Fenster
Die theologische Untersuchung eines biblischen Begriffs wie Fenster (vom hebräischen challon, חַלּוֹן, und aruva, אֲרֻבָּה, sowie vom griechischen thuris, θύρις) mag auf den ersten Blick wie ein Randthema erscheinen. Wenn wir die Schrift jedoch mit einer reformatorischen und christozentrischen Hermeneutik erforschen, erkennen wir, dass Gott selbst die alltäglichsten Dinge der Wirklichkeit gebraucht, um tiefe Wahrheiten über sein Wesen, seine Absichten und die Beziehung des Menschen zu ihm mitzuteilen.
Das Fenster ist seinem Wesen nach eine Öffnung. Es lässt Licht herein, gewährt einen Blick nach draußen, sorgt für Lüftung und dient zuweilen als Zugang oder Fluchtweg. Diese wörtlichen Funktionen verwandeln sich in reiche theologische Bilder, die aus evangelisch-protestantischer Sicht auf die göttliche Offenbarung, den Zugang zu Gott, die menschliche Verletzlichkeit, die rettende Vorsehung und die Notwendigkeit geistlicher Unterscheidung hinweisen. Unsere Untersuchung geht der Entwicklung, der Bedeutung und der Anwendung dieses Begriffs nach und betont dabei die Autorität der Bibel und die Mitte, die Christus ist.
1. Etymologie und Wurzeln im Alten Testament
Im Alten Testament wird der Begriff Fenster vor allem durch zwei hebräische Wörter ausgedrückt: challon (חַלּוֹן) und aruva (אֲרֻבָּה). Das Wort challon ist das gebräuchlichere und bezeichnet eine bauliche Öffnung in einer Wand, die Licht oder Luft hereinlassen oder den Blick nach draußen ermöglichen soll. Es ist das gewöhnliche Fenster der Baukunst.
Ein herausragendes Beispiel für den Gebrauch von challon findet sich im Bericht über die Arche Noahs. In 1. Mose 6,16 gebietet Gott Noah, ein Fenster an der Arche anzubringen: »Ein Fenster sollst du daran machen obenan, eine Elle groß. Die Tür sollst du mitten in seine Seite setzen. Und er soll drei Stockwerke haben, eines unten, das zweite in der Mitte, das dritte oben.« Hier ist das Fenster nicht bloß ein Bauelement, sondern ein Sinnbild der göttlichen Versorgung mit Licht und schließlich auch mit dem Blick auf die neue Welt nach der Flut. Es steht für Hoffnung und einen Neuanfang unter der Herrschaft Gottes.
Eine weitere bedeutsame Verwendung von challon begegnet in der Geschichte Rahabs in Jericho. In Josua 2,15 lesen wir: »Da ließ sie sie an einem Seil durchs Fenster hinab; denn ihr Haus war an der Stadtmauer, und sie wohnte an der Mauer.« Rahabs Fenster wird zum Werkzeug der Rettung und zum Berührungspunkt mit Gottes Erlösungsplan für Israel. Das rote Seil, das in diesem Fenster hängt (Josua 2,18-21), dient als Zeichen der Rettung, als Vorabbildung des Bundes und der Erlösung, die durch das Blut Christi kommen sollten.
Das Fenster ist jedoch auch mit Verletzlichkeit und Gericht verbunden. Königin Isebel schaut in 2. Könige 9,30 voller Stolz und Trotz zum Fenster hinaus, bevor sie ihr tragisches Ende findet, und wird so zum Bild von Vermessenheit und Untergang. Ebenso ist in Sprüche 7,6 das Fenster der Beobachtungsort, von dem aus man den Toren sieht, der der Versuchung erliegt, und offenbart so eine Perspektive der Unbesonnenheit und der Gefahr. Diese Beispiele zeigen die Doppelgesichtigkeit des Begriffs: ein Kanal des Segens und der Offenbarung, aber auch ein Ort der Bloßstellung und Verletzlichkeit.
Das zweite wichtige hebräische Wort ist aruva (אֲרֻבָּה). Es trägt den Sinn einer Öffnung für ein Ausgießen und wird oft mit »Schleuse« wiedergegeben. Am bekanntesten ist sein Gebrauch in der Wendung von den »Fenstern des Himmels« (1. Mose 7,11 1. Mose 8,2). In 1. Mose 7,11 markiert das Öffnen der aruvot des Himmels den Beginn der Flut, ein Ausgießen des göttlichen Gerichts. Später kündigt das Schließen dieser Fenster (1. Mose 8,2) das Ende der Strafe und den Beginn der Wiederherstellung an.
Das Bild von den »Fenstern des Himmels« wird in Maleachi 3,10 in einem positiveren Sinn gebraucht: »Bringt aber die Zehnten in voller Höhe in mein Vorratshaus, auf dass in meinem Hause Speise sei, und prüft mich hiermit, spricht der HERR Zebaoth, ob ich euch dann nicht des Himmels Fenster auftun werde und Segen herabschütten die Fülle.« Hier steht das Öffnen der Fenster des Himmels für Gottes reichen Segen und seine großzügige Versorgung derer, die in ihren Zehnten und Gaben treu sind. Damit wird das Fenster zum Sinnbild göttlicher Güte und Treue, zu einem Kanal, durch den Gott seinen Segen über sein Volk ausgießt.
Der Prophet Daniel legt in Daniel 6,11 ein eindrückliches Zeugnis für das Fenster als Ort der Gemeinschaft mit Gott und der Hingabe ab. Selbst unter Todesdrohung »fiel er dreimal am Tag auf seine Knie, betete, lobte und dankte seinem Gott, wie er es auch vorher zu tun pflegte«, und zwar bei offenen Fenstern seines Obergemachs, die nach Jerusalem gerichtet waren. Diese Gewohnheit steht für ein Leben beständigen Gebets, ein geistliches »Fenster«, das unabhängig von den Umständen stets zu Gott hin offen ist. Daniels Fenster verkörpert unerschütterlichen Glauben und den Vorrang der Gemeinschaft mit Gott, ein Beispiel der Frömmigkeit, das durch die Generationen nachhallt.
Zusammenfassend entwickelt sich das Fenster im Alten Testament von einem wörtlichen Bauelement zu einem reichen theologischen Symbol. Es steht für göttliche Offenbarung, für den Zugang zur Rettung, für die Anfälligkeit des Menschen für Sünde und Gericht, für Gottes überreiche Versorgung und für die Beständigkeit von Gebet und Glauben. Es gibt eine fortschreitende Entfaltung der Offenbarung, in der das Fenster auf Gottes aktives Handeln an der Menschheit hinweist, sei es im Gericht oder in der Barmherzigkeit.
2. Das Fenster im Neuen Testament und seine Bedeutung
Im Neuen Testament ist das gebräuchlichste griechische Wort für Fenster thuris (θύρις), das eine kleine Tür oder, häufiger, ein Fenster bezeichnet. Auch wenn das Wort Fenster hier nicht so häufig vorkommt und nicht so bildhaft ausgestaltet ist wie im Alten Testament mit den »Fenstern des Himmels«, tragen seine Belege und der zugrunde liegende Gedanke der »Öffnung« weiterhin theologisches Gewicht, besonders wenn sie im Licht der Person und des Werkes Christi gelesen werden.
Einer der direkten Belege für thuris findet sich in Apostelgeschichte 20,9, im Bericht über Eutychus: »Es saß aber ein junger Mann mit Namen Eutychus in einem Fenster und sank in einen tiefen Schlaf, weil Paulus so lange redete; und vom Schlaf überwältigt, fiel er hinunter vom dritten Stock und wurde tot aufgehoben.« Hier ist das Fenster ein Ort der Verletzlichkeit und Gefahr, der die Zerbrechlichkeit des Menschen hervorhebt. In diesem Zusammenhang dient es jedoch zugleich als Hintergrund für die Offenbarung der göttlichen Auferweckungsmacht durch Paulus und weist auf Gottes Herrschaft über Leben und Tod hin.
Ein weiteres Beispiel ist die Flucht des Paulus in 2. Korinther 11,33, wo er berichtet: »und ich wurde in einem Korb durch ein Fenster die Mauer hinabgelassen und entrann seinen Händen.« Ähnlich wie in der Geschichte Rahabs ist das Fenster hier ein Mittel der Flucht und der göttlichen Versorgung mitten in der Verfolgung. Es steht für Gottes souveränes Eingreifen, das seine Diener bewahrt und seinen Plan selbst unter widrigen Umständen voranbringt. Das Fenster ist in diesem Fall nicht nur ein äußerer Fluchtweg, sondern ein Ausdruck der bewahrenden Gnade Gottes.
Obwohl das Wort Fenster selbst nicht unmittelbar auf Christus angewandt wird, ist der Gedanke der »Öffnung« und der »Offenbarung« für seine Person und sein Werk zentral. Jesus Christus ist die höchste Offenbarung Gottes, das endgültige »Fenster«, durch das die Menschheit den Vater erkennen kann. Er selbst sagt in Johannes 14,9: »Jesus spricht zu ihm: So lange bin ich bei euch, und du hast mich nicht erkannt, Philippus? Wer mich sieht, der sieht den Vater! Wie sprichst du dann: Zeige uns den Vater?« Christus ist das Ebenbild des unsichtbaren Gottes (Kolosser 1,15), der vollkommene Abglanz der Herrlichkeit Gottes (Hebräer 1,3). Er ist das »Fenster«, durch das das Licht der göttlichen Wahrheit und die Liebe Gottes in voller Klarheit in die Finsternis der Welt scheinen.
Das »Fenster« des Zugangs zu Gott, das im Alten Testament durch Opfer und Priester vermittelt wurde, ist nun in Christus ganz geöffnet. Er ist der einzige Weg zum Vater (Johannes 14,6). Der Vorhang im Tempel, der das Allerheiligste abtrennte, zerriss bei seinem Tod von oben bis unten (Matthäus 27,51), zum Zeichen dafür, dass das »Fenster« zur Gegenwart Gottes nun allen offensteht, die glauben. Der Hebräerbrief betont, dass wir durch das Blut Jesu Freimut haben zum Eingang in das Heiligtum (Hebräer 10,19-20), auf dem neuen und lebendigen Weg, den er uns aufgetan hat.
Die Kontinuität zwischen Altem und Neuem Testament liegt in der Funktion des Fensters als Kanal der Offenbarung und des Zugangs. Was durch die »Fenster« des Gesetzes, der Propheten und der geschichtlichen Ereignisse des Alten Testaments teilweise offenbart wurde, ist nun in der Person und im Werk Jesu Christi vollständig und endgültig offenbart. Das Fenster, das im Alten Testament einen Blick auf Gottes Herrlichkeit erlaubte, wurde durch das Kommen des Sohnes erweitert und erleuchtet. Die Diskontinuität liegt nicht in der Funktion, sondern in der Fülle der Offenbarung und in der Wirksamkeit der Mittlerschaft. Während die »Fenster« im Alten Testament eher Sinnbilder künftiger Verheißungen und Gaben waren, finden diese Verheißungen im Neuen Testament in Christus ihr »Ja« und ihr »Amen« (2. Korinther 1,20).
Auch der Heilige Geist wirkt als einer, der »geistliche Fenster öffnet«, indem er Herz und Verstand der Gläubigen erleuchtet, damit sie die in Christus und in der Schrift offenbarte Wahrheit Gottes verstehen. Paulus betet, dass die Augen des Herzens der Epheser erleuchtet werden (Epheser 1,18), damit sie die Hoffnung ihrer göttlichen Berufung »sehen« und begreifen. So öffnet der Heilige Geist nicht nur das Fenster, sondern befähigt uns auch, im Glauben und mit Unterscheidungsvermögen hindurchzublicken.
3. Das Fenster in der paulinischen Theologie: Die Grundlage des Heils
In der paulinischen Theologie ist Fenster zwar keine ausdrückliche soteriologische Kategorie, doch der Gedanke der »Öffnung«, der »Offenbarung« und des »Zugangs« gehört wesentlich zu seiner Heilslehre. Paulus betont, dass das Heil ganz und gar ein Werk der Gnade Gottes ist, in Christus offenbart und vollbracht und durch den Glauben empfangen, eine Wahrheit, die wir bildhaft und zugleich tiefgründig mit dem Öffnen eines göttlichen Fensters verbinden können.
Das »Fenster« der göttlichen Offenbarung ist grundlegend für das paulinische Verständnis der Rechtfertigung. In Römer 1,17 erklärt Paulus: »Denn darin wird offenbart die Gerechtigkeit Gottes, welche kommt aus Glauben in Glauben; wie geschrieben steht: Der Gerechte wird aus Glauben leben.« Die Gerechtigkeit Gottes, die zuvor verborgen oder nur teilweise verstanden war, ist nun in Jesus Christus offenbart, als hätte sich ein Fenster geöffnet, durch das die Menschheit Gottes vollkommenen Erlösungsplan sehen kann. Diese Offenbarung kommt nicht aus den Werken des Gesetzes, die nur die Sünde und das menschliche Unvermögen aufdecken (Römer 3,20).
Das Gesetz wirkte tatsächlich wie ein »Fenster«, das die Sündhaftigkeit der Menschheit bloßlegte. Paulus erklärt in Römer 7,7-11, dass das Gesetz, obwohl heilig und gut, die Sünde offenbarte und sie »über die Maßen sündig« machte. Das Gesetz öffnete ein Fenster auf den gefallenen Zustand des Menschen und zeigte die verzweifelte Notwendigkeit eines Heils, das nicht aus menschlicher Anstrengung kommen konnte. Das »Fenster« des Gesetzes bot also keinen Ausweg, sondern offenbarte das Gefängnis der Sünde und bereitete so den Boden für das »Fenster« der Gnade.
Im direkten Gegensatz zu den Werken des Gesetzes wird das Heil als freies Geschenk Gottes dargestellt, das durch den Glauben an Christus zugänglich ist. Paulus sagt in Epheser 2,8-9: »Denn aus Gnade seid ihr selig geworden durch Glauben, und das nicht aus euch: Gottes Gabe ist es, nicht aus Werken, damit sich nicht jemand rühme.« Das »Fenster« des Heils wird von Gott geöffnet, nicht durch menschliche Bemühungen. Es ist die Gnade (charis, χάρις), die dieses Fenster öffnet, und der Glaube (pistis, πίστις) ist das Mittel, durch das wir hindurchblicken und empfangen, was Gott schenkt. Luther wandte sich bei seiner Wiederentdeckung der Rechtfertigung aus Glauben mit Nachdruck gegen die Vorstellung, der Mensch könne aus eigenen Verdiensten den Zugang zur göttlichen Gnade »öffnen« oder »verdienen«: Das Fenster wird einseitig von Gott geöffnet.
Der paulinische Begriff des »Zugangs« (prosagōgē, προσαγωγή) zu Gott ist ein kraftvolles Bild, das sich mit der Vorstellung eines offenen Fensters deckt. In Epheser 2,18 schreibt Paulus: »Denn durch ihn haben wir alle beide in einem Geist den Zugang zum Vater.« Und in Römer 5,2: »Durch ihn haben wir auch den Zugang im Glauben zu dieser Gnade, in der wir stehen, und rühmen uns der Hoffnung auf die Herrlichkeit, die Gott geben wird.« Christus ist das »Fenster« und die »Tür«, durch die die Gläubigen unmittelbaren und bleibenden Zugang zur Gegenwart Gottes haben. Dieser Zugang ist ein Vorrecht, das es vor Christus nicht in voller Weise gab, und ein Zeugnis für das Erlösungswerk, das er vollbracht hat.
In der ordo salutis (Heilsordnung) steht das »Fenster« der Gnade Gottes im Mittelpunkt. Die Rechtfertigung ist der Akt, in dem Gott den Sünder aufgrund des Glaubens an Christus für gerecht erklärt. Die Heiligung, der fortwährende Prozess der Umgestaltung in das Bild Christi, wird durch die Erleuchtung des Heiligen Geistes getragen, der immer wieder »Fenster« des Verstehens und der Anwendung des Wortes Gottes in unserem Leben öffnet. Wenn der Gläubige wächst, »blickt« er immer klarer durch das »Fenster« der Offenbarung Gottes und strebt danach, seinem Willen gleichgestaltet zu werden.
Die Verherrlichung schließlich, die Vollendung des Heils, wird dann eintreten, wenn wir Gott von Angesicht zu Angesicht sehen, ohne die Begrenzungen, die wir jetzt erfahren. Paulus bringt das in 1. Korinther 13,12 zum Ausdruck: »Wir sehen jetzt durch einen Spiegel ein dunkles Bild; dann aber von Angesicht zu Angesicht. Jetzt erkenne ich stückweise; dann aber werde ich erkennen, wie ich erkannt bin.« Das »Fenster«, das uns jetzt eine bruchstückhafte, aber wahre Sicht gewährt, wird eines Tages ganz geöffnet werden und die volle Herrlichkeit Gottes offenbaren; darin erfüllt sich die Hoffnung auf das ewige Leben.
Für Calvin ist das Fenster der Offenbarung Gottes die Heilige Schrift, und Christus ist ihre Mitte und ihr Schlüssel. Er betonte, dass wir Gott nur durch das »Fenster« seines Wortes wahrhaft erkennen können und dass dieses Wort in Jesus Christus seinen Höhepunkt findet. Das Heil ist demnach das souveräne Werk Gottes, das das »Fenster« seiner Gnade öffnet und es Sündern ermöglicht, im Glauben die Erlösung in Christus zu sehen und zu empfangen.
4. Aspekte und Arten des Fensters
Das reiche biblische Gewebe lässt uns verschiedene Aspekte und Arten des Fensters unterscheiden, die in unterschiedlichen Zusammenhängen und mit unterschiedlicher theologischer Bedeutung auftreten. Diese Unterscheidungen zu verstehen ist für eine genaue Anwendung entscheidend und bewahrt vor verbreiteten Lehrirrtümern im Licht der reformatorisch-evangelischen Theologie.
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4.1 Das Fenster der göttlichen Offenbarung
Dies ist vielleicht der grundlegendste Aspekt. Gott offenbart sich der Menschheit durch verschiedene »Fenster«. Die Schöpfung ist ein »Fenster« der allgemeinen Offenbarung (Psalm 19,2-5 Römer 1,20), das Gottes Kraft und Gottheit zeigt. Die Heilige Schrift jedoch ist das vorrangige und irrtumslose »Fenster« der besonderen Offenbarung Gottes, durch das wir seinen Erlösungswillen und seine Eigenschaften klarer erkennen. Nach der Lehre des Sola Scriptura ist es die Bibel, durch die das Licht der göttlichen Wahrheit für uns leuchtet.
Christus Jesus ist, wie bereits gesagt, das höchste »Fenster« der Offenbarung Gottes. Er ist nicht nur ein Bote, sondern die Botschaft selbst, die Menschwerdung des unsichtbaren Gottes. Christus zu sehen heißt, den Vater zu sehen (Johannes 14,9). Er ist das vollkommene »Fenster«, ohne Makel und ohne Verzerrung, durch das die Herrlichkeit Gottes vollständig erkannt wird (2. Korinther 4,6).
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4.2 Das Fenster des Gebets und der Gemeinschaft
Das Beispiel Daniels (Daniel 6,11) veranschaulicht das Fenster als Sinnbild des beständigen Gebets und der unerschütterlichen Gemeinschaft mit Gott. Das nach Jerusalem hin geöffnete Fenster stand für eine Haltung der Erwartung und der Hingabe, für ein dem Herrn zugewandtes Herz. Für den Gläubigen ist das Gebet das »Fenster«, das sich zum Himmel öffnet und das Gespräch mit dem Vater sowie das Darbringen von Bitten und Danksagungen ermöglicht (Philipper 4,6-7). Es ist ein Kanal geistlicher Nähe in beide Richtungen.
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4.3 Das Fenster der Vorsehung und des Segens
Die »Fenster des Himmels« aus Maleachi 3,10 sind das deutlichste Bild für göttliche Versorgung und göttlichen Segen. Sie stehen für die Fülle und Großzügigkeit Gottes, die über diejenigen ausgegossen wird, die ihm treu sind. Dieses »Fenster« zeigt sich in materieller Versorgung, in Schutz, in Weisheit und in den unzähligen Weisen, auf die Gott sein Volk erhält und segnet. Spurgeon predigte oft über den Reichtum der Vorsehung Gottes, die sich inmitten der Nöte des Lebens in unzähligen »Fenstern« der Gnade zeigt.
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4.4 Das Fenster der Verletzlichkeit und des Gerichts
Das Fenster legt auch die Anfälligkeit des Menschen für die Sünde und das göttliche Gericht offen. Die Geschichten von Isebel (2. Könige 9,30) und vom unbesonnenen jungen Mann in den Sprüchen (Sprüche 7,6) erinnern daran, dass das Fenster ein Ort sein kann, von dem aus man der Versuchung zusieht, oder ein Punkt, an dem man dem göttlichen Gericht ausgesetzt ist. Die Sünde macht uns verletzlich, und wie durch offene »Fenster« sieht Gott unsere Übertretungen, der in seinem Gericht gerecht ist (Römer 2,5-6).
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4.5 Theologische Unterscheidungen und zu vermeidende Irrtümer
Es ist wichtig, zwischen göttlicher Initiative und menschlicher Antwort zu unterscheiden. Gott ist es, der die »Fenster« der Offenbarung, der Gnade und des Segens öffnet. Der Mensch wiederum ist berufen, im Glauben hindurchzublicken, in Hingabe durch sie zu beten und mit Gehorsam zu antworten. Wir können das göttliche Fenster nicht durch eigenes Verdienst »aufzwingen« (der Irrtum der Gesetzlichkeit oder des Synergismus).
Ein zu vermeidender Lehrirrtum ist ein übersteigerter Mystizismus, der »Fenster« außerbiblischer Offenbarung oder subjektive Erfahrungen sucht, die sich über die Autorität der Schrift stellen. Die reformatorische Sicht besteht darauf, dass der Heilige Geist zwar erleuchtet, dies aber vor allem durch das geschriebene Wort tut, das wichtigste »Fenster« der Wahrheit Gottes. Dr. Martyn Lloyd-Jones etwa betonte stets die zentrale Stellung des Wortes Gottes als des vorrangigen Mittels der Offenbarung und des geistlichen Wachstums und warnte vor jedem »Fenster«, das davon abzuweichen suchte.
Ein weiterer Irrtum ist der Deismus, der sich Gott als jemanden vorstellt, der das »Fenster« der Schöpfung geöffnet und sich dann zurückgezogen hat, sodass die Menschheit sich selbst überlassen bleibt. Die Bibel offenbart jedoch einen Gott, der die »Fenster« seiner Vorsehung und Gnade fortwährend öffnet und aktiv mit seiner Schöpfung und seinem Volk handelt (Kolosser 1,17).
Schließlich ist das Fenster kein Werkzeug, um Gott zu manipulieren. Das Wohlstandsevangelium zum Beispiel verzerrt mitunter die Verheißung aus Maleachi 3,10, indem es behauptet, Gott sei verpflichtet, die »Fenster des Himmels« für materielle Segnungen zu öffnen, wenn man dafür einen bestimmten »Glauben« oder eine »Aussaat« erbringt, und dabei den Zusammenhang des Bundes und die Souveränität Gottes übergeht.
5. Das Fenster und das praktische Leben des Gläubigen
Das theologische Verständnis des Begriffs Fenster bleibt nicht auf den akademischen Bereich beschränkt, sondern reicht tief in das praktische Leben des Gläubigen und in den Auftrag der Gemeinde hinein. Es prägt unsere Frömmigkeit, unseren Gottesdienst und unseren Dienst und gibt aus evangelisch-protestantischer Sicht Leitlinien für ein echtes und fruchtbares christliches Leben.
Die unmittelbarste praktische Anwendung des Fensters im Leben des Gläubigen liegt im Bereich der persönlichen Frömmigkeit. So wie Daniel seine Fenster nach Jerusalem hin öffnete, um zu beten, wird der Gläubige ermahnt, seine geistlichen »Fenster« zu Gott hin offen zu halten. Das bedeutet ein Leben beständigen Gebets (1. Thessalonicher 5,17), das Nachsinnen über das Wort Gottes (Psalm 1,2) und das Suchen seines Angesichts. Diese »Fenster« sauber und frei zu halten heißt, die Sünde zu bekennen (1. Johannes 1,9), Buße zu tun und der Heiligung nachzujagen, damit nichts das Eindringen des göttlichen Lichts oder den klaren Blick auf Gottes Willen verhindert.
Im Gottesdienst erinnert uns der Begriff Fenster daran, dass Gott der Geber jeder guten und vollkommenen Gabe ist (Jakobus 1,17). Wenn wir an das Öffnen der »Fenster des Himmels« in Maleachi 3,10 denken, erkennen wir Gottes Großzügigkeit und Treue in seiner Versorgung an. Unsere Anbetung soll eine Antwort des Dankes und des Lobes dafür sein, dass er das »Fenster« des Heils in Christus geöffnet hat und seinen Segen fortwährend über uns ausgießt. Wir beten ihn an, der sich uns durch das »Fenster« seines Sohnes und seines Wortes offenbart hat.
Im christlichen Dienst sind die Gläubigen berufen, »Fenster« zu sein, durch die das Licht Christi in eine finstere Welt scheinen kann. Jesus sagte seinen Jüngern, dass sie das Licht der Welt sind (Matthäus 5,14). Das bedeutet: Nachdem wir das Licht der Wahrheit und der Gnade durch das »Fenster« Christus empfangen haben, sind wir berufen, dieses Licht an andere weiterzugeben. Unser Zeugnis, unsere guten Werke und unsere Liebe sollen wie »Fenster« sein, durch die die Welt einen Blick auf die Herrlichkeit Gottes erhaschen und zum Evangelium gezogen werden kann (Matthäus 5,16).
Die persönliche Verantwortung des Gläubigen angesichts der Souveränität Gottes wird hervorgehoben. Auch wenn Gott die »Fenster« der Gnade und der Offenbarung öffnet, sind wir dafür verantwortlich, im Glauben hindurchzublicken und mit Gehorsam zu antworten. Es geht nicht um theologische Passivität, sondern um tätige Unterordnung unter den Willen Gottes. Der rettende Glaube ist kein untätiger Glaube, sondern ein Glaube, der handelt (Jakobus 2,17). Darum sollen wir Gott durch seine »Fenster« der Offenbarung und der Gnade eifrig suchen und weder unsere Augen noch unser Herz vor dem verschließen, was er uns zeigt.
Für die Gemeinde von heute hat der Begriff Fenster bedeutsame Folgen. Die Gemeinde ist berufen, eine Gemeinschaft zu sein, die ihre geistlichen »Fenster« für Gottes Weisung offen hält und seinen Willen in der Verkündigung des Wortes, im Gebet und in der Mission sucht. Sie soll ein Leuchtturm sein, ein zur Welt hin offenes »Fenster«, das die Verlorenen einlädt, zum Licht Christi zu kommen. Die Türen der Gemeinde sollen offen stehen, um aufzunehmen, und ihre »Fenster« sollen offen sein, damit die Welt die Hoffnung sieht, die in Christus ist. Darüber hinaus soll die Gemeinde ein Ort sein, an dem die »Fenster« der Gnade und der Wahrheit durch die treue Auslegung der Schrift und die Verwaltung der Sakramente immer wieder geöffnet werden, sodass die Gläubigen genährt und für den Dienst ausgerüstet werden.
Zu den seelsorgerlichen Ermahnungen, die sich aus dem Begriff Fenster ergeben, gehören:
- Halte deine geistlichen Fenster offen: Lass nicht zu, dass Sünde oder Nachlässigkeit deinen Blick auf Gott trüben. Suche ihn beständig.
- Blicke durch das Fenster Christus: Richte deine Augen auf Jesus, den Anfänger und Vollender des Glaubens (Hebräer 12,2), die vollkommene Offenbarung des Vaters.
- Sei ein Fenster des Lichts: Spiegle die Herrlichkeit Gottes in die Welt um dich herum wider, indem du ein Leben führst, das auf Christus hinweist.
- Verschließe deine Fenster nicht vor Gottes Segen: Achte auf die göttliche Vorsehung und danke für seine unzähligen Segnungen, große wie kleine.
- Verschließe deine Fenster nicht vor Gottes Warnungen: Sei empfindsam für seine Stimme durch das Wort und den Geist, um Versuchung und Gericht zu entgehen.
Abschließend lässt sich sagen: Der biblische Begriff Fenster, so schlicht er scheinen mag, entfaltet sich zu einem reichen Gewebe theologischer Wahrheiten. Er erinnert uns an Gottes Souveränität in seiner Selbstoffenbarung und in seiner Versorgung, an die zentrale Stellung Christi als des endgültigen »Fensters« zum Vater, an die Abhängigkeit des Menschen von der Gnade und an unsere Verantwortung, mit Glauben und Gehorsam zu antworten. Das »Fenster« ist ein starkes Sinnbild für Gottes fortwährendes Handeln an der Menschheit und lädt uns ein, hinzuschauen, zu empfangen und sein herrliches Licht widerzuspiegeln. Die evangelisch-protestantische Theologie, gegründet auf Sola Scriptura und Sola Gratia, lädt uns ein, unsere »Fenster« stets offen zu halten für den Gott, der in Christus für uns alle das »Fenster« seines Heils geöffnet hat.