1. Korinther 5 konfrontiert die Gemeinde in Korinth mit einem skandalösen Fall von sexueller Unmoral, der selbst in der heidnischen Umgebung unerhört ist. Paulus reagiert nicht mit pastoraler Sanftmut, sondern mit apostolischer Härte: Er fordert die Ausgrenzung des Täters aus der Gemeinschaft. Der Schlüssel liegt im Bild vom Sauerteig – eine kleine Menge Verderbnis durchdringt den ganzen Teig. Die Gemeinde soll das alte, böse Sauerteig wegschaffen, um als neuer, ungesäuerter Teig für Christus dazustehen. Das Kapitel endet mit einer grundsätzlichen Unterscheidung zwischen dem Umgang mit Ungläubigen und dem Umgang mit solchen, die sich Bruder nennen, aber in Sünde leben.
Historischer Kontext
Korinth war eine römische Kolonie und Hafenstadt, berüchtigt für ihren moralischen Verfall. Der Aphrodite-Kult und die allgemeine sexuelle Freizügigkeit prägten das Stadtbild. In diesem Umfeld hatte sich die junge christliche Gemeinde gebildet, die nun mit den ethischen Herausforderungen ihrer Umwelt rang.
Der konkrete Fall in 1Kor 5 betrifft einen Mann, der eine sexuelle Beziehung mit seiner Stiefmutter unterhält – eine Verbindung, die selbst nach römischem Recht als Inzest galt. Dass die Gemeinde darauf stolz war (V. 2), zeigt ein tiefes Missverständnis des Evangeliums. Paulus schreibt nicht als distanzierter Theologe, sondern als Gründervater dieser Gemeinde (1Kor 4,15), der um ihre geistliche Gesundheit kämpft.
Die Anweisung zur Ausgrenzung (V. 5) spiegelt jüdische Synagogenpraxis wider, aber auch Jesu eigene Worte in Mt 18,15-17. Paulus denkt nicht an Rache, sondern an Rettung – die Übergabe an den Satan soll den Geist des Mannes am Tag des Herrn retten. Die Gemeinde soll lernen, dass Gnade ohne Zucht zur Zügellosigkeit wird.
Vers für Vers
- 1:
Paulus beginnt mit einer Anklage, die wie ein Donnerschlag wirkt: »Es geht eine allgemeine Rede, dass Hurerei unter euch ist, und zwar eine solche Hurerei, die auch bei den Heiden nicht genannt wird.« Der Fall ist kein Gerücht, sondern öffentlich bekannt. Die Gemeinde hat nicht nur versagt, sie zu ahnden, sondern sie hat sich sogar noch gerühmt (V. 2). Paulus stellt die Schwere der Sünde nicht in Frage – sie ist ein Skandal, der den Namen Christi in Verruf bringt.
- 2:
»Und ihr seid aufgeblasen und habt nicht vielmehr Leid getragen, auf dass der, so diese Tat getan hat, von euch getan würde.« Der Stolz der Korinther ist unbegreiflich. Statt Trauer und Buße herrscht Selbstzufriedenheit. Paulus zeigt: Wahre geistliche Reife beginnt mit der Erkenntnis der eigenen Unzulänglichkeit. Die Gemeinde hätte den Täter ausschließen müssen – nicht aus Hass, sondern aus Liebe zur Reinheit des Leibes Christi.
- 3:
»Ich zwar, der ich leiblich nicht da bin, aber geistlich gegenwärtig, habe schon, als wäre ich gegenwärtig, beschlossen über den, der solches getan hat.« Paulus betont seine apostolische Autorität. Seine Abwesenheit hindert ihn nicht, im Namen Jesu Christi zu handeln. Der Beschluss ist bereits gefasst – die Gemeinde soll ihn nur vollstrecken.
- 4:
»Im Namen unsres Herrn Jesu Christi, in eurer Versammlung mit meinem Geist und mit der Kraft unsres Herrn Jesu Christi.« Die Gemeindeversammlung ist nicht nur ein soziales Ereignis, sondern ein Ort der geistlichen Autorität. Christus selbst ist durch seinen Geist gegenwärtig. Die Handlung, die Paulus fordert, geschieht in seiner Vollmacht.
- 5:
»Den Menschen zu übergeben dem Satan zum Verderben des Fleisches, auf dass der Geist selig werde am Tage des Herrn Jesu Christi.« Dies ist der härteste Satz des Kapitels. Die Übergabe an den Satan bedeutet den Ausschluss aus der schützenden Gemeinschaft der Gläubigen. Das »Verderben des Fleisches« meint nicht körperliche Vernichtung, sondern die Zerstörung der sündigen Natur durch die Folgen der Sünde. Das Ziel ist nicht Verdammnis, sondern Rettung – eine letzte Chance zur Buße.
- 6:
»Euer Ruhm ist nicht fein. Wisset ihr nicht, dass ein wenig Sauerteig den ganzen Teig versäuert?« Paulus wechselt das Bild. Der Sauerteig steht im Alten Testament für Verderbnis und Bosheit (2Mo 12,15). Eine kleine Sünde, ungeahndet gelassen, durchdringt die ganze Gemeinde wie Hefe den Teig. Der Stolz der Korinther ist töricht – sie übersehen die ansteckende Kraft des Bösen.
- 7:
»Darum feget den alten Sauerteig aus, auf dass ihr ein neuer Teig seid, gleichwie ihr ungesäuert seid. Denn wir haben auch ein Osterlamm, das ist Christus, für uns geopfert.« Hier liegt das Herz des Kapitels. Christus ist das wahre Passahlamm, dessen Opfer die Sünde wegnimmt. Weil die Gemeinde in ihm bereits rein ist (»ungesäuert«), soll sie auch praktisch so leben. Die Ausgrenzung des Sünders ist kein Akt der Lieblosigkeit, sondern der Treue zum Evangelium.
- 8:
»Darum lasset uns Ostern halten nicht im alten Sauerteig, auch nicht im Sauerteig der Bosheit und Schalkheit, sondern im Süßteig der Lauterkeit und der Wahrheit.« Das christliche Leben ist ein fortwährendes Passahfest. Die Befreiung aus Ägypten ist ein Bild für die Befreiung von der Sünde. Die Gemeinde soll nicht nur einmal im Jahr, sondern täglich in der Reinheit leben, die Christus geschenkt hat.
- 9:
»Ich habe euch geschrieben in dem Briefe, dass ihr nichts sollt zu schaffen haben mit den Hurern.« Paulus bezieht sich auf einen früheren Brief, der nicht erhalten ist. Die Korinther hatten seine Anweisung missverstanden – sie dachten, er meine den völligen Rückzug aus der Welt. Paulus korrigiert dieses Missverständnis.
- 10:
»Das meine ich nicht von den Hurern dieser Welt oder von den Geizigen oder von den Räubern oder von den Abgöttischen; sonst müsstet ihr die Welt räumen.« Christen sind nicht berufen, sich von der Welt zu isolieren. Jesus selbst aß mit Zöllnern und Sündern. Die Unterscheidung ist nicht räumlich, sondern geistlich – wir bezeugen die Wahrheit in der Welt, ohne an ihrer Sünde teilzuhaben.
- 11:
»Nun aber habe ich euch geschrieben, ihr sollt nichts mit ihnen zu schaffen haben, so jemand ist, der sich lässt einen Bruder nennen und ist ein Hurer oder ein Geiziger oder ein Abgöttischer oder ein Lästerer oder ein Trunkenbold oder ein Räuber; mit dem sollt ihr auch nicht essen.« Die Gemeinde hat die Pflicht zur inneren Disziplin. Wer sich Christ nennt, aber in offener, unbußfertiger Sünde lebt, darf nicht am Tisch des Herrn teilnehmen. Die Mahlgemeinschaft ist Ausdruck der Glaubensgemeinschaft.
- 12:
»Was gehen mich die draußen an, dass ich sie richten sollte? Richtet ihr nicht, die drinnen sind?« Paulus unterscheidet klar zwischen der Welt und der Gemeinde. Die Welt zu richten, steht Gott zu. Aber die Gemeinde hat die Verantwortung, über ihre eigenen Glieder zu wachen. Das ist keine Anmaßung, sondern Gehorsam gegenüber dem Herrn der Kirche.
- 13:
»Gott aber wird, die draußen sind, richten. Tut von euch selbst hinaus, wer da böse ist.« Das Kapitel endet mit einem Zitat aus 5Mo 17,7. Die Gemeinde soll das Böse aus ihrer Mitte entfernen – nicht aus Selbstgerechtigkeit, sondern aus Treue zu Gottes heiligem Namen. Die Ausgrenzung ist ein Akt der Liebe, der den Sünder zur Buße ruft und die Gemeinde vor Ansteckung bewahrt.
Schlüsselthemen
- Gemeindezucht als Ausdruck der Liebe
- Christus als das wahre Passahlamm
- Reinheit der Gemeinde
- Unterscheidung zwischen Welt und Kirche
- Sauerteig der Sünde
Anwendung
1. Korinther 5 ist ein unbequemes Kapitel. In einer Zeit, die jede Form von Ausschluss als lieblos verurteilt, erinnert Paulus daran, dass wahre Liebe Grenzen kennt. Die Gemeinde ist nicht nur ein sozialer Club, sondern der Leib Christi, der heilig sein soll, weil Christus heilig ist.
Die Anwendung beginnt nicht mit der Frage: »Wen müssen wir ausschließen?«, sondern mit der Frage: »Sind wir selbst bereit, das alte Sauerteig der Sünde in unserem Leben auszufegen?« Bevor wir andere richten, müssen wir uns selbst prüfen (1Kor 11,28).
Gleichzeitig lehrt uns Paulus, dass Gnade ohne Zucht zur Zügellosigkeit wird. Eine Gemeinde, die alles toleriert, verliert ihre Salzkraft. Die Ausgrenzung eines unbußfertigen Sünders ist kein Akt der Verzweiflung, sondern der Hoffnung – die Hoffnung, dass der Sünder durch die schmerzliche Erfahrung des Ausschlusses zur Buße findet und gerettet wird.
Das Ziel aller Gemeindezucht ist nicht die Vernichtung, sondern die Wiederherstellung. Wie ein Hirte, der das eine verirrte Schaf sucht, lässt die Gemeinde den Sünder nicht einfach gehen – sie übergibt ihn dem Satan, damit er am Tag des Herrn gerettet werde.
Häufig gestellte Fragen
Was bedeutet die Übergabe an den Satan in 1. Korinther 5,5?
Die Übergabe an den Satan bedeutet den Ausschluss aus der schützenden Gemeinschaft der Gläubigen. Paulus meint nicht, dass der Sünder dem Teufel ausgeliefert wird, um verdammt zu werden. Vielmehr soll der Sünder die schmerzlichen Folgen seiner Sünde erfahren, ohne den Schutz und die Fürsorge der Gemeinde. Das Ziel ist das »Verderben des Fleisches« – die Zerstörung der sündigen Natur – und die Rettung des Geistes am Tag des Herrn. Es ist eine letzte, drastische Maßnahme der Liebe, die den Sünder zur Buße führen soll.
Warum sollen Christen nicht mit Sündern essen?
Paulus unterscheidet klar zwischen Ungläubigen und solchen, die sich Bruder nennen. Mit Ungläubigen sollen Christen essen und Gemeinschaft haben, um das Evangelium zu bezeugen (V. 10). Aber wer sich Christ nennt und in offener, unbußfertiger Sünde lebt, soll nicht am Tisch des Herrn teilnehmen. Die Mahlgemeinschaft ist Ausdruck der Glaubensgemeinschaft. Wer am Tisch des Herrn sitzt, aber in Sünde lebt, bringt das Abendmahl in Misskredit und gefährdet die Reinheit der Gemeinde.
Ist Gemeindezucht heute noch relevant?
Ja, aber sie muss im Geist der Liebe und Wiederherstellung geschehen. Paulus zeigt, dass Gemeindezucht kein Akt der Selbstgerechtigkeit ist, sondern der Treue zu Christus. Sie dient drei Zwecken: der Reinheit der Gemeinde (V. 6-7), der Rettung des Sünders (V. 5) und dem Zeugnis vor der Welt. In einer Zeit, die jede Form von Disziplin ablehnt, erinnert uns 1. Korinther 5 daran, dass wahre Liebe Grenzen kennt und dass die Gemeinde heilig sein soll, weil Christus heilig ist.
Was bedeutet der Sauerteig in 1. Korinther 5?
Der Sauerteig ist ein Bild für die durchdringende Kraft der Sünde. Im Alten Testament musste der Sauerteig vor dem Passahfest aus den Häusern entfernt werden (2Mo 12,15). Paulus überträgt dieses Bild auf die Gemeinde: Ein wenig Sünde, ungeahndet gelassen, durchdringt den ganzen Leib Christi wie Hefe den Teig. Christus ist das wahre Passahlamm, das geopfert wurde. Weil die Gemeinde in ihm bereits rein ist, soll sie auch praktisch so leben – frei vom alten Sauerteig der Bosheit.
Warum waren die Korinther stolz auf den Fall von Inzest?
Die Korinther waren stolz auf ihre »Freiheit« in Christus. Sie missverstanden die Gnade als Freibrief zur Sünde (Röm 6,1). Vielleicht dachten sie, dass das Evangelium sie von allen moralischen Gesetzen befreit hätte. Paulus zerstört diese Illusion: Gnade befreit nicht zur Sünde, sondern von der Sünde. Ihr Stolz zeigte, dass sie das Wesen des Evangeliums nicht verstanden hatten. Wahre Freiheit ist Freiheit zum Gehorsam, nicht zur Zügellosigkeit.
Wie unterscheidet Paulus zwischen der Welt und der Gemeinde?
Paulus lehrt, dass die Gemeinde nicht berufen ist, die Welt zu richten (V. 12). Gott allein richtet die, die draußen sind. Aber die Gemeinde hat die Verantwortung, über ihre eigenen Glieder zu wachen. Wer sich Christ nennt, aber in offener Sünde lebt, muss ermahnt und nötigenfalls ausgeschlossen werden. Diese Unterscheidung ist entscheidend: Christen sollen in der Welt leben und das Evangelium bezeugen, aber sie dürfen nicht an der Sünde der Welt teilhaben. Die Gemeinde ist eine Gegenkultur, die die Reinheit ihres Herrn widerspiegelt.