Kommentar zu Esra 6

In Esra 6 erreicht der Wiederaufbau des Tempels in Jerusalem seinen Höhepunkt. Der persische König Darius bestätigt das Edikt des Kyrus und befiehlt die Wiederaufnahme der Bauarbeiten, die zuvor durch Feinde behindert wurden. Der Tempel wird fertiggestellt und mit einem großen Freudenfest eingeweiht. Das Kapitel endet mit der Feier des Passahfestes durch die zurückgekehrten Exulanten. Es zeigt, wie Gott die Herzen heidnischer Könige lenkt, um sein Volk zu segnen und seine Verheißungen zu erfüllen.

Historischer Kontext

Das Kapitel spielt um 520–515 v. Chr., etwa 20 Jahre nach dem ersten Rückkehrerlass des Kyrus (538 v. Chr.). Die Juden waren aus dem babylonischen Exil zurückgekehrt, aber der Tempelbau war ins Stocken geraten, teils wegen äußerem Widerstand (Esra 4), teils wegen eigener Nachlässigkeit (Haggai 1). Der persische König Darius I. (522–486 v. Chr.) bestieg den Thron nach einer turbulenten Zeit. Die Gegner der Juden, die in der Provinz »jenseits des Stromes« (westlich des Euphrat) lebten, versuchten erneut, den Bau zu verhindern, indem sie sich auf das persische Recht beriefen. Darius ließ jedoch in den königlichen Archiven in Ekbatana suchen und fand das Edikt des Kyrus. Dieses Edikt, das in Esra 1,1-4 zitiert wird, erlaubte den Juden nicht nur die Rückkehr, sondern auch den Wiederaufbau des Tempels auf Staatskosten. Darius bestätigte dieses Edikt und drohte jedem, der es behinderte, harte Strafen an. Der Tempel wurde schließlich am 3. Adar (Februar/März) 515 v. Chr. fertiggestellt, genau 70 Jahre nach der Zerstörung des ersten Tempels im Jahr 586 v. Chr. (vgl. Jer 25,11-12; 29,10).

Vers für Vers

  • 1:

    Der persische König Darius befiehlt eine Suche in den königlichen Archiven. Die Gegner der Juden hatten eine Anfrage gestellt, ob der Tempelbau überhaupt legal sei. Darius, ein kluger Herrscher, lässt die Akten prüfen. Die Suche findet nicht in Babylon statt, sondern in der Sommerresidenz Ekbatana (heute Hamadan im Iran). Dies zeigt, dass Gott die Umstände so lenkt, dass die Wahrheit ans Licht kommt.

  • 2:

    In Ekbatana wird eine Schriftrolle gefunden, die das Edikt des Kyrus enthält. Die Entdeckung ist ein entscheidender Wendepunkt. Was die Feinde der Juden als Waffe gegen sie einsetzen wollten (die Anfechtung der Baugenehmigung), wird nun zu ihrer eigenen Niederlage. Gottes Vorsehung wirkt oft durch scheinbar zufällige Funde.

  • 3:

    Das Edikt des Kyrus wird zitiert: Der Tempel soll wieder aufgebaut werden, und zwar mit einer Höhe und Breite von 60 Ellen (etwa 27 Meter). Die Maße sind großzügig und entsprechen in etwa denen des salomonischen Tempels (1Kön 6,2). Kyrus befiehlt zudem, dass die Kosten aus dem königlichen Schatz getragen werden. Dies ist ein bemerkenswerter Akt der Großzügigkeit eines heidnischen Königs gegenüber dem Volk Gottes.

  • 4:

    Das Edikt beschreibt die Bauweise: drei Schichten von großen Steinen und eine Schicht von Holz. Dies erinnert an die Bauweise des salomonischen Tempels (1Kön 6,36). Die Kosten werden aus dem königlichen Haushalt bestritten. Gott benutzt die Ressourcen der Welt, um sein Werk zu finanzieren – ein Prinzip, das sich durch die ganze Heilsgeschichte zieht.

  • 5:

    Kyrus befiehlt auch die Rückgabe der goldenen und silbernen Gefäße, die Nebukadnezar aus dem Tempel geraubt hatte (vgl. 2Chr 36,7; Dan 1,2). Diese Gefäße waren heilige Gegenstände, die für den Gottesdienst unverzichtbar waren. Ihre Rückkehr symbolisiert die Wiederherstellung der rechten Anbetung Gottes in Jerusalem.

  • 6:

    Darius befiehlt dem Statthalter Tattenai und seinen Kollegen, sich von dem Bau fernzuhalten. Die Feinde der Juden sollten nicht nur aufhören zu stören, sondern sich völlig zurückziehen. Gottes Schutz für sein Volk ist umfassend: Er hält die Feinde auf Distanz.

  • 7:

    Der Bau soll ungehindert fortgesetzt werden. Darius stellt klar, dass der Statthalter keine Autorität hat, den Tempelbau zu behindern. Dies ist ein königlicher Befehl, der nicht angefochten werden kann. Die Juden erhalten freie Hand, ihr Werk zu vollenden.

  • 8:

    Darius geht noch weiter: Er befiehlt, dass die Baukosten aus den Steuereinnahmen der Provinz »jenseits des Stromes« bezahlt werden. Dies ist eine bemerkenswerte Wendung: Die Feinde der Juden, die den Bau verhindern wollten, müssen nun dafür bezahlen! Gott kann die Pläne der Widersacher in Segen verwandeln.

  • 9:

    Darius ordnet an, dass den Priestern in Jerusalem täglich Opfertiere, Weizen, Wein, Öl und Salz geliefert werden. Dies soll sicherstellen, dass die Opfer für den Gott des Himmels nicht aufhören. Der König zeigt eine erstaunliche Ehrfurcht vor dem Gott Israels, auch wenn er selbst wahrscheinlich ein Anhänger des persischen Zoroastrismus war.

  • 10:

    Der Grund für die Großzügigkeit des Darius wird genannt: Die Juden sollen für das Leben des Königs und seiner Söhne beten. Dies ist ein typisch persischer Brauch: Die Herrscher erwarteten, dass die unterworfenen Völker für sie beteten. Doch dahinter steht Gottes souveräne Lenkung: Er bewegt das Herz des Königs, sein Volk zu unterstützen.

  • 11:

    Darius droht jedem, der den Befehl missachtet, mit einer grausamen Strafe: Ein Balken soll aus seinem Haus gerissen werden, und er soll daran gepfählt werden. Sein Haus soll zu einem Schutthaufen gemacht werden. Dies zeigt die Ernsthaftigkeit des königlichen Befehls. Die Drohung ist real und wirksam.

  • 12:

    Darius ruft den Gott Israels an, jeden zu stürzen, der den Tempel zerstört. Dies ist ein bemerkenswertes Bekenntnis eines heidnischen Königs zur Macht des Gottes Israels. Er erkennt an, dass Gott seinen Namen in Jerusalem wohnen lässt. Die Furcht vor Gott kann auch die Herzen der Mächtigen erreichen.

  • 13:

    Tattenai und seine Kollegen gehorchen dem Befehl des Darius sofort. Der Widerstand gegen den Tempelbau bricht zusammen. Was zuvor ein Hindernis war, wird nun zur Hilfe. Die Feinde der Juden werden zu ihren Förderern. Gottes Macht zeigt sich in der Veränderung der Herzen.

  • 14:

    Der Tempelbau wird durch die Prophetie Haggais und Sacharjas vorangetrieben. Die Ältesten der Juden bauen weiter, und das Werk gelingt. Der Tempel wird fertiggestellt »nach dem Befehl des Gottes Israels und nach dem Befehl des Kyrus, Darius und Artasasta«. Die Vollendung ist das Ergebnis göttlicher Führung und menschlichen Gehorsams.

  • 15:

    Der Tempel wird am 3. Adar im sechsten Jahr des Darius (515 v. Chr.) fertiggestellt. Dies ist ein historischer Moment: 70 Jahre nach der Zerstörung des ersten Tempels steht das Haus Gottes wieder. Die Zeit der Trauer ist vorbei; eine neue Ära der Anbetung beginnt.

  • 16:

    Die Einweihung des Tempels wird mit Freuden gefeiert. Das ganze Volk – Priester, Leviten und die übrigen Rückkehrer – nimmt teil. Die Freude ist groß, denn Gott hat sein Werk vollendet. Die Einweihung erinnert an die Einweihung des salomonischen Tempels (1Kön 8), wenn auch in bescheidenerem Rahmen.

  • 17:

    Bei der Einweihung werden zahlreiche Opfer dargebracht: 100 Stiere, 200 Widder, 400 Lämmer und 12 Ziegenböcke als Sündopfer für die zwölf Stämme Israels. Die Zahl 12 symbolisiert die Einheit des Volkes Gottes. Die Opfer weisen auf die Notwendigkeit der Sühne hin und deuten voraus auf das vollkommene Opfer Christi.

  • 18:

    Die Priester und Leviten werden in ihre Ordnungen eingesetzt, wie es im Gesetz des Mose vorgeschrieben ist (vgl. 1Chr 23-24). Der Gottesdienst wird nach den biblischen Vorschriften geordnet. Dies zeigt, dass die Rückkehrer nicht nur einen Tempel bauen, sondern die rechte Anbetung Gottes wiederherstellen wollen.

  • 19:

    Das Passahfest wird am 14. Tag des ersten Monats (Nisan) gefeiert. Dies ist das erste Passah im wiederaufgebauten Tempel. Das Fest erinnert an die Befreiung aus Ägypten und wird nun zum Gedenken an die Befreiung aus dem babylonischen Exil. Gottes Erlösungshandeln setzt sich durch die Geschichte fort.

  • 20:

    Die Priester und Leviten reinigen sich und schlachten das Passahlamm für das ganze Volk. Die Reinigung ist wichtig, denn nur die Reinen dürfen am Passah teilnehmen (vgl. 4Mo 9,6-14). Die Leviten helfen den Priestern bei der Zubereitung der Opfer. Der Gottesdienst wird in Gemeinschaft gefeiert.

  • 21:

    Die Kinder Israels, die aus dem Exil zurückgekehrt waren, essen das Passah. Auch diejenigen, die sich von der Unreinheit der heidnischen Völker abgesondert hatten, um den Herrn zu suchen, nehmen teil. Dies zeigt, dass das Passah nicht nur für die leiblichen Nachkommen Abrahams bestimmt ist, sondern für alle, die Gott suchen.

  • 22:

    Das Fest der ungesäuerten Brote wird sieben Tage lang mit Freuden gefeiert. Die Freude ist groß, weil Gott das Herz des Königs von Assyrien (eine Bezeichnung für den persischen König) geneigt hat, ihnen zu helfen. Die Feier endet mit Dankbarkeit: Gott hat sein Volk gestärkt und den Tempel wiederhergestellt.

Schlüsselthemen

  • Gottes Souveränität über heidnische Könige
  • Wiederherstellung der rechten Anbetung
  • Erfüllung der Prophetie
  • Freude über Gottes Treue
  • Reinheit und Gemeinschaft im Gottesdienst

Anwendung

Esra 6 lehrt uns, dass Gott der Herr der Geschichte ist. Er lenkt die Herzen der Mächtigen, um seine Pläne auszuführen. Wenn wir in schwierigen Situationen stecken, können wir darauf vertrauen, dass Gott Wege öffnen kann, die wir nicht sehen. Die Vollendung des Tempels erinnert uns daran, dass Gottes Verheißungen zuverlässig sind. Er hat sein Volk nicht verlassen, und er verlässt auch uns nicht. Die Freude der Einweihung und des Passahfestes lädt uns ein, Gottes Treue zu feiern. Unser Gottesdienst soll nicht nur Pflicht sein, sondern Ausdruck der Dankbarkeit für das, was Gott getan hat. Das Passah weist voraus auf das Opfer Jesu Christi, des wahren Passahlammes (1Kor 5,7). Durch ihn haben wir Zugang zu Gott und dürfen in Freiheit leben. Lasst uns diese Freiheit feiern und Gott mit Freuden dienen.

Häufig gestellte Fragen

Warum dauerte der Tempelbau so lange?

Der Tempelbau begann 538 v. Chr. unter Serubbabel, wurde aber durch äußeren Widerstand und innere Nachlässigkeit unterbrochen. Die Feinde der Juden (die Samariter und andere Völker) erreichten, dass der Bau für etwa 16 Jahre gestoppt wurde (Esra 4). Erst durch die Prophetie Haggais und Sacharjas (520 v. Chr.) wurden die Juden ermutigt, den Bau wieder aufzunehmen. Der Tempel wurde schließlich 515 v. Chr. fertiggestellt – insgesamt 23 Jahre nach dem Baubeginn.

Wer war Darius in der Bibel?

Darius I. (522–486 v. Chr.) war der persische König, der den Tempelbau in Jerusalem bestätigte und förderte. Er war der Nachfolger von Kambyses II. und ein bedeutender Herrscher des Perserreiches. In Esra 6 wird er als König von Persien bezeichnet, der das Edikt des Kyrus bestätigt und die Feinde der Juden in ihre Schranken weist. Darius ist bekannt für seine administrative Klugheit und seine Toleranz gegenüber den Religionen der unterworfenen Völker.

Was ist das Edikt des Kyrus?

Das Edikt des Kyrus war ein Dekret des persischen Königs Kyrus II. (538 v. Chr.), das den Juden erlaubte, aus dem babylonischen Exil nach Jerusalem zurückzukehren und den Tempel wieder aufzubauen. Es wird in Esra 1,1-4 zitiert. Das Edikt war bemerkenswert, weil es den Juden nicht nur die Rückkehr erlaubte, sondern auch die Finanzierung des Tempelbaus aus der königlichen Schatzkammer vorsah. In Esra 6 wird dieses Edikt erneut bestätigt und durchgesetzt.

Welche Bedeutung hat das Passahfest in Esra 6?

Das Passahfest in Esra 6,19-22 ist das erste Passah, das im wiederaufgebauten Tempel gefeiert wird. Es erinnert an die Befreiung aus Ägypten und wird nun zum Gedenken an die Befreiung aus dem babylonischen Exil. Das Fest symbolisiert die Wiederherstellung der Gemeinschaft mit Gott und die Erneuerung des Bundes. Es weist voraus auf das Opfer Jesu Christi, des wahren Passahlammes, das die endgültige Befreiung von der Sünde bringt.

Was bedeutet die Einweihung des Tempels für uns heute?

Die Einweihung des Tempels in Esra 6,16-18 ist ein Bild für die Wiederherstellung der rechten Anbetung Gottes. Sie erinnert uns daran, dass Gott in der Mitte seines Volkes wohnen will. Heute ist der Leib des Gläubigen der Tempel des Heiligen Geistes (1Kor 6,19). Die Einweihung fordert uns auf, unser Leben Gott zu weihen und ihn in Reinheit und Freude anzubeten. Die Freude der Einweihung ist ein Vorgeschmack auf die ewige Freude in der Gegenwart Gottes.