des Zorns Gottes“, den die Völker trinken sollen (Jesaja 51,17; Jeremia 25,15). Die Trunkenheit wiederum wird häufig mit Torheit und dem sittlichen und geistlichen Niedergang Israels verbunden (Jesaja 28,1-7).
In der Weisheitsliteratur, besonders in den Sprüchen, ist der Wein ein wiederkehrendes Thema der Warnung. Sprüche 20,1 erklärt: „Der Wein macht Spötter, und starkes Getränk macht wild; wer davon taumelt, wird niemals weise.“ Sprüche 23,29-35 schildert ausführlich die Übel der Trunkenheit und warnt vor ihren körperlichen, gesellschaftlichen und geistlichen Folgen. Dennoch ermutigt Prediger 9,7 zum maßvollen Genuss des Weins als einer Gabe Gottes zur Freude am Leben. Diese Literatur verurteilt also nicht den Wein selbst, sondern seinen Missbrauch und den Mangel an Selbstbeherrschung, und sie fördert Weisheit in seinem Gebrauch.
1.2 Die fortschreitende Entfaltung der Offenbarung über den Wein
Die fortschreitende Entfaltung der Offenbarung über den Wein im Alten Testament zeigt einen Übergang von einem landwirtschaftlichen Erzeugnis mit vielfältigem Gebrauch zu einem Sinnbild mit tiefen geistlichen und sittlichen Bedeutungen. Anfangs als Teil der Schöpfung Gottes und als Zeichen seiner Versorgung gesehen, wird der Wein rasch zu einer Prüfung für den Menschen. Die Geschichte Noahs setzt ein warnendes Beispiel für die Gefahren des Missbrauchs, während Gesetz und Propheten die Warnungen vor Trunkenheit und mangelnder Selbstbeherrschung verstärken.
Zugleich behält der Wein seine Stellung als Sinnbild der Freude und des Segens, besonders im Zusammenhang mit Ernte und Fest. Diese Spannung zwischen Segen und Gefahr ist grundlegend für das Verständnis des Weins. Er ist eine Gabe Gottes, die bei falschem Gebrauch ins Verderben führen kann. Dieses Verständnis bereitet den Boden für die Offenbarung des Neuen Testaments, in der der Wein eine noch tiefere und sakramentale Bedeutung gewinnt, die über seinen bloß wörtlichen und kulturellen Gebrauch hinausgeht.
2. Der Wein im Neuen Testament und seine Bedeutung
Im Neuen Testament ist das vorherrschende griechische Wort für Wein oinos (οἶνος), das unmittelbar dem hebräischen yayin entspricht und vergorenen Traubensaft bezeichnet. Ein weiteres Wort, gleukos (γλεῦκος), erscheint nur einmal in Apostelgeschichte 2,13, wo Spötter den Jüngern vorwerfen, sie seien „voll süßen Weins“, also süßen und berauschenden Mostes. Die wörtliche Bedeutung von oinos bleibt dieselbe wie im Alten Testament: ein alkoholisches Getränk, das durch die Gärung von Trauben gewonnen wird. Seine theologische Bedeutung wird jedoch gewaltig vertieft und auf die Person und das Werk Jesu Christi ausgerichtet.
2.1 Der Gebrauch in den Evangelien und die Beziehung zu Christus
In den Evangelien spielt der Wein bei entscheidenden Ereignissen im Leben Jesu eine wichtige Rolle. Das erste öffentliche Wunder Christi zu Kana in Galiläa (Johannes 2,1-11) bestand darin, Wasser in Wein zu verwandeln. Dieses Wunder war nicht bloß eine Machttat, sondern ein messianisches Zeichen, das die Herrlichkeit Jesu offenbarte und die Fülle und Freude des neuen Bundes versinnbildlichte, den er aufrichtete. Der „gute Wein“, den Jesus hervorbrachte und der besser war als der ursprüngliche Wein, weist auf die Überlegenheit der Gnade Christi über das Gesetz und die jüdischen Überlieferungen hin und markiert den Beginn einer neuen Zeit.
Jesus gebraucht auch das Bild vom „neuen Wein in alten Schläuchen“ (Matthäus 9,17; Markus 2,22; Lukas 5,37-38). Dieses Gleichnis veranschaulicht, dass die Lehre und das Werk Christi (der neue Wein) so umwälzend und kraftvoll sind, dass sie von den starren und überholten Strukturen der jüdischen Gesetzlichkeit (den alten Schläuchen) nicht gefasst werden können. Der neue Bund, gegründet auf Gnade und Glauben, verlangte eine neue Lebens- und Gottesdienstweise, die mit den alten Formen einer auf Werke und herzlose Rituale gegründeten Religiosität unvereinbar war. Das zeigt die Diskontinuität gegenüber dem alten System.
Außerdem wurde Jesus von seinen Gegnern dafür kritisiert, dass er „aß und trank“ und ein „Freund der Zöllner und Sünder“ sei, im Gegensatz zur Strenge Johannes des Täufers (Matthäus 11,19; Lukas 7,34). Dieser Vorwurf deutet, obwohl böswillig, darauf hin, dass Jesus an Mahlzeiten teilnahm, zu denen Wein gehörte. Er bestätigt den kulturellen Gebrauch des Getränks und die Haltung Jesu, den Menschen in ihrem gesellschaftlichen Umfeld zu begegnen und die Botschaft vom Reich Gottes mitten in das alltägliche Leben zu tragen.
Der Höhepunkt der Bedeutung des Weins in den Evangelien und in der ganzen Schrift ist seine Einsetzung im Abendmahl (Matthäus 26,27-29; Markus 14,23-25; Lukas 22,20). Jesus nimmt den Kelch, den er als „mein Blut des Bundes, das vergossen wird für viele zur Vergebung der Sünden“ bezeichnet. Der Wein ist in diesem Zusammenhang nicht bloß ein Sinnbild der Freude oder der Nahrung, sondern das unmittelbare Zeichen des Blutes Christi, des stellvertretenden Opfers, das den neuen Bund besiegelt und die Vergebung der Sünden schenkt. Das ist die tiefste und erlösendste Anwendung des Weins, die ihn zu einem sakramentalen Träger der göttlichen Gnade macht.
2.2 Der Gebrauch in den Briefen und in der johanneischen Literatur
In den Briefen halten die Hinweise auf den Wein weiterhin die Waage zwischen seinem kulturellen Gebrauch, sittlichen Warnungen und seiner sakramentalen Bedeutung. Paulus ermahnt die Gläubigen in Epheser 5,18: „Und sauft euch nicht voll Wein, woraus ein unordentliches Wesen folgt, sondern lasst euch vom Geist erfüllen.“ Diese Stelle verbietet nicht den Genuss von Wein an sich, verurteilt aber die Trunkenheit und die Zügellosigkeit, die sie mit sich bringt, und stellt die falsche Freude und den Kontrollverlust durch Alkohol der wahren Fülle, Freude und Selbstbeherrschung gegenüber, die vom Heiligen Geist kommen. Es ist ein Ruf zur Nüchternheit und zu echter Geistlichkeit.
Auch die Pastoralbriefe sprechen vom Wein im Zusammenhang mit den Voraussetzungen für Gemeindeleiter. In 1. Timotheus 3,3 und Titus 1,7 wird angewiesen, dass Älteste und Bischöfe nicht „dem Wein ergeben“ (paroinos) sein sollen, also nicht süchtig oder zur Trunkenheit geneigt. Das betont die Notwendigkeit von Maß und Selbstbeherrschung für die, die Gottes Herde leiten. In 1. Timotheus 5,23 rät Paulus Timotheus jedoch: „Trinke nicht mehr nur Wasser, sondern nimm ein wenig Wein dazu um des Magens willen und weil du oft krank bist“, was einen heilkundlichen und praktischen Gebrauch des Weins zeigt.
Die johanneische Literatur stellt neben dem Wunder zu Kana den Wein in der Offenbarung auch als Sinnbild des göttlichen Gerichts dar. In Offenbarung 14,10 heißt es von denen, die das Tier anbeten: Sie werden „von dem Wein des Zornes Gottes trinken, der unvermischt eingeschenkt ist in den Kelch seines Zorns“. Und in Offenbarung 17,2 und 18,3 wird „Babylon, die Große“ als die beschrieben, von deren „Wein ihrer Hurerei“ die Erde trunken geworden ist, ein Hinweis auf ihre sittliche und geistliche Verderbnis, die die Völker berauscht und verführt. Das nimmt den prophetischen Gebrauch des Weins im Alten Testament als Zeichen des göttlichen Zorns und der menschlichen Verderbtheit auf.
2.3 Kontinuität und Diskontinuität zwischen Altem und Neuem Testament
Im Verständnis des Weins besteht in mehreren Hinsichten eine klare Kontinuität zwischen Altem und Neuem Testament. Beide Testamente sehen ihn als Gabe Gottes zur Freude und zum Feiern (Psalm 104,15; Prediger 9,7) und warnen zugleich eindringlich vor Missbrauch und Trunkenheit (Sprüche 20,1; Epheser 5,18). Die Weisheit beider Testamente weist auf Maß und Selbstbeherrschung als wesentliche Tugenden im Umgang mit dem Wein hin. Die Verurteilung der Trunkenheit ist durchgängig und unverhandelbar.
Es gibt jedoch eine auffallende Diskontinuität und eine theologische Vertiefung im Neuen Testament, besonders in der Person Jesu Christi. Der Wein ist nicht mehr nur ein Sinnbild landwirtschaftlichen Segens oder prophetischen Gerichts, sondern wird zu einem sakramentalen Zeichen des neuen Bundes erhoben und steht für das Blut Christi, das zur Erlösung der Menschheit vergossen wurde. Das Abendmahl verwandelt den Wein von einem gewöhnlichen Element in ein heiliges Gedächtnis, das auf das Opfer Jesu und die Hoffnung auf seine Wiederkunft hinweist. Das ist die bedeutsamste und erlösendste Entwicklung der Bedeutung des Weins in der Schrift.
3. Der Wein in der paulinischen Theologie: die Grundlage des Heils
Die paulinische Theologie mit ihrer tiefen Betonung des Heils aus Gnade durch den Glauben stellt den Wein nicht als „Grundlage“ des Heils im Sinn eines unmittelbaren ordo salutis dar, bindet ihn aber in sehr bedeutsamer Weise in ihr Lehrgebäude ein, besonders durch die Einsetzung des Abendmahls. Für Paulus ist der Wein ein kraftvolles Sinnbild, das auf das Opfer Christi hinweist, das die wahre Grundlage des Heils ist.
3.1 Der Wein im Abendmahl und der neue Bund
Die bekannteste und theologisch reichste Behandlung des Weins bei Paulus findet sich in seinen Anweisungen zum Abendmahl in 1. Korinther 10,16 und 11,23-29. Paulus wiederholt die Worte Jesu und sagt, dass der Kelch mit Wein „der neue Bund in meinem Blut“ ist (1. Korinther 11,25). Das ist eine zentrale Wahrheit der paulinischen Soteriologie.
Der neue Bund, dessen greifbares Zeichen der Wein ist, ist das Mittel, durch das das Heil angeboten und besiegelt wird. Er gründet nicht auf Werken des Gesetzes oder menschlichem Verdienst, sondern auf dem vergossenen Blut Christi, der höchsten Gnadentat Gottes. Wie Calvin lehrte, sind die Sakramente „Zeichen und Siegel“ der Gnade Gottes, sichtbar und greifbar, die die Verheißungen des Evangeliums bestätigen. Der Wein im Abendmahl dient als leibliche und geistliche Erinnerung an die Rechtfertigung, die wir durch den Glauben an das Opfer Christi empfangen.
Am Kelch teilzuhaben bedeutet für Paulus, „Gemeinschaft des Blutes Christi“ zu haben (1. Korinther 10,16). Diese Gemeinschaft ist keine buchstäbliche Wandlung des Weins in das Blut Christi, eine Lehre, die die Reformatoren verwarfen, sondern eine geistliche und wirkliche Teilhabe an den Gaben des Todes Christi. Sie ist ein Akt des Glaubens, der den Gläubigen mit Christus und seinem Erlösungswerk verbindet. So ist der Wein als Teil des Abendmahls ein sichtbares Zeugnis der sola gratia und der sola fide.
3.2 Die Beziehung zu Rechtfertigung, Heiligung und Verherrlichung
Das Abendmahl mit seinem Element des Weins ist nicht nur ein Gedächtnis der Vergangenheit, sondern auch eine Verkündigung der Gegenwart und eine Vorwegnahme der Zukunft. Paulus sagt, dass wir mit der Teilnahme am Abendmahl „den Tod des Herrn verkündigen, bis er kommt“ (1. Korinther 11,26). Das verbindet den Wein unmittelbar mit dem gesamten ordo salutis.
- Rechtfertigung: Der Wein versinnbildlicht das Blut, das von Sünden reinigt, die Grundlage unserer Rechtfertigung vor Gott. Er erinnert daran, dass wir nicht aufgrund unserer Verdienste für gerecht erklärt wurden, sondern durch die Sühne Christi.
- Heiligung: Das Abendmahl und der Wein darin dienen auch als Gnadenmittel zur Heiligung. Die würdige Teilnahme erfordert Selbstprüfung und Buße (1. Korinther 11,28-32) und fördert ein Leben beständiger Reinigung und des Gehorsams. Die Ermahnung des Paulus gegen die Trunkenheit in Epheser 5,18, die er dem Erfülltsein mit dem Geist gegenüberstellt, bekräftigt die Notwendigkeit eines geheiligten Lebensstils, in dem Selbstbeherrschung und Nüchternheit Früchte der Gnade sind.
- Verherrlichung: Die Worte „bis er kommt“ (1. Korinther 11,26) weisen auf die künftige Verherrlichung, die Vollendung des Heils. Der Wein im Abendmahl ist ein Vorgeschmack des himmlischen Festmahls, wenn Christus wiederkommen wird und die Gläubigen die Fülle seiner Gegenwart genießen werden. So verbindet uns der Wein mit der eschatologischen Hoffnung auf unser vollkommenes Heil.
Zusammengefasst ist der Wein in der paulinischen Theologie, besonders im Zusammenhang des Abendmahls, ein sakramentales Zeichen, das das Wesen des Heils in sich fasst. Er weist auf das stellvertretende Opfer Christi als die einzige Grundlage der Rechtfertigung hin, nährt den Gläubigen auf dem Weg der Heiligung und dient als Unterpfand der künftigen Verherrlichung. Nicht der Wein selbst rettet, sondern das, wofür er steht: das Blut des neuen Bundes, von einem gnädigen Gott für unwürdige Sünder vergossen und im Glauben empfangen.
4. Aspekte und Arten des Weins
Die Untersuchung des Weins in der Schrift zeigt, dass er mehrere Aspekte besitzt und in verschiedenen Typologien gebraucht wird, weit über sein bloßes Dasein als Getränk hinaus. Diese Unterscheidungen zu verstehen ist entscheidend für eine ausgewogene biblische Theologie und um Fehldeutungen zu vermeiden.
4.1 Verschiedene Erscheinungsformen und theologische Unterscheidungen
- Wörtlicher Wein und sinnbildlicher Wein: Die grundlegendste Unterscheidung besteht zwischen dem Wein als wirklichem Getränk und seinem bildlichen Gebrauch. Der wörtliche Wein ist das Erzeugnis des Weinstocks, das bei Mahlzeiten, Festen und manchmal zu Heilzwecken genossen wird (1. Timotheus 5,23). Der sinnbildliche Wein dagegen steht für abstrakte Begriffe wie Freude (Psalm 104,15), Segen (1. Mose 27,28), Weisheit (Sprüche 9,2.5), Gericht (Jesaja 51,17; Offenbarung 14,10) und vor allem das Blut des neuen Bundes (Matthäus 26,28).
- Wein als Segen und Wein als Fluch: Der Wein wird oft als Gabe Gottes dargestellt, als Zeichen von Wohlstand und Freude (5. Mose 11,14; Psalm 104,15). Wird er jedoch missbraucht, wird er zu einem Werkzeug der Schande, der Torheit und des Gerichts (Sprüche 20,1; Jesaja 5,11). Diese Doppelheit hebt die Verantwortung des Menschen im Umgang mit den Gaben Gottes hervor.
- Wein in der Kultur und Wein im Gottesdienst: Kulturell war der Wein fester Bestandteil des gesellschaftlichen Lebens in der Antike, bei Gastmählern und Festen. Sein heiligster Gebrauch aber ist der im Gottesdienst, genauer im Abendmahl. Im christlichen Gottesdienst geht der Wein über seinen gewöhnlichen Gebrauch hinaus und wird zu einem sakramentalen Element, einem sichtbaren Zeichen der unsichtbaren Gnade Gottes und einem Gedächtnis des Erlösungswerkes Christi.
- Neuer Wein und alte Schläuche: Das Gleichnis Jesu vom neuen Wein in alten Schläuchen (Lukas 5,37-38) ist eine zentrale theologische Unterscheidung. Der neue Wein steht für das umwälzende und verwandelnde Wesen des neuen Bundes in Christus, das sich nicht in die starren und gesetzlichen Formen des alten Judentums fassen oder mit ihnen vermischen lässt. Es ist die Unterscheidung zwischen Gnade und Gesetz, zwischen der Freiheit in Christus und der Knechtschaft unter menschlichen Überlieferungen.
4.2 Entwicklung in der Geschichte der reformierten Theologie
Die reformierte Theologie hat über die Bedeutung des Weins nachgedacht, besonders im Zusammenhang des Abendmahls. Johannes Calvin betonte in seinem Unterricht in der christlichen Religion, dass der Wein zusammen mit dem Brot „sichtbare Zeichen“ sei, die „uns Christus und seine Wohltaten darbieten“. Calvin verwarf die Transsubstantiation (die katholische Lehre, dass der Wein buchstäblich zum Blut Christi wird) und die Konsubstantiation (die lutherische Lehre, dass Christus „in, mit und unter“ dem Wein gegenwärtig ist). Stattdessen vertrat er eine wirkliche „geistliche Gegenwart“ Christi im Abendmahl, in der die Gläubigen durch den Glauben und die Kraft des Heiligen Geistes an den Gaben des Leibes und Blutes Christi teilhaben. Der Wein ist ein von Gott verordnetes Werkzeug, um den Glauben des Gläubigen zu stärken und die Verheißungen des Evangeliums zu besiegeln.
Die Reformatoren betonten auch die Bedeutung der würdigen Teilnahme am Abendmahl, wie Paulus sie in 1. Korinther 11 lehrt. Der Wein dient daher als Anlass zur Selbstprüfung und Buße, als Erinnerung an die Heiligkeit Gottes und an die Notwendigkeit eines gottesfürchtigen Lebens. Auch die Frage nach dem Gebrauch des Weins außerhalb des Abendmahls wurde erörtert: Die meisten Reformatoren erlaubten maßvollen Genuss, verurteilten aber die Trunkenheit mit Nachdruck. Puritaner wie Richard Baxter und John Owen nahmen diese Haltung auf und betonten Mäßigkeit und Nüchternheit als wesentliche christliche Tugenden.
4.3 Zu vermeidende Lehrirrtümer
Im Umgang mit dem Wein muss die konservativ evangelisch-protestantische Sicht einige verbreitete Lehrirrtümer vermeiden:
- Gesetzliche Abstinenz: die Forderung völliger Enthaltung vom Wein als Bedingung für das Heil oder für wahre christliche Frömmigkeit. Die Bibel verurteilt die Trunkenheit, nicht den maßvollen Genuss von Wein (Epheser 5,18). Eine Regel aufzustellen, wo die Schrift Freiheit gewährt, ist Gesetzlichkeit und übergeht die christliche Freiheit in Christus (Kolosser 2,16-17).
- Zügellosigkeit: der Gebrauch des Weins als Vorwand für Trunkenheit oder unbeherrschtes Verhalten. Das ist eine offenkundige Missachtung der biblischen Ermahnungen gegen Ausschweifung und mangelnde Selbstbeherrschung, die Werke des Fleisches (Galater 5,19-21) und nicht des Geistes sind.
- Transsubstantiation oder Konsubstantiation: die Vorstellung, dass der Wein im Abendmahl buchstäblich zum Blut Christi wird oder Leib und Blut Christi leiblich enthält. Die reformierte Theologie hält fest, dass der Wein Zeichen und Siegel ist und die Gegenwart Christi geistlich und nicht leiblich ist und im Glauben empfangen wird.
- Geringschätzung des Abendmahls: das Abendmahl auf ein bloßes Gedächtnis ohne tiefe geistliche Bedeutung zu verkürzen. Es ist zwar ein Gedächtnis, aber auch ein Gnadenmittel, durch das der Glaube genährt und die Gemeinschaft mit Christus gestärkt wird.
Die ausgewogene Sicht erkennt den Wein als Gabe Gottes, die mit Dankbarkeit und Maß genossen werden darf, als kraftvolles sakramentales Zeichen des Erlösungswerkes Christi und als ein Element, dessen Missbrauch die Schrift klar verurteilt. Christliche Weisheit besteht darin, seinen angemessenen Gebrauch in jedem Zusammenhang zu erkennen.
5. Der Wein und das praktische Leben des Gläubigen
Das theologische Verständnis des Weins hat unmittelbare und tiefe Folgen für das praktische Leben des Gläubigen und prägt seine Frömmigkeit, seinen Gottesdienst, seinen Dienst und seine persönliche Verantwortung. Die konservativ evangelisch-protestantische Sicht betont ein Gleichgewicht zwischen christlicher Freiheit und der Verantwortung, so zu leben, dass Gott geehrt und der Nächste erbaut wird.
5.1 Praktische Anwendung des Weins im christlichen Leben
Die bedeutsamste Anwendung des Weins im praktischen Leben des Gläubigen liegt im Abendmahl. Die regelmäßige und ehrfürchtige Teilnahme an diesem Sakrament ist ein Akt des Gehorsams gegenüber Christus (1. Korinther 11,24-25). Wenn der Gläubige den Kelch nimmt, ist er berufen:
- des Opfers Christi zu gedenken: Der Wein dient als lebendiges Gedächtnis des Blutes Jesu, das zur Vergebung der Sünden vergossen wurde, und bekräftigt die zentrale Stellung seines Werkes im christlichen Glauben.
- den Tod des Herrn zu verkündigen: Das Abendmahl ist ein öffentliches Bekenntnis des Glaubens an den sühnenden Tod Christi und an die Hoffnung auf seine Wiederkunft (1. Korinther 11,26).
- Glauben und Gemeinschaft mit Christus zu üben: Durch den Glauben hat der Gläubige geistlich Anteil an den Gaben des Todes Christi und stärkt so seine Verbindung mit ihm und mit dem Leib Christi.
- sich selbst zu prüfen und Buße zu tun: Paulus ermahnt jeden, sich vor der Teilnahme „selbst zu prüfen“ (1. Korinther 11,28), was zu beständiger Buße und zum Streben nach Heiligkeit führt.
Außerhalb des sakramentalen Zusammenhangs erfordert der Umgang mit dem Wein im Leben des Gläubigen die Tugend der Mäßigkeit und Selbstbeherrschung (Galater 5,23). Obwohl die Bibel den maßvollen Genuss von Wein nicht verbietet, verurteilt sie die Trunkenheit mit Nachdruck (Epheser 5,18). Der Christ ist berufen, nüchtern und wachsam zu sein und in allen Lebensbereichen Selbstbeherrschung zu üben. Das bedeutet: Wenn ein Gläubiger sich entscheidet, Wein zu trinken, soll er es maßvoll, ohne Übermaß und mit reinem Gewissen vor Gott tun.
5.2 Folgerungen für die heutige Gemeinde und seelsorgliche Ermahnungen
Für die heutige Gemeinde wirft die Lehre vom Wein wichtige Fragen über christliche Freiheit und gesellschaftliche wie persönliche Verantwortung auf. Pastoren und Leiter müssen ihre Herde mit Weisheit führen und den biblischen Unterschied zwischen Gebrauch und Missbrauch des Weins lehren. Der Schwerpunkt soll auf der Freiheit in Christus liegen, die kein Freibrief zur Sünde ist, sondern eine Freiheit, Gott und dem Nächsten in Liebe zu dienen (Galater 5,13).
Die Frage nach völliger Enthaltung oder Maßhalten ist ein Bereich, in dem die Gemeinde seelsorgliches Unterscheidungsvermögen üben muss. Obwohl die Bibel keine Enthaltung fordert, entscheiden sich viele Christen aus Gewissensgründen, aus Sorge um das christliche Zeugnis oder um anderen keinen Anstoß zu geben, dafür (Römer 14,21). Die seelsorgliche Ermahnung soll lauten, dass jeder „in seiner Meinung gewiss“ sei (Römer 14,5) und in Liebe handle, ohne seinem Bruder Anstoß zu geben (1. Korinther 8,9-13).
Pastoren sollen die Gläubigen ermahnen:
- dem Geist den Vorrang vor dem Fleisch zu geben: Sie sollen betonen, dass wahre Freude und Fülle aus dem Erfülltsein mit dem Heiligen Geist kommen und nicht aus berauschenden Mitteln (Epheser 5,18).
- ein gutes Zeugnis zu bewahren: Das Leben des Gläubigen soll untadelig sein, besonders bei denen, die Leitungsverantwortung tragen (1. Timotheus 3,3; Titus 1,7).
- Liebe und Rücksicht gegenüber dem Nächsten zu üben: Die persönliche Freiheit darf nie so gebraucht werden, dass sie einem schwächeren Bruder schadet oder ihn zur Sünde verleitet (Römer 14,13-23).
- würdig am Abendmahl teilzunehmen: Sie sollen die Bedeutung von Selbstprüfung, Buße und Glauben lehren, wenn Wein und Brot im Abendmahl empfangen werden, als Akt der Anbetung und der Gemeinschaft mit Christus und seiner Gemeinde.
5.3 Gleichgewicht zwischen Lehre und Praxis
Das Gleichgewicht zwischen Lehre und Praxis im Blick auf den Wein ist grundlegend. Lehrmäßig stellt die Bibel den Wein als Gabe Gottes dar, als Sinnbild der Freude und des Segens und vor allem als Zeichen des Blutes des neuen Bundes in Christus. Praktisch ist der Gläubige zu Mäßigkeit, Selbstbeherrschung und Verantwortung berufen, meidet die Trunkenheit und bedenkt die Wirkung seines Handelns auf andere.
Das christliche Leben ist nicht von gesetzlichen Regeln darüber geprägt, was man essen oder trinken darf, sondern vom Gehorsam des Herzens gegenüber Christus und vom Wunsch, ihn in allen Dingen zu verherrlichen (1. Korinther 10,31). Die Freiheit in Christus ist eine Freiheit zu lieben, zu dienen und in Heiligkeit zu leben und spiegelt die Gnade wider, die wir empfangen haben. Deshalb führt uns die Untersuchung des Weins zu einem tieferen Verständnis der Vorsehung Gottes, der Erlösung in Christus und des durch den Heiligen Geist verwandelten Lebens, stets mit dem Blick auf die Ehre Gottes und die Erbauung seiner Gemeinde.