Kommentar zu Hohelied 7

Hohelied 7 entfaltet ein poetisches Wechselspiel zwischen Sulamith und Salomo, das die Schönheit der Braut in einer Reihe von Bildern preist und ihre Sehnsucht nach Gemeinschaft vertieft. Der Bräutigam beschreibt ihren Körper in einer aufsteigenden Bewegung von den Füßen bis zum Haupt, während die Braut antwortet, indem sie ihre Hingabe und den Wunsch nach Nähe ausdrückt. Das Kapitel gipfelt in einer Einladung, gemeinsam in die Felder zu gehen, wo die Liebe in der Schöpfung erwacht. Es zeigt die gegenseitige Freude und die ungebrochene Intimität, die das Hohelied als Bild für Gottes Beziehung zu seinem Volk und für Christus und die Gemeinde zeichnet.

Historischer Kontext

Das Hohelied Salomos ist eine Sammlung von Liebesliedern, die traditionell König Salomo zugeschrieben werden, auch wenn die genaue Autorschaft umstritten ist. Es wurde vermutlich im 10. bis 5. Jahrhundert v. Chr. verfasst und gehört zur Weisheitsliteratur des Alten Testaments. Das Buch feiert die menschliche Liebe und Ehe als gute Schöpfungsgabe Gottes, ohne sie allegorisch zu verfremden. Kapitel 7 setzt die poetische Beschreibung der Braut fort, die bereits in Kapitel 4 begann, und spiegelt die Hochzeitsbräuche des alten Israel wider, bei denen der Bräutigam die Schönheit seiner Braut in einer Art öffentlichem Lobpreis pries. Die Bilder aus der Natur – Weinstöcke, Granatäpfel, Palmen – sind typisch für die landwirtschaftlich geprägte Kultur Kanaans und verleihen der Sprache eine sinnliche, aber nicht obszöne Tiefe. Die Einladung, in die Weinberge zu gehen, erinnert an die gemeinsame Arbeit und das Fest der Ernte, das die Gemeinschaft stärkte.

Vers für Vers

  • 1:

    Der Bräutigam beginnt mit einer Aufforderung an die Braut, sich zu zeigen: »Kehre um, kehre um, o Sulamith; kehre um, kehre um, dass wir dich anschauen!« (Hld 7,1). Der Name Sulamith ist die weibliche Form von Salomo und deutet auf ihre Zugehörigkeit hin. Die Wiederholung des Imperativs betont die Dringlichkeit und Freude des Bräutigams, die Schönheit seiner Braut zu betrachten. Es ist ein Tanz der gegenseitigen Wertschätzung, der die Intimität des Bundes widerspiegelt.

  • 2:

    »Wie schön ist dein Gang in den Schuhen, du Fürstentochter!« (Hld 7,2). Der Bräutigam preist die Eleganz ihrer Bewegung, beginnend mit den Füßen. Die Bezeichnung »Fürstentochter« unterstreicht ihre Würde und Erhabenheit. Die Beschreibung ihrer Hüften als »wie ein Geschmeide, von den Händen des Künstlers gemacht«, betont die Kunstfertigkeit der Schöpfung – die Braut ist kein Zufallsprodukt, sondern ein Meisterwerk, das Gott geformt hat.

  • 3:

    »Dein Schoß ist wie ein runder Becher, dem nimmer Getränk mangelt« (Hld 7,3). Dieses Bild ist eine poetische Metapher für Fruchtbarkeit und Lebensfülle. Der Schoß wird als Gefäß der Freude und des Lebens beschrieben, das nie versiegt. In der hebräischen Poesie wird die körperliche Intimität nicht verschämt, sondern als Ausdruck der göttlichen Ordnung gefeiert, die die Ehe heiligt.

  • 4:

    »Deine zwei Brüste sind wie zwei junge Rehzwillinge« (Hld 7,4). Dieses Bild kehrt aus Kapitel 4,5 wieder und symbolisiert Zartheit, Anmut und Fülle. Die Wiederholung zeigt, dass die Schönheit der Braut beständig ist und immer neu entdeckt wird. Der Bräutigam sieht in ihr nicht nur ein Objekt, sondern eine lebendige, sich entfaltende Person.

  • 5:

    »Dein Hals ist wie ein elfenbeinerner Turm« (Hld 7,5). Der Hals als Symbol für Stolz und Anmut wird mit einem Turm verglichen, der Stärke und Erhabenheit ausdrückt. Die Augen werden mit den Teichen zu Hesbon verglichen, einem Ort mit klarem Wasser, was auf Klarheit und Tiefe hinweist. Die Nase wie der Turm auf dem Libanon deutet auf königliche Majestät hin.

  • 6:

    »Dein Haupt steht auf dir wie der Karmel« (Hld 7,6). Der Karmel war ein fruchtbares Gebirge, das für seine Schönheit und Fülle bekannt war. Der Vergleich mit dem Purpur des Königs, der in den Locken gefangen ist, unterstreicht die königliche Würde der Braut. Sie ist nicht nur schön, sondern auch von königlichem Rang – ein Bild für die Gemeinde, die als Braut Christi an seiner Herrschaft teilhat.

  • 7:

    »Wie schön und wie lieblich bist du, Liebe, in Wollüsten!« (Hld 7,7). Der Bräutigam fasst seine Betrachtung in einem Ausruf der Freude zusammen. Die »Wollüste« sind hier nicht negativ konnotiert, sondern bezeichnen die tiefe, von Gott geschenkte Freude der ehelichen Liebe. Diese Freude ist ein Vorgeschmack auf die Gemeinschaft mit Gott, die im Hohelied immer wieder aufscheint.

  • 8:

    »Deine Gestalt ist gleich einem Palmenbaum und deine Brüste den Trauben« (Hld 7,8). Die Palme war im Alten Orient ein Symbol für Fruchtbarkeit und Anmut. Der Bräutigam drückt seinen Wunsch aus, die Früchte dieser Liebe zu genießen: »Ich sprach: Ich muss auf den Palmenbaum steigen und seine Zweige ergreifen« (Hld 7,9). Dies ist eine poetische Umschreibung der Sehnsucht nach körperlicher Vereinigung, die in der Ehe heilig ist.

  • 9:

    »Deine Kehle ist wie guter Wein, der meinem Freunde glatt eingeht und die Lippen der Schlafenden reden macht« (Hld 7,10). Der Wein symbolisiert Freude und Rausch der Liebe. Die Braut antwortet nun direkt: »Ich bin meines Freundes, und nach mir steht sein Verlangen« (Hld 7,11). Dies ist eine Umkehrung von 1Mo 3,16, wo die Frau nach dem Mann verlangt; hier ist die gegenseitige Hingabe vollkommen und ungebrochen.

  • 10:

    Die Braut ergreift die Initiative: »Komm, mein Freund, lass uns aufs Feld hinausgehen und in den Dörfern wohnen« (Hld 7,12). Sie lädt den Bräutigam ein, die Stadt zu verlassen und in die Natur zu gehen, wo die Liebe ungestört blühen kann. Dies erinnert an den Garten Eden und die ursprüngliche Gemeinschaft von Mann und Frau. Die Felder und Weinberge sind Orte der Fruchtbarkeit und des Segens.

  • 11:

    »Frühmorgens wollen wir in die Weinberge gehen und sehen, ob der Weinstock sprosst und die Blüten aufgehen, ob die Granatäpfel blühen« (Hld 7,13). Die Braut schlägt vor, die Zeichen der Fruchtbarkeit zu beobachten. Die Weinberge sind ein wiederkehrendes Motiv im Hohelied und symbolisieren die Liebe, die gepflegt werden muss. Die Frage nach dem Blühen deutet auf die Hoffnung auf Nachkommenschaft und Segen hin.

  • 12:

    »Die Liebesäpfel geben ihren Geruch, und an unseren Türen sind allerlei edle Früchte, beide, die ich dir, mein Freund, behalten habe und die ich dir, mein Freund, behalten habe« (Hld 7,14). Die Braut verspricht, dem Bräutigam die Früchte ihrer Liebe zu schenken. Die Wiederholung betont die Exklusivität und Treue. In der christlichen Auslegung wird dies oft als Bild für die geistlichen Früchte gesehen, die die Gemeinde für Christus bewahrt.

Schlüsselthemen

  • Gegenseitige Wertschätzung und Lobpreis der Schönheit
  • Fruchtbarkeit und Lebensfülle als Gottes Segen
  • Initiative und Hingabe in der Liebe
  • Die Einheit von Mann und Frau als Bild der Gemeinschaft mit Gott
  • Die Sehnsucht nach ungestörter Gemeinschaft in der Schöpfung

Anwendung

Hohelied 7 lädt uns ein, die Schönheit der ehelichen Liebe als ein Geschenk Gottes zu feiern, das nicht beschämt oder versteckt werden muss. In einer Kultur, die Intimität oft entweder verklärt oder entwertet, erinnert uns dieses Kapitel daran, dass die gegenseitige Wertschätzung und das Verlangen nach dem anderen in der Ehe heilig sind. Der Bräutigam preist seine Braut nicht nur für ihr Äußeres, sondern für ihre ganze Person – ihre Würde, ihre Fruchtbarkeit, ihre Hingabe. Für Christen ist dies ein schwaches, aber echtes Abbild der Liebe Christi zu seiner Gemeinde. So wie der Bräutigam die Braut einlädt, sich zu zeigen, so lädt Christus uns ein, uns ihm ganz zu öffnen, ohne Furcht vor Ablehnung. Die Antwort der Braut – »Ich bin meines Freundes« – ist das Bekenntnis der Gemeinde: Wir gehören Christus, und er begehrt uns. Diese Gewissheit befreit uns von der Suche nach Bestätigung in anderen Beziehungen und schenkt uns die Ruhe, in seiner Liebe zu leben.

Häufig gestellte Fragen

Was bedeutet der Name Sulamith in Hohelied 7,1?

Sulamith ist die weibliche Form von Salomo und bedeutet wörtlich »die Friedvolle« oder »die Vollkommene«. Sie symbolisiert die Braut als Gegenstück zum Bräutigam und unterstreicht die vollkommene Einheit und Harmonie der Liebe. In der christlichen Tradition wird Sulamith oft als Bild der Gemeinde gesehen, die mit Christus verbunden ist.

Ist Hohelied 7 ein sexuell explizites Kapitel?

Das Hohelied verwendet eine poetische und metaphorische Sprache, die die körperliche Liebe in der Ehe feiert, ohne sie pornografisch darzustellen. Die Bilder – wie der Schoß als Becher oder die Brüste als Rehzwillinge – sind kunstvoll und respektvoll. Sie drücken die Freude und Heiligkeit der ehelichen Intimität aus, die nach biblischem Verständnis ein Geschenk Gottes ist.

Was bedeutet die Einladung »Lass uns aufs Feld hinausgehen« in Hohelied 7,12?

Die Einladung symbolisiert den Wunsch nach ungestörter Gemeinschaft in der Natur, fernab der Ablenkungen der Stadt. Die Felder und Weinberge stehen für Fruchtbarkeit, Wachstum und die ursprüngliche Schöpfungsordnung. Es ist ein Bild für die Sehnsucht nach einer intimen Beziehung, die in der Gegenwart Gottes gedeiht.

Wie passt Hohelied 7 in die christliche Lehre von der Ehe?

Das Kapitel zeigt, dass die Ehe nach Gottes Plan eine Quelle der Freude, der gegenseitigen Wertschätzung und der Fruchtbarkeit ist. Es bestätigt, dass körperliche Intimität in der Ehe gut und heilig ist. Für Christen ist die Ehe ein Abbild der Beziehung zwischen Christus und der Gemeinde (Eph 5,31-32), und Hohelied 7 malt dieses Bild in lebendigen Farben.

Warum wird die Braut in Hohelied 7 mit einer Palme verglichen?

Die Palme war im Alten Orient ein Symbol für Anmut, Fruchtbarkeit und Beständigkeit. Sie wächst in der Wüste und spendet Schatten und Nahrung. Der Vergleich unterstreicht die Schönheit und Lebensspendung der Braut. In der christlichen Auslegung kann die Palme auch auf Christus hinweisen, der die Quelle des Lebens ist.