Wachs

Wachs kommt in der Bibel nur wenige Male vor, doch jede Stelle ist eindrücklich. Überall verwenden die hebräischen Dichter und Propheten es für ein einziges Bild: etwas Festes, das seine Form verliert und zerfließt, sobald es mit Hitze in Berührung kommt. Der Beter spürt, wie sein Herz in der Angst zu Wachs wird, die Gottlosen vergehen wie Wachs vor dem Feuer, und selbst die Berge zerschmelzen wie Wachs vor dem Herrscher der ganzen Erde.

Weil das Wort so selten ist, erklärt die Schrift nirgends, wie Israel Wachs gewann oder verwendete. Sie nimmt vielmehr einen vertrauten Stoff aus dem Alltag, das weiche Material der Honigwabe, und macht daraus eine Lektion über die überwältigende Gegenwart Gottes und die Zerbrechlichkeit des Menschen. Dieser Artikel betrachtet das Wort, seine vier Vorkommen im Alten Testament, die Welt hinter dem Bild und das, was es Gläubigen heute noch sagt.

1. Etymologie und Bedeutung

Das hebräische Wort lautet dônag (דּוֹנַג), ein Substantiv, das im Alten Testament nur viermal vorkommt: Psalm 22,15, Psalm 68,3, Psalm 97,5 und Micha 1,4 (in englischen Bibeln wird bei den ersten beiden Psalmen die Überschrift nicht mitgezählt, daher dort 22,14 und 68,2). Die tiefere Herkunft des Wortes ist unsicher; keine vorgeschlagene Wurzel hat sich in der Forschung durchgesetzt. Die Bedeutung dagegen ist klar: Bienenwachs, der weiche Stoff, aus dem die Bienen ihre Waben bauen.

In allen vier Versen ist dônag mit dem Verb māsas (מָסַס) verbunden, „zerschmelzen, zergehen, verzagen“. Dasselbe Verb gebraucht das Alte Testament, wenn Herzen vor Furcht „zerschmelzen“, etwa als die Bewohner Jerichos allen Mut verloren (Josua 2,11) oder als Israel nach der Niederlage bei Ai erschüttert war (Josua 7,5). Die Verbindung ist also gewollt: Wachs ist das klassische Beispiel für etwas, das zerschmilzt. Die griechische Septuaginta übersetzt dônag mit kēros (κηρός), dem gewöhnlichen griechischen Wort für Bienenwachs. Im Neuen Testament kommt das Wort nicht vor.

2. Historischer Hintergrund und biblischer Gebrauch

Bienen, Honig und Wachs in Israel

Das verheißene Land wird als Land beschrieben, in dem Milch und Honig fließen, und Bienen gehören zur biblischen Landschaft. Simson fand einen Bienenschwarm und Honig im Kadaver des Löwen, den er getötet hatte (Richter 14,8), Jonatan kostete Honig, der im Wald floss (1. Samuel 14,25-27), und Johannes der Täufer aß Heuschrecken und wilden Honig (Matthäus 3,4). Viele Forscher meinen, dass das Wort „Honig“ im Alten Testament oft auch Fruchtsirup einschloss, doch Bienenhonig war sicher bekannt. Die Archäologie bestätigt das: In Tel Rehov im Jordantal fanden Ausgräber eine Imkerei aus dem 10. oder 9. Jahrhundert v. Chr. mit Dutzenden von Tonbienenstöcken. Wo es Honig gab, gab es auch Wachs.

Verwendung von Wachs in der Antike

Außerhalb der Bibel hatte Bienenwachs im Alten Orient viele Verwendungen. Schreiber schrieben auf mit Wachs überzogene Tafeln aus Holz oder Elfenbein, wie man sie im assyrischen Palast von Nimrud gefunden hat. Metallhandwerker formten Figuren aus Wachs und gossen sie dann im Wachsausschmelzverfahren in Bronze. Wachs diente außerdem in Arzneien und Kosmetik. Die Schrift sagt nicht, ob Israel es in dieser Weise nutzte, und es wäre unklug, mehr zu behaupten, als die Texte hergeben. Bemerkenswert ist, dass die biblischen Lampen mit Olivenöl brannten (2. Mose 27,20; Matthäus 25,3-4), nicht mit Wachskerzen; wo ältere Übersetzungen von „Kerzen“ sprechen, meint der Grundtext Öllampen.

Warum Wachs zum Bild wurde

Wer ein Stück Bienenwachs einmal nahe an eine Flamme gehalten hat, versteht, warum das Bild trägt. Wachs ist fest und hält eine Form, bietet dem Feuer aber keinen Widerstand: Es wird weich, verliert seine Gestalt und zerfließt. In einer Welt mit wenigen Stoffen, die sich so schnell und sichtbar verändern, wurde Wachs zum natürlichen Bild des völligen Zusammenbruchs vor einer größeren Macht.

3. Wichtige Bibelstellen

Psalm 22,15: „Ich bin ausgeschüttet wie Wasser, alle meine Gebeine haben sich zertrennt; mein Herz ist in meinem Leibe wie zerschmolzenes Wachs.“ David beschreibt äußerstes Leiden: die Kraft ist dahin, der Leib zerbrochen, der Mut verloren. Das Herz, nach hebräischem Denken die Mitte der Person, hält seine Form nicht mehr. Dieser Psalm beginnt mit dem Schrei „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ (Psalm 22,2), den Jesus am Kreuz betete (Matthäus 27,46), und die Evangelien sehen weitere Einzelheiten daraus in der Passion erfüllt (Johannes 19,24). Das Bild vom zerschmolzenen Herzen weist so über David hinaus auf die Todesangst des Sohnes Gottes.

Psalm 68,3: „Wie Rauch verweht, so verwehen sie; wie Wachs zerschmilzt vor dem Feuer, so kommen die Gottlosen um vor Gott.“ Der Psalm beginnt mit einem Nachklang der Worte, die Mose sprach, wenn die Lade aufbrach (4. Mose 10,35). Wenn Gott aufsteht, können seine Feinde nicht bestehen. Rauch und Wachs sind zwei Bilder für etwas, das widerstandslos verschwindet.

Psalm 97,5: „Berge zerschmelzen wie Wachs vor dem HERRN, vor dem Herrscher der ganzen Erde.“ Hier lösen sich nicht Menschen, sondern Berge auf, das Sinnbild der Beständigkeit. Der Psalm feiert die Königsherrschaft des HERRN mit Wolken, Feuer und Blitzen, der Sprache der Gotteserscheinung am Sinai (2. Mose 19,18).

Micha 1,4: „dass die Berge unter ihm schmelzen und die Täler sich spalten, gleichwie Wachs vor dem Feuer zerschmilzt, wie die Wasser, die den Abhang herabstürzen.“ Micha kündigt an, dass der HERR aus seinem Ort hervorgeht, um Samaria und Jerusalem wegen ihrer Sünden zu richten (Micha 1,5). Das Bild des Wachses warnt Gottes eigenes Volk, dass es von seiner Heiligkeit nicht ausgenommen ist.

4. Theologische Bedeutung

Die vier Texte teilen eine Überzeugung: Nichts in der Schöpfung kann vor der Gegenwart des heiligen Gottes bestehen. Andere Stellen sagen dasselbe ohne das Wort „Wachs“: die Berge bebten am Sinai (Richter 5,5), die Hügel zergehen vor ihm (Nahum 1,5), er rührt die Erde an, und sie zerschmilzt (Amos 9,5). Das Neue Testament bewahrt diese Linie, wenn es sagt: „Unser Gott ist ein verzehrendes Feuer“ (Hebräer 12,29), und dass die Elemente am Tag des Herrn zerschmelzen werden (2. Petrus 3,10-12).

Zugleich spricht das Wachs von menschlicher Schwachheit. In Psalm 22 ist das Zerschmelzen kein Gericht über einen Gottlosen, sondern die Angst eines leidenden Gerechten. Derselbe Psalm endet im Lob, denn Gott „hat nicht verachtet noch verschmäht das Elend des Armen“ (Psalm 22,25). Das zerschmolzene Herz bleibt nicht verlassen. In Christus, der das ganze Gewicht dieses Psalms auf sich nahm, findet der Gläubige einen Retter, der Schwachheit von innen kennt.

5. Nachwirkung und kanonische Bezüge

Das hebräische Wort erscheint nur in den vier hier besprochenen Texten, drei in den Psalmen und einer bei den Propheten. Zwei dieser Psalmen haben im Neuen Testament ein reiches Nachleben: Psalm 22 wird in den Passionsberichten und in Hebräer 2,12 zitiert, und Psalm 68,19 wird in Epheser 4,8 auf die Himmelfahrt Christi bezogen. Spätere christliche Schriftsteller gebrauchten mitunter das Wachs, das den Abdruck eines Siegels aufnimmt, als Bild für ein von Gott geprägtes Herz. Das Bild kann hilfreich sein, ist aber nicht biblisch: In der Schrift wurden Siegel in Ton gedrückt, wie Hiob 38,14 in Erinnerung ruft.

6. Anwendung für heute

Das Wachs führt zu zwei ehrlichen Fragen. Die erste betrifft den Stolz. Die Berge, die ewig scheinen, zerschmelzen vor dem Herrn, und ebenso alle menschlichen Sicherheiten, die sich gegen ihn stellen. Es ist töricht, ein Leben zu bauen, das sich vor Gott nicht beugt. Der Ruf der Schrift lautet, ihn das steinerne Herz gegen ein fleischernes Herz austauschen zu lassen (Hesekiel 36,26) und das Herz nicht zu verstocken, wenn wir seine Stimme hören (Hebräer 3,15).

Die zweite Frage betrifft das Leiden. Es gibt Tage, an denen ein Gläubiger mit David sagen kann: „Mein Herz ist wie zerschmolzenes Wachs.“ Die Bibel verschweigt solche Tage nicht und nennt sie auch nicht Unglauben. Sie stellt sie in ein Gebet, das an Gott gerichtet ist, und zeigt, dass Jesus selbst diese Angst für uns durchlitten hat. Das Feuer, das den Hochmütigen zerschmelzen lässt, ist dieselbe Gegenwart, die den Zerbrochenen hält. Wer mit einem zerschmolzenen Herzen zu ihm kommt, wird nicht hinausgestoßen.