Kommentar zu Johannes 11

Johannes 11 erzählt die Auferweckung des Lazarus, das letzte und größte Zeichen Jesu vor seiner eigenen Passion. Jesus verzögert seine Reise nach Bethanien, obwohl er um die tödliche Krankheit seines Freundes weiß. Als er ankommt, ist Lazarus bereits vier Tage tot. In der Begegnung mit Maria und Marta offenbart Jesus sich als die Auferstehung und das Leben. Er weint am Grab, betet zum Vater und ruft Lazarus mit lauter Stimme aus dem Grab hervor. Dieses Wunder wird zum unmittelbaren Auslöser für den endgültigen Beschluss des Hohen Rates, Jesus zu töten – und weist zugleich voraus auf seine eigene Auferstehung.

Historischer Kontext

Das 11. Kapitel des Johannesevangeliums spielt in Bethanien, einem Dorf etwa drei Kilometer östlich von Jerusalem (Joh 11,18). Die Handlung ereignet sich kurz vor dem Paschafest, das in Kapitel 12 beginnt. Die Familie des Lazarus – Maria, Marta und Lazarus selbst – ist Jesus eng verbunden; Maria ist dieselbe Frau, die später Jesu Füße mit kostbarem Öl salbt (Joh 12,3).

Der jüdische Glaube an eine leibliche Auferstehung am Ende der Zeit war unter Pharisäern weit verbreitet (vgl. Apg 23,8). Die Vorstellung, dass jemand nach vier Tagen im Grab – wenn nach jüdischer Überlieferung die Seele endgültig den Körper verlassen hatte – noch ins Leben zurückgerufen werden könnte, sprengte alle damaligen Erwartungen. Jesu Handeln ist daher nicht nur ein Wunder, sondern eine bewusste Offenbarung seiner göttlichen Vollmacht über Tod und Leben.

Der Hohe Rat, besonders der Hohepriester Kajaphas, sieht in Jesu wachsender Popularität eine politische Gefahr. Ihre Sorge gilt der Reaktion Roms auf einen möglichen Aufstand (Joh 11,48). Kajaphas‘ Prophezeiung, es sei besser, dass ein Mensch für das Volk sterbe (Joh 11,50), wird vom Evangelisten als unfreiwillige Weissagung über Jesu stellvertretenden Tod gedeutet.

Vers für Vers

  • 1:

    Die Erzählung beginnt mit der Vorstellung des kranken Lazarus aus Bethanien. Der Name Lazarus ist die griechische Form des hebräischen Eleasar (»Gott hilft«). Die Schwestern Maria und Marta werden dem Leser bereits bekannt sein – Maria wird später in Joh 12,1-8 handeln.

  • 4:

    Als Jesus von der Krankheit hört, gibt er eine rätselhafte Antwort: »Diese Krankheit ist nicht zum Tode, sondern zur Verherrlichung Gottes.« Das griechische Wort doxa (δόξα) meint die sichtbare Herrlichkeit Gottes. Jesus deutet an, dass der Tod des Lazarus nicht das letzte Wort haben wird – und dass durch das Kommende der Sohn Gottes verherrlicht wird.

  • 6:

    Jesus bleibt zwei weitere Tage an seinem Aufenthaltsort, obwohl er um die Dringlichkeit weiß. Dieses scheinbare Zögern ist kein Mangel an Liebe, sondern eine bewusste pädagogische und offenbarungstheologische Entscheidung. Die Verzögerung dient dazu, die Größe des Wunders zu steigern und den Glauben der Jünger zu vertiefen.

  • 11:

    Jesus spricht vom Tod des Lazarus als einem »Schlaf« (koimao, κοιμάω). Dieses Wort wird im Neuen Testament häufig für den Tod der Gläubigen verwendet (vgl. 1Thess 4,13-14). Die Jünger missverstehen ihn wörtlich; Jesus muss klarstellen: »Lazarus ist gestorben.« Die Metapher des Schlafes deutet auf die zeitliche Begrenztheit des Todes hin – für Jesus ist der Tod nicht endgültig.

  • 17:

    Als Jesus in Bethanien ankommt, ist Lazarus bereits vier Tage im Grab. Nach jüdischer Tradition galt die Seele eines Verstorbenen drei Tage lang als in der Nähe des Grabes verweilend; nach vier Tagen war der Tod unwiderruflich. Diese zeitliche Angabe unterstreicht die Endgültigkeit der Situation und macht das folgende Wunder umso gewaltiger.

  • 25:

    Jesu Selbstoffenbarung an Marta ist der theologische Höhepunkt des Kapitels: »Ich bin die Auferstehung und das Leben.« Die griechische Formulierung egō eimi (ἐγώ εἰμι) erinnert an den Gottesnamen in 2Mo 3,14. Jesus beansprucht nicht nur, Auferstehung zu geben; er ist die Auferstehung. Wer an ihn glaubt, wird leben, auch wenn er stirbt – eine Zusage, die über die leibliche Auferweckung des Lazarus hinausweist auf die ewige Gemeinschaft mit Christus.

  • 33:

    Als Jesus Maria und die weinenden Trauergäste sieht, wird er »ergrimmt im Geist« (embrimaomai, ἐμβριμάομαι) und »erschüttert«. Dieses starke Wort drückt tiefe emotionale Erregung aus – nicht nur Trauer, sondern auch heiligen Zorn über die Macht des Todes, der nicht zum ursprünglichen Schöpfungsplan gehört. Jesu Weinen in Vers 35, das kürzeste Vers der Bibel, zeigt seine vollkommene Menschlichkeit.

  • 39:

    Jesus befiehlt, den Stein vom Grab wegzunehmen. Marta protestiert: »Er stinkt schon, denn er liegt vier Tage.« Ihr Einwand ist realistisch, aber sie denkt noch innerhalb der Grenzen menschlicher Möglichkeiten. Jesus erinnert sie an seine Verheißung: »Wenn du glaubst, wirst du die Herrlichkeit Gottes sehen.« Der Glaube öffnet die Tür für das Unmögliche.

  • 43:

    Jesus ruft mit lauter Stimme: »Lazarus, komm heraus!« Das griechische kraugē (κραυγή) bezeichnet einen lauten, autoritativen Ruf. Es ist derselbe Befehlston, der am Ende der Zeit die Toten aus den Gräbern rufen wird (vgl. Joh 5,28-29). Der tote Lazarus hört die Stimme des Schöpfers und gehorcht – ein Vorgeschmack auf die endzeitliche Auferstehung.

  • 47:

    Die Pharisäer und Hohepriester berufen eine Sitzung des Hohen Rates ein. Sie leugnen das Wunder nicht, sondern fragen: »Was tun wir?« Ihre Reaktion ist nicht Glaube, sondern politische Kalkulation. Sie fürchten, dass Jesu Popularität einen Aufstand auslösen und die Römer zur Zerstörung des Tempels und der Nation führen könnte.

  • 50:

    Kajaphas spricht die zynische, aber prophetische Wahrheit aus: »Es ist besser für euch, dass ein Mensch sterbe für das Volk, als dass das ganze Volk verderbe.« Der Evangelist deutet dies als unfreiwillige Prophezeiung: Kajaphas meint politische Zweckmäßigkeit, aber Gott lenkt seine Worte, um den stellvertretenden Tod Jesu für die ganze Welt anzukündigen (Joh 11,51-52).

Schlüsselthemen

  • Jesus als die Auferstehung und das Leben
  • Gottes Verherrlichung durch Leid und Tod
  • Der Glaube als Antwort auf Jesu Offenbarung
  • Der Tod als Feind, den Jesus besiegt
  • Der Hohe Rat und der politische Mordplan

Anwendung

Die Auferweckung des Lazarus ist kein isoliertes Wunder – sie ist ein Fenster in das Herz des Evangeliums. Jesus zeigt uns, dass er den Tod nicht als ferne Macht betrachtet, sondern als Feind, den er persönlich besiegt. Sein Weinen am Grab (Joh 11,35) gibt uns die Erlaubnis, in unserer eigenen Trauer ehrlich zu sein. Gott ist kein stoischer Beobachter unseres Schmerzes; er tritt in ihn ein.

Gleichzeitig fordert uns die Geschichte heraus, über unsere natürlichen Grenzen hinaus zu glauben. Marta hatte recht: Nach vier Tagen riecht ein Leichnam. Aber Jesus fragt nicht nach unserer Einschätzung der Wahrscheinlichkeit. Er fragt: »Glaubst du das?« (Joh 11,26). Unser Glaube muss nicht groß sein – er muss nur auf den gerichtet sein, der größer ist als der Tod. Die Verzögerung, die wir oft als Gleichgültigkeit Gottes erleben, kann der Raum sein, in dem er ein größeres Werk vorbereitet.

Häufig gestellte Fragen

Warum zögerte Jesus, zu Lazarus zu gehen, obwohl er wusste, dass er krank war?

Jesus zögerte nicht aus Gleichgültigkeit, sondern aus einer tieferen Absicht. Er sagte seinen Jüngern, dass die Krankheit »zur Verherrlichung Gottes« diene (Joh 11,4). Indem er zwei Tage wartete, stellte er sicher, dass Lazarus vier Tage tot war – nach jüdischer Überzeugung ein unwiderruflicher Zustand. Das Wunder der Auferweckung war dadurch unbestreitbar und offenbarte Jesu göttliche Vollmacht über den Tod in einer Weise, die die Jünger und die Umstehenden nie vergessen würden.

Was bedeutet es, dass Jesus »die Auferstehung und das Leben« ist (Joh 11,25)?

Diese Aussage ist eine der großen »Ich-bin«-Worte Jesu im Johannesevangelium. Jesus beansprucht damit nicht nur, Auferstehung zu geben; er ist die Auferstehung. Wer an ihn glaubt, hat bereits jetzt ewiges Leben, und der leibliche Tod kann diese Verbindung nicht trennen. Für den Gläubigen ist der Tod nur ein Durchgang – Christus selbst ist die Wirklichkeit, die jenseits des Grabes wartet.

Warum weinte Jesus, wenn er doch wusste, dass er Lazarus auferwecken würde?

Jesu Weinen (Joh 11,35) zeigt seine vollkommene Menschlichkeit. Er war nicht nur ein göttlicher Wundertäter, der unberührt vom Leid der Welt handelte. Sein Weinen drückt echte Trauer über den Tod eines Freundes aus – und vielleicht auch heiligen Zorn über die Macht des Todes selbst, der nicht zum ursprünglichen Schöpfungsplan Gottes gehört. Es ist ein tröstlicher Hinweis, dass Gott unseren Schmerz kennt und teilt.

Was ist die Bedeutung der Auferweckung des Lazarus für die Passion Jesu?

Die Auferweckung des Lazarus ist der unmittelbare Auslöser für den Beschluss des Hohen Rates, Jesus zu töten (Joh 11,53). Das Wunder machte Jesus so populär, dass die religiösen Führer eine politische Krise fürchteten. Gleichzeitig weist das Wunder voraus auf Jesu eigene Auferstehung. Lazarus wurde aus dem Tod zurückgerufen, um später wieder zu sterben; Jesus dagegen starb und erstand zu ewigem Leben. Lazarus‘ Auferweckung ist ein Vorgeschmack auf die endgültige Überwindung des Todes durch Christus.

Was meint Kajaphas mit seiner Aussage in Johannes 11,50?

Kajaphas, der Hohepriester, argumentierte politisch: Es sei besser, dass ein Mensch (Jesus) für das Volk sterbe, als dass die ganze Nation durch einen römischen Vergeltungsschlag untergehe. Der Evangelist Johannes deutet diese Worte jedoch als unfreiwillige Prophezeiung (Joh 11,51-52). Kajaphas meinte politische Zweckmäßigkeit, aber Gott lenkte seine Worte, um den stellvertretenden Tod Jesu für die Sünden der Welt anzukündigen – nicht nur für Israel, sondern für alle zerstreuten Kinder Gottes.