Psalm 135 ist ein Hymnus, der Israel zum Lobpreis JHWHs aufruft, weil er der wahre Gott über alle Götter ist. Der Psalm beginnt mit einem Aufruf an die Priester und Leviten im Tempel, den Herrn zu preisen (V. 1-3). Dann entfaltet der Psalmist die Gründe für diesen Lobpreis: JHWH hat Israel als sein Eigentum erwählt (V. 4), er ist größer als alle Götter (V. 5), er tut, was ihm gefällt, im Himmel und auf Erden (V. 6-7), und er hat sein Volk aus Ägypten befreit und ihnen das verheißene Land gegeben (V. 8-12). Der Psalm schließt mit einem Kontrast zwischen dem lebendigen Gott und den nichtigen Götzen der Heiden (V. 15-18) und einem erneuten Aufruf zum Lobpreis (V. 19-21). Der Psalm ist ein liturgisches Bekenntnis zur Souveränität Gottes und zur Einzigartigkeit Israels.
Historischer Kontext
Psalm 135 gehört zu den sogenannten »Halleluja-Psalmen« (Ps 113-118; 135; 146-150), die im jüdischen Gottesdienst, besonders an den Wallfahrtsfesten, gesungen wurden. Der Psalm ist stark von anderen alttestamentlichen Texten geprägt, insbesondere von Psalm 115 (die Polemik gegen die Götzen) und Psalm 136 (der Durchzug durchs Schilfmeer und die Landnahme). Auch Anklänge an die Priesterschrift (Ex 19,5-6) und an das Deuteronomium (Dtn 32,36) sind erkennbar. Der Psalm entstand vermutlich in nachexilischer Zeit, als Israel nach dem Babylonischen Exil seine Identität als Gottes erwähltes Volk neu festigte. Der Tempel in Jerusalem war wieder aufgebaut, und die levitischen Sänger (V. 1-3) riefen die Gemeinde zum Lobpreis. Der historische Rückblick auf die Befreiung aus Ägypten und die Landnahme (V. 8-12) diente nicht nur der Erinnerung, sondern auch der aktuellen Glaubensstärkung: Der Gott, der damals handelte, ist auch heute derselbe. Die scharfe Polemik gegen die Götzen (V. 15-18) spiegelt die Auseinandersetzung mit der heidnischen Umwelt wider, in der Israel lebte.
Vers für Vers
- 1:
Der Psalm beginnt mit einem dreifachen Aufruf: »Lobet den HERRN!« (hebr. hallelu-Jah). Die Angesprochenen sind die »Knechte des HERRN«, die im Tempel stehen – wohl die levitischen Sänger und Priester. Der Ort des Lobpreises ist der Tempel, die »Höfe im Hause unseres Gottes«. Der Psalm ist also von Anfang an liturgisch geprägt: Der Lobpreis ist nicht privat, sondern geschieht in der Gemeinschaft des Gottesvolkes.
- 4:
»Denn der HERR hat sich Jakob erwählt, Israel zu seinem Eigentum.« Dies ist der erste Grund für den Lobpreis. Das hebräische Wort segullah (»Eigentum«) bezeichnet einen besonderen Schatz, ein persönliches Besitztum (vgl. Ex 19,5; Mal 3,17). Israel ist nicht wegen seiner Größe oder Tugend erwählt, sondern aus reiner Gnade. Diese Erwählung ist der Grund aller späteren Heilstaten Gottes.
- 5:
»Denn ich weiß, dass der HERR groß ist und unser Herr vor allen Göttern.« Der Psalmist bekennt persönlich: »Ich weiß«. Es ist kein bloßes Fürwahrhalten, sondern ein erfahrungsgesättigtes Wissen. Die Größe JHWHs wird nicht abstrakt behauptet, sondern im Kontrast zu den Göttern der Heiden entfaltet. Diese Götter sind keine Konkurrenten, sondern Nichtse.
- 6:
»Alles, was der HERR will, das tut er, im Himmel und auf Erden, im Meer und in allen Tiefen.« Dies ist der zweite Grund für den Lobpreis: Gottes absolute Souveränität. Sein Wille ist nicht begrenzt durch Raum, Materie oder andere Mächte. Die vier genannten Bereiche (Himmel, Erde, Meer, Tiefen) umfassen das gesamte Universum. Nichts geschieht außerhalb seines Willens.
- 7:
»Der die Wolken aufsteigen lässt vom Ende der Erde, der die Blitze mit dem Regen macht und den Wind aus seinen Vorratskammern holt.« Gott ist nicht nur der Herr der Geschichte, sondern auch der Herr der Schöpfung. Die Naturphänomene – Wolken, Blitze, Regen, Wind – sind nicht das Werk von Baal oder anderen Wettergöttern, sondern stehen unter JHWHs Befehl. Der Psalm entmythologisiert die Naturreligionen.
- 8:
»Der die Erstgeborenen Ägyptens schlug, vom Menschen bis zum Vieh.« Nun folgt der dritte Grund: Gottes rettendes Handeln in der Geschichte. Die Plagen in Ägypten, besonders die Tötung der Erstgeborenen (2Mo 12,29-30), werden als Machterweis Gottes gedeutet. Sie zeigen, dass JHWH stärker ist als Pharao und alle Götter Ägyptens.
- 9:
»Der Zeichen und Wunder in deiner Mitte, Ägypten, sandte, an Pharao und allen seinen Knechten.« Die Plagen werden als »Zeichen und Wunder« bezeichnet – ein Begriff, der im Alten Testament oft für die Offenbarung von Gottes Macht und Herrlichkeit steht (vgl. Dtn 4,34). Sie sind nicht nur Strafgerichte, sondern auch Offenbarungsakte.
- 10:
»Der viele Völker schlug und mächtige Könige tötete: Sihon, den König der Amoriter, und Og, den König von Basan, und alle Königreiche Kanaans.« Der Psalm erinnert an die Landnahme unter Mose und Josua. Die Könige Sihon und Og (4Mo 21,21-35) stehen exemplarisch für die Feinde, die Gott vor Israel her vertrieben hat. Das Land Kanaan ist ein Geschenk des siegreichen Gottes.
- 13:
»HERR, dein Name währt ewig; HERR, dein Gedächtnis für und für.« Der Name Gottes steht für sein Wesen und seine Treue. Anders als die vergänglichen Götzen (V. 15-18) bleibt JHWH derselbe – von Generation zu Generation. Der Psalmist bekennt, dass Gottes »Gedächtnis« (hebr. zeker) nicht verblasst; seine Taten werden in der Gemeinde immer wieder verkündigt.
- 15:
»Die Götzen der Heiden sind Silber und Gold, von Menschenhänden gemacht.« Dies ist der schärfste Kontrast des Psalms. Die Götzen sind totes Material, von Menschen produziert. Sie haben Münder, aber reden nicht; Augen, aber sehen nicht; Ohren, aber hören nicht (V. 16-17). Der Psalm übernimmt hier fast wörtlich die Polemik aus Psalm 115,4-8. Die Pointe ist: Wer solchen Götzen vertraut, wird ihnen gleich – tot und ohne Leben.
- 19:
»Ihr vom Hause Israel, lobet den HERRN! Ihr vom Hause Aaron, lobet den HERRN! Ihr vom Hause Levi, lobet den HERRN! Die ihr den HERRN fürchtet, lobet den HERRN!« Der Psalm endet mit einem universalen Aufruf zum Lobpreis, der von den Priestern (Aaron) und Leviten ausgeht und sich auf das ganze Volk (Israel) und schließlich auf alle Gottesfürchtigen (auch Proselyten) ausweitet. Der Lobpreis ist die angemessene Antwort auf die Erkenntnis, wer Gott ist und was er getan hat.
Schlüsselthemen
- Gottes Souveränität über Schöpfung und Geschichte
- Erwählung Israels als Eigentum Gottes
- Kontrast zwischen dem lebendigen Gott und toten Götzen
- Lobpreis als Antwort auf Gottes Taten
- Gottes Treue über Generationen hinweg
Anwendung
Psalm 135 ruft uns dazu auf, unseren Lobpreis nicht auf vage Gefühle zu gründen, sondern auf konkrete Tatsachen: Gottes Erwählung, seine Macht in der Schöpfung und seine Rettungstaten in der Geschichte. Für uns als Christen erhält dieser Psalm eine neue Dimension durch Jesus Christus. In ihm hat Gott seine endgültige Rettungstat vollbracht – die Befreiung aus der Sklaverei der Sünde, die mächtiger ist als die Befreiung aus Ägypten. Der Kontrast zwischen dem lebendigen Gott und den Götzen ist heute nicht weniger aktuell. Unsere Götzen mögen nicht aus Silber und Gold sein, aber sie sind nicht weniger nichtig: Karriere, Besitz, Ansehen, Beziehungen – all das kann zum Götzen werden, wenn es Gottes Platz in unserem Herzen einnimmt. Der Psalm lädt uns ein, immer wieder innezuhalten und zu bekennen: »Ich weiß, dass der HERR groß ist« (V. 5). Dieses Wissen ist kein bloßes Kopfwissen, sondern eine Herzensgewissheit, die im Lobpreis Ausdruck findet. Der Psalm lehrt uns, dass der Lobpreis nicht nur eine Antwort auf Gottes Taten ist, sondern auch eine Waffe im Kampf gegen die Götzen unserer Zeit. Wenn wir Gott loben, räumen wir ihm den ersten Platz in unserem Leben ein.
Häufig gestellte Fragen
Was ist die Hauptbotschaft von Psalm 135?
Die Hauptbotschaft von Psalm 135 ist der Aufruf zum Lobpreis Gottes aufgrund seiner Souveränität und seiner Taten. Der Psalm betont, dass JHWH der wahre Gott ist, der Israel erwählt, die Schöpfung beherrscht und sein Volk aus Ägypten befreit hat. Im Kontrast dazu stehen die nichtigen Götzen der Heiden, die von Menschenhand gemacht sind und keine Macht haben. Der Psalm endet mit einem universalen Aufruf an alle, die den Herrn fürchten, ihn zu loben.
Wer sind die »Knechte des HERRN« in Psalm 135,1?
Mit den »Knechten des HERRN« sind in erster Linie die levitischen Priester und Sänger gemeint, die im Tempel Dienst taten. Sie standen in den Höfen des Tempels und riefen die Gemeinde zum Lobpreis auf. Der Ausdruck kann aber auch allgemein alle bezeichnen, die Gott dienen und ihm gehorsam sind. Der Psalm ist also ein liturgischer Aufruf, der von den Gottesdienern ausgeht und sich an die ganze Gemeinde richtet.
Warum werden in Psalm 135 die Götzen so scharf kritisiert?
Die scharfe Kritik an den Götzen (V. 15-18) dient dazu, die Einzigartigkeit und Überlegenheit JHWHs herauszustellen. Die Götzen werden als totes Material entlarvt: Sie haben Münder, aber reden nicht; Augen, aber sehen nicht; Ohren, aber hören nicht. Die Pointe ist, dass diejenigen, die solchen Götzen vertrauen, ihnen gleich werden – geistlich tot und ohne Leben. Diese Polemik ist typisch für die alttestamentliche Prophetie (vgl. Jes 44,9-20) und soll Israel davor bewahren, sich den heidnischen Kulten anzupassen.
Welche historischen Ereignisse werden in Psalm 135 erwähnt?
Psalm 135 erinnert an drei große Heilstaten Gottes in der Geschichte Israels: die Plagen in Ägypten, besonders die Tötung der Erstgeborenen (V. 8-9; vgl. 2Mo 12,29-30); die Landnahme unter Mose und Josua, exemplarisch dargestellt durch die Besiegung der Könige Sihon und Og (V. 10-11; vgl. 4Mo 21,21-35); und die Gabe des verheißenen Landes Kanaan als Erbe für Israel (V. 12). Diese Ereignisse werden als Belege für Gottes Macht und Treue angeführt.
Wie hängt Psalm 135 mit dem Neuen Testament zusammen?
Psalm 135 bereitet thematisch das neutestamentliche Verständnis von Gottes Souveränität und der Einzigartigkeit Christi vor. Der Kontrast zwischen dem lebendigen Gott und den toten Götzen findet seine Entsprechung in der paulinischen Polemik gegen die Götzen (1Kor 8,4-6; 10,14). Die Erwählung Israels als Gottes Eigentum (V. 4) wird im Neuen Testament auf die Gemeinde ausgeweitet (1Petr 2,9-10). Vor allem aber weist der Psalm auf Jesus Christus hin, in dem Gottes endgültige Rettungstat und seine Herrschaft über alle Mächte sichtbar geworden ist (Kol 2,15).