Perle
Die Perle ist der einzige Edelstein der Heiligen Schrift, der von einem Lebewesen hervorgebracht wird. Langsam im Inneren bestimmter Austern und Muscheln gewachsen, gehörte sie zu den begehrtesten Luxusgütern der Antike und galt oft mehr als Gold. Die Bibel erwähnt Perlen nur wenige Male, doch diese wenigen Stellen sind bemerkenswert: Jesus gebraucht die Perle in zwei Worten über das Himmelreich, Paulus nennt sie in seiner Lehre über christliche Bescheidenheit, und die Offenbarung zeigt Perlen sowohl am Gewand der großen Babylon als auch in den Toren des neuen Jerusalem.
Weil Perlen selten, teuer und aus fernen Meeren herbeigebracht waren, wurden sie zu einem natürlichen Bild für etwas von höchstem Wert. Das Neue Testament nutzt dieses Bild, um vom Wert des Reiches Gottes zu sprechen, von der Ehrfurcht vor dem Heiligen, von der Gefahr, auf äußeren Glanz zu vertrauen, und von der Herrlichkeit der Stadt, die Gott für sein Volk bereitet.
1. Etymologie und Bedeutung
Das neutestamentliche Wort ist das griechische margaritēs (μαργαρίτης), die gewöhnliche Bezeichnung für die Perle in der hellenistischen Welt. Seine Herkunft ist unsicher. Viele Forscher nehmen an, dass es aus einer östlichen Sprache ins Griechische gelangte, vielleicht aus dem Persischen oder einer indischen Sprache. Das passt dazu, dass die besten Perlen aus dem Persischen Golf und dem Indischen Ozean in den Mittelmeerraum kamen. Der Name Margarete geht auf dieses Wort zurück.
Im Alten Testament ist das Bild weniger klar. Das hebräische Wort peninim (פְּנִינִים) erscheint in Vergleichen wie Hiob 28,18, Sprüche 3,15, 8,11 und 31,10, wo die Weisheit oder eine tüchtige Frau mehr wert ist als peninim. Übersetzer geben es mit Perlen, Rubinen, Korallen oder einfach Edelsteinen wieder, und niemand kann sicher sagen, was gemeint ist. Ein anderes Wort, gabisch (גָּבִישׁ), ebenfalls in Hiob 28,18, wurde in manchen älteren Übersetzungen mit Perlen wiedergegeben, die meisten neueren verstehen es als Kristall. Das Alte Testament spricht also vielleicht von Perlen, sichere Belege finden sich aber nur im Neuen Testament.
2. Historischer Kontext und biblischer Gebrauch
In der Antike wurden Perlen von Tauchern im Persischen Golf, im Roten Meer und in den Gewässern um Indien und Sri Lanka gewonnen. Die Arbeit war gefährlich, die Ausbeute gering, und eine große, runde, schimmernde Perle war äußerst selten. Im ersten Jahrhundert war die Perle zum Lieblingsschmuck der römischen Oberschicht geworden. Plinius der Ältere, ein römischer Schriftsteller und Zeitgenosse der Apostel, schrieb, die Perlen nähmen unter allen Kostbarkeiten den allerersten Rang ein, und römische Autoren berichten von einzelnen Perlen, die ein Vermögen wert waren. Anders als Gold, das man schmelzen und neu formen kann, lässt sich eine Perle weder herstellen noch vergrößern noch verbessern; ihr ganzer Wert liegt in dem, was sie schon ist.
Dieser Hintergrund erklärt, warum Perlen im Neuen Testament auf zwei gegensätzliche Weisen vorkommen. Einerseits sind sie ein Bild für großen Wert, für etwas, wofür man viel opfern würde. Andererseits sind sie Symbol für Luxus und zur Schau gestellten Reichtum, für Schmuck, der den gesellschaftlichen Rang eines Menschen zeigte. Die Fischer und Bauern Galiläas, die Jesus zuhörten, besaßen gewiss keine Perlen, doch sie kannten ihren Ruf, so wie Menschen heute von berühmten Diamanten wissen, die sie nie sehen werden.
3. Wichtige Bibelstellen
Matthäus 7,6. In der Bergpredigt, unmittelbar nach der Warnung vor heuchlerischem Richten (Matthäus 7,1-5), sagt Jesus, man solle das Heilige nicht den Hunden geben und die Perlen nicht vor die Säue werfen, damit sie diese nicht mit Füßen zertreten und sich umwenden und einen zerreißen. Hunde und Schweine waren für Juden unreine Tiere, und ein Schwein kann eine Perle nicht von einem Kieselstein unterscheiden. Das Wort ruft zu geistlicher Unterscheidung auf: Das Heilige und Kostbare, vor allem die Botschaft vom Reich, soll Menschen nicht aufgedrängt werden, die es mit bewusster und feindseliger Verachtung behandeln. Das hebt den Auftrag, allen das Evangelium zu verkündigen, nicht auf. Es erkennt aber an, dass der Jünger weiterziehen darf, wenn Menschen die Wahrheit beharrlich verhöhnen, so wie Jesus die Zwölf anwies, den Staub von ihren Füßen zu schütteln (Matthäus 10,14). Der Vers hält dem vorigen die Waage: Der Jünger soll nicht heuchlerisch richten, aber auch nicht naiv sein.
Matthäus 13,45-46. Jesus vergleicht das Himmelreich mit einem Kaufmann, der gute Perlen suchte und, als er eine kostbare Perle fand, hinging, alles verkaufte, was er hatte, und sie kaufte. Das Gleichnis bildet ein Paar mit dem vom Schatz im Acker (Matthäus 13,44). Im einen Fall stößt ein Mann zufällig auf den Schatz, im anderen hat ein Händler lange gesucht. Beide enden gleich: Alles wird hingegeben für das Eine, das alles andere übertrifft, und das erste Gleichnis fügt hinzu, dass der Mann es voller Freude tut. Die meisten Ausleger sehen im Kaufmann den Jünger, der erkennt, dass das Reich mehr wert ist als alles, was er besitzt. Manche sehen in ihm Christus selbst, der alles gab, um sein Volk zu erwerben (vgl. Epheser 5,25). Die erste Deutung passt besser zur Parallele mit dem Schatz im Acker, die zweite drückt eine Wahrheit aus, die an anderer Stelle der Schrift gelehrt wird. In jedem Fall geht es nicht darum, dass man das Reich mit Geld kaufen könnte, sondern dass es von unvergleichlichem Wert ist.
1. Timotheus 2,9-10. Paulus wünscht, dass Frauen sich in schicklicher Kleidung schmücken, mit Anstand und Zucht, nicht mit Haarflechten und Gold oder Perlen oder kostbarem Gewand, sondern mit dem, was Frauen geziemt, die ihre Frömmigkeit bekunden: mit guten Werken. Petrus macht eine ähnliche Aussage, ohne Perlen zu nennen (1. Petrus 3,3-4). In der römischen Welt waren kunstvolle, mit Gold und Perlen durchflochtene Frisuren Zeichen von Reichtum und Stand. Paulus erlässt kein Gesetz gegen jeden Schmuck; er warnt vor maßloser Zurschaustellung, die den Status in den Mittelpunkt rückt, Reiche und Arme in der Gemeinde trennt und vom Gottesdienst ablenkt. Wahre Schönheit ist ein vom Evangelium geprägter Charakter.
Offenbarung 17,4 und 18,12.16. Johannes sieht die Frau, die die große Babylon heißt, gekleidet in Purpur und Scharlach, geschmückt mit Gold, Edelsteinen und Perlen, mit einem goldenen Becher voller Gräuel in der Hand. Als Babylon fällt, weinen die Kaufleute der Erde, weil niemand mehr ihre Ware kauft, und Perlen stehen auf der Liste ihrer Güter. Hier stehen die Perlen für den verführerischen Reichtum eines Weltsystems, das im Luxus lebt und sich gegen Gott stellt.
Offenbarung 21,21. In der Vision des neuen Jerusalem sind die zwölf Tore zwölf Perlen, jedes Tor aus einer einzigen Perle, und die Straße der Stadt ist aus reinem Gold wie durchscheinendes Glas. Das Bild geht bewusst über alles hinaus, was in dieser Welt möglich ist. Diese Tore tragen die Namen der zwölf Stämme Israels (Offenbarung 21,12) und werden nie geschlossen (21,25), denn die Stadt steht allen offen, die im Lebensbuch des Lammes geschrieben sind (21,27).
4. Theologische Bedeutung
Die Perle lehrt zuerst etwas über den Wert des Reiches. Im Gleichnis aus Matthäus 13 beschreibt Jesus das Reich nicht als Last, die uns das Glück raubt, sondern als Schatz, so kostbar, dass es eine Freude ist, alles andere dafür loszulassen. Paulus drückt dieselbe Überzeugung aus, wenn er alles für Schaden achtet gegenüber der überschwänglichen Erkenntnis Christi Jesu, seines Herrn (Philipper 3,7-8). Das Reich ist kostbar, weil der König kostbar ist.
Zweitens spricht die Perle von Ehrfurcht vor dem Heiligen. Matthäus 7,6 erinnert daran, dass das Evangelium keine billige Ware ist, die man jedem um jeden Preis aufdrängt. Gottes Wahrheit verdient einen sorgsamen Umgang, und der Jünger braucht Weisheit, um zu wissen, wann er reden und wann er sich zurückziehen soll.
Drittens stellt die Schrift zwei Verwendungen der Perlen nebeneinander. Dasselbe Material, das Babylon schmückt, das Sinnbild stolzen und gottlosen Luxus, wird für die Tore der Stadt Gottes verwendet. Reichtum und Schönheit sind nicht an sich böse; sie gehören dem Schöpfer. Was sie verdirbt, sind Stolz, Selbstdarstellung und der Versuch, eine Herrlichkeit ohne Gott aufzubauen. Im neuen Jerusalem wird das, was die Welt für die eigene Ehre an sich riss, zu einem gewöhnlichen Tor, durch das die Erlösten frei eintreten. Der Gegensatz in 1. Timotheus 2,9 zwischen äußerem Schmuck und guten Werken weist in dieselbe Richtung: Der Schmuck, der bleibt, ist die Heiligkeit.
5. Nachwirkung und kanonische Bezüge
Die sicheren biblischen Belege für Perlen sind wenige: Matthäus 7,6; 13,45-46; 1. Timotheus 2,9; Offenbarung 17,4; 18,12; 18,16 und 21,21. Mögliche alttestamentliche Stellen hängen an den unsicheren Wörtern peninim und gabisch, vor allem in Hiob 28,18 und in den Sprüchen, die die Weisheit kostbarer als Edelsteine nennen. Trotz so weniger Texte hat das Bild die christliche Sprache tief geprägt. Wendungen wie die köstliche Perle und Perlen vor die Säue werfen sind in vielen Sprachen sprichwörtlich geworden, und die Perlentore sind zu einer verbreiteten Beschreibung des Himmels geworden. Das volkstümliche Bild vom Apostel Petrus als Pförtner an diesen Toren stammt allerdings aus späterer Volksfrömmigkeit, nicht aus der Bibel. Seit den ersten Jahrhunderten haben Lehrer der Kirche oft über den Kaufmann gepredigt, der alles verkaufte, und in ihm einen Ruf zu ungeteilter Nachfolge gesehen.
6. Anwendung für heute
Die Perle lädt uns ein zu fragen, was wir wirklich als Schatz betrachten. Jesus sagte: Wo dein Schatz ist, da ist auch dein Herz (Matthäus 6,21). Viele gute Dinge werben um unsere Hingabe: Beruf, Bequemlichkeit, Ansehen, Besitz. Der Kaufmann aus Matthäus 13 verachtete seine anderen Perlen nicht; er erkannte nur, dass eine einzige mehr wert war als alle zusammen. Christus nachzufolgen heißt, ihm zu erlauben, unsere Liebe neu zu ordnen, sodass er an erster Stelle steht.
Die Perle ruft uns auch zur Unterscheidung. Wir sollen das Evangelium großzügig und geduldig weitergeben, aber ohne das Heilige zu billigen Parolen zu machen oder es denen aufzudrängen, die offen darüber spotten. Weisheit weiß, wann es Zeit ist zu reden, zu beten und zu warten.
Sie erinnert uns zudem daran, dass unser wahrer Schmuck nicht das ist, was wir tragen oder zeigen, sondern der Charakter, den der Geist in uns formt. In einer Kultur des Images und des äußeren Scheins sind Christen berufen, an guten Werken, Demut und Liebe erkannt zu werden.
Schließlich weist die Perle auf die Hoffnung hin. Die Tore der Stadt Gottes sind aus Perlen und werden nie geschlossen. Niemand kommt durch Reichtum oder Verdienst hinein, sondern allein durch das Lamm, das geschlachtet wurde. Als Veranschaulichung, nicht als Lehre des Textes selbst, haben viele Christen darauf hingewiesen, dass eine Perle um eine Verletzung in der lebenden Muschel herum wächst. Was immer dieses Bild wert ist: Die Schrift selbst versichert uns, dass Gott sogar Leiden gebrauchen kann, um Kostbares in uns hervorzubringen (Römer 5,3-5), und dass die kommende Herrlichkeit die Leiden dieser Zeit weit übertrifft (Römer 8,18).