Schnee
Schnee war für die meisten Israeliten nie etwas Alltägliches, und gerade darum hinterließ er einen so starken Eindruck. Im Bergland um Jerusalem fällt er nur in manchen Wintern und bleibt selten länger als ein paar Tage liegen. Auf den Höhen des Hermon im äußersten Norden dagegen bedeckt der Schnee die Gipfel einen großen Teil des Jahres und ist weithin sichtbar. Für die Menschen der Bibel war Schnee ein Wunderwerk des Schöpfers, das Maß vollkommener Weiße und vor allem ein Bild dafür, was Gott mit den Sünden derer tut, die zu ihm kommen.
Die Schrift erwähnt Schnee etwa zwei Dutzend Mal. Die Stellen lassen sich klar gruppieren: Schnee als Teil von Gottes Werken in der Natur, Schnee als Farbe einer gefürchteten Hautkrankheit, Schnee als Bild für Reinigung und Vergebung und Schnee als Weiße himmlischer Herrlichkeit. Zusammen bilden sie einen der schönsten Fäden biblischer Bildsprache.
1. Etymologie und Bedeutung
Das hebräische Wort ist schäläg (שֶׁלֶג), das gewöhnliche Substantiv für Schnee; ein verwandtes Verb erscheint in Psalm 68,15, wo es vom Schneefall auf dem Zalmon spricht. Im Aramäischen des Danielbuchs heißt das Wort telag (תְּלַג), so in Daniel 7,9. Im Griechischen, in der Septuaginta wie im Neuen Testament, heißt Schnee chiōn (χιών), etwa in Matthäus 28,3 und Offenbarung 1,14.
In den meisten biblischen Stellen trägt das Wort zwei Gedanken zugleich: die Kälte, die zu Wetter und Jahreszeiten gehört, und die Weiße, die zum Sinnbild wird. Der Vergleich "weiß wie Schnee" (manchmal "wie Wolle") ist die stärkste Art der Bibel, etwas völlig Weißes zu beschreiben.
2. Geschichtlicher Hintergrund und biblischer Gebrauch
Schnee im Land Israel
Israel hat Mittelmeerklima: regenreiche Winter und trockene Sommer. Schnee fällt gelegentlich im zentralen Bergland, auch in Jerusalem, Hebron und im Bergland Samarias, häufiger auf dem Golan und im Libanon. Der Hermon mit rund 2.800 Metern trägt bis in den Sommer Schnee auf dem Gipfel, und sein Schmelzwasser speist die Quellen des Jordan. Die Bibel nennt den Hermon auch Sirjon und Senir (5. Mose 3,9). In Jeremia 18,14 fragt der Prophet, ob der Schnee des Libanon je von seinen Felsen weicht; manche neueren Übersetzungen lesen dort "die Felsen des Sirjon", doch der hebräische Wortlaut ist schwierig und die genaue Lesart unsicher.
Schnee im Alltag und in Erzählungen
Schnee konnte gefährlich und denkwürdig sein. Benaja, einer der Helden Davids, stieg hinab und erschlug einen Löwen in einer Grube, als Schnee gefallen war (2. Samuel 23,20; 1. Chronik 11,22), eine Einzelheit, die die Tat noch eindrucksvoller macht. Die tüchtige Frau in Sprüche 31,21 fürchtet für ihr Haus den Schnee nicht, denn ihr ganzes Haus hat wollene Kleider, das heißt, sie hat rechtzeitig warme Kleidung vorbereitet. In Sprüche 25,13 ist ein treuer Bote wie die Kühle des Schnees zur Zeit der Ernte; viele Ausleger denken an Schnee, der von den Bergen geholt wurde, um in der Hitze Getränke zu kühlen, doch welche Praxis genau gemeint ist, bleibt unsicher. Dagegen heißt es: "Wie Schnee zum Sommer und Regen zur Ernte, so reimt sich Ehre nicht zum Toren" (Sprüche 26,1): etwas Unpassendes, ja Schädliches.
3. Wichtige Bibelstellen
Gottes Vorratskammern (Hiob 37,6; 38,22). Elihu sagt, dass Gott dem Schnee gebietet: "Falle zur Erde!" (Hiob 37,6). Dann fragt der Herr selbst Hiob: "Bist du gewesen, wo der Schnee herkommt, oder hast du gesehen, wo der Hagel herkommt?" (Hiob 38,22). Schnee ist keine blinde Kraft; Gott bewahrt ihn und sendet ihn. Die Psalmen loben denselben Herrn, der "Schnee gibt wie Wolle" (Psalm 147,16), und rufen "Feuer, Hagel, Schnee und Nebel" auf, ihn zu loben (Psalm 148,8).
Weiß wie Schnee in der Krankheit (2. Mose 4,6; 4. Mose 12,10; 2. Könige 5,27). Als Gott Mose Zeichen gab, steckte Mose die Hand in seinen Bausch, und als er sie herauszog, war sie aussätzig wie Schnee (2. Mose 4,6). Mirjam wurde nach ihrer Rede gegen Mose von demselben Übel getroffen (4. Mose 12,10), und Gehasi, der Diener Elisas, ging nach seiner Habgier und Lüge "aussätzig wie Schnee" hinaus (2. Könige 5,27). Der hebräische Begriff umfasst verschiedene Hautkrankheiten, nicht nur die heutige Lepra; der Vergleich mit Schnee meint wohl weiße, schuppende Haut. Hier ist Weiße ein Zeichen von Gericht und Unreinheit.
Schneeweiß (Psalm 51,9). Nach seiner Sünde mit Batseba betet David: "Entsündige mich mit Ysop, dass ich rein werde; wasche mich, dass ich schneeweiß werde." Ysop wurde bei den Reinigungsriten für Aussatz und Unreinheit gebraucht (3. Mose 14,4-7; 4. Mose 19,18). David bittet Gott, an seinem Herzen zu tun, was die priesterlichen Riten am Leib taten, und mehr: ihn weißer zu machen als das Weißeste, das er kannte.
Blutrot wird weiß (Jesaja 1,18). "So kommt denn und lasst uns miteinander rechten, spricht der Herr. Wenn eure Sünde auch blutrot ist, soll sie doch schneeweiß werden, und wenn sie rot ist wie Scharlach, soll sie doch wie Wolle werden." An ein schuldiges und heuchlerisches Volk gerichtet, ist dieses Angebot erstaunlich. Die tiefrote Farbe der Sünde, die kein Waschen entfernt, kann Gott selbst reinweiß machen.
Schnee und Wort (Jesaja 55,10-11). Wie Regen und Schnee vom Himmel fallen und nicht dorthin zurückkehren, ohne die Erde zu tränken, so wird Gottes Wort nicht leer zu ihm zurückkommen. Schnee ist hier ein Bild für die Fruchtbarkeit der göttlichen Verheißungen.
Himmlische Herrlichkeit (Daniel 7,9; Matthäus 28,3; Offenbarung 1,14). Daniel sah den Hochbetagten: Sein Kleid war weiß wie Schnee und das Haar auf seinem Haupt rein wie Wolle. Der Engel am leeren Grab sah aus wie der Blitz, und sein Gewand war weiß wie der Schnee (Matthäus 28,3). Johannes sah den auferstandenen Christus: Sein Haupt und sein Haar waren weiß wie weiße Wolle, wie der Schnee (Offenbarung 1,14). Einige Handschriften fügen auch bei der Verklärung Jesu "wie Schnee" hinzu (Markus 9,3), doch viele neuere Übersetzungen lassen es aus.
4. Theologische Bedeutung
Schnee lehrt zuerst, dass Gott die Schöpfung regiert. Was der Mensch weder hervorbringen noch beherrschen kann, verwahrt Gott und sendet es auf sein Wort. Hiob lernt Demut vor dem Gott, der die Kammern des Schnees besitzt.
Zweitens zeigt Schnee die zwei Seiten der Weiße in der Schrift. Das Weiß der Hautkrankheit ist das Weiß von Tod und Ausschluss; das Weiß der Vergebung ist das Weiß von Leben und Wiederherstellung. Beides kommt von demselben Gott. Mirjams schneeweiße Haut brachte sie außerhalb des Lagers (4. Mose 12,14-15); Davids Gebet bittet um eine Weiße, die ihn in die Gemeinschaft zurückbringt.
Drittens ist Schnee ein Bild für vollständige Vergebung. Jesaja 1,18 verspricht nicht, dass Sünde aufgehellt oder übermalt wird, sondern dass sie schneeweiß wird. Das Alte Testament erklärt noch nicht ganz, wie Gott das tun und doch gerecht bleiben kann. Das Neue Testament antwortet: Das Blut Christi macht uns rein von aller Sünde (1. Johannes 1,7), und die Erlösten der Offenbarung haben ihre Kleider gewaschen und hell gemacht im Blut des Lammes (Offenbarung 7,14). Das Paradox ist gewollt: Kleider, weiß gewaschen in Blut.
Schließlich gehört Schnee zur Heiligkeit und Herrlichkeit Gottes. Der Hochbetagte bei Daniel und der auferstandene Sohn in der Offenbarung werden mit schneeweißen Zügen beschrieben, ein Zeichen, dass der Sohn an der ewigen Herrlichkeit und Reinheit des Vaters teilhat.
5. Nachwirkung und kanonische Bezüge
Neben den genannten Stellen erscheint Schnee in Hiob 6,16 und 24,19 (Schneewasser und Dürre), Hiob 9,30 (Hiob weiß, dass selbst Waschen mit Schneewasser ihn vor Gott nicht rein macht), Psalm 68,15 und Klagelieder 4,7, wo Jerusalems Fürsten einst reiner als Schnee und weißer als Milch waren. Die Bibel baut keine Lehre auf den Schnee selbst, doch sein Bild zieht sich vom Schöpfer der Genesis bis zum verherrlichten Christus der Offenbarung.
Im christlichen Gottesdienst sind die Worte aus Psalm 51 und Jesaja 1,18 zu den bekanntesten Verheißungen der Vergebung geworden, gesungen und gebetet von Generationen von Gläubigen, die wissen, dass die Reinheit, die sie brauchen, nicht aus ihnen selbst kommen kann.
6. Anwendung für heute
Hiobs Bekenntnis ist es wert, bedacht zu werden: Selbst wenn er sich mit Schneewasser wüsche und seine Hände mit Lauge reinigte, würde Gott ihn doch in die Grube tauchen (Hiob 9,30-31). Keine noch so aufrichtige Anstrengung kann das Herz rein machen. Das Rot lässt sich nicht wegschrubben.
Aber der Gott, der den Schnee verwahrt, bietet an, Sünder weißer als Schnee zu machen. Darum kann Davids Gebet unser Gebet werden: "Wasche mich, dass ich schneeweiß werde." In Christus steht die Einladung aus Jesaja 1,18 offen. Wenn du das nächste Mal Schnee siehst oder das Bild eines weißen Berges, lass dich daran erinnern, deine Sünde ehrlich zu bekennen, der Reinigung durch das Kreuz zu vertrauen und in der Freude derer zu leben, deren Kleider im Blut des Lammes gewaschen sind.