Was sagt die Bibel über den Zehnten? Sollten Christen den Zehnten geben?
Die Bibel gebietet Christen nirgends ausdrücklich, den Zehnten zu geben. Der Zehnte war ein fester Bestandteil des Gesetzes Israels unter dem alten Bund, doch das Neue Testament nimmt diese Regel nicht als Pflicht für die Gemeinde auf. Stattdessen ruft es zu einem Geben auf, das freier, freudiger und oft tiefer geht als ein bloßer Prozentsatz: ein Geben aus dankbarem Herzen, geprägt von der Gnade, die wir in Christus empfangen haben.
Was der Zehnte in der Bibel ursprünglich war
Schon vor dem Gesetz begegnet uns der Zehnte. Abraham gab Melchisedek, dem Priester Gottes, „den Zehnten von allem" nach seinem Sieg über die Könige (1Mo 14,20). Jakob gelobte später, Gott den Zehnten zu geben, wenn er ihn behüte (1Mo 28,22). Diese frühen Beispiele waren spontane Akte der Dankbarkeit und des Vertrauens, keine erzwungene Abgabe.
Mit dem Gesetz des Mose wurde der Zehnte zur festen Ordnung. Das hebräische Wort maaser bedeutet schlicht „der zehnte Teil". 3Mo 27,30 erklärt: „Alle Zehnten im Lande... sind dem HERRN und sollen dem HERRN heilig sein." Diese Zehnten dienten dem Unterhalt der Leviten, die kein eigenes Erbland besaßen (4Mo 18,21), und sie versorgten Feste, Fremdlinge, Waisen und Witwen (5Mo 14,28-29). Der Zehnte war damit zugleich eine Art Steuer für das Gemeinwesen Israels und ein Ausdruck der Anbetung.
Jesus und der Zehnte
Jesus spricht den Zehnten nur selten an, und die bekannteste Stelle ist eine Mahnung. Er tadelt die Pharisäer, die peinlich genau „die Minze, den Dill und den Kümmel" verzehnteten, dabei aber „das Schwerste im Gesetz" vernachlässigten: „das Recht, die Barmherzigkeit und den Glauben" (Mt 23,23). Bemerkenswert ist sein Fazit: „Dies sollte man tun und jenes nicht lassen." Jesus verwirft den Zehnten nicht, doch er rückt die Verhältnisse zurecht. Buchhalterische Genauigkeit ohne ein Herz voll Gerechtigkeit und Erbarmen ist Frömmigkeit ohne Substanz.
Diese Worte fielen, während das mosaische Gesetz noch in Kraft war. Mit Kreuz und Auferstehung jedoch ändert sich die Lage grundlegend. Christus ist „des Gesetzes Ende" (Röm 10,4), und der neue Bund regelt das Geben der Gemeinde nicht mehr durch eine feste Quote.
Wie das Neue Testament über das Geben spricht
Die klarste Anweisung zum christlichen Geben steht in 2Kor 8 und 9, und sie nennt auffälligerweise keine Prozentzahl. Paulus schreibt: „Ein jeglicher, wie er es sich im Herzen vorgenommen hat, nicht mit Unwillen oder aus Zwang; denn einen fröhlichen Geber hat Gott lieb" (2Kor 9,7). Das griechische Wort für „fröhlich" ist hilaros — von ihm leitet sich unser Wort „hilarisch" ab. Gott sucht keine widerwillige Abgabe, sondern Freude.
In 1Kor 16,2 gibt Paulus eine praktische Ordnung: „An jedem ersten Tag der Woche lege ein jeglicher bei sich etwas zurück und sammle, je nachdem es ihm wohl geht." Das Maß ist hier proportional und persönlich — „je nachdem es ihm wohl geht" —, nicht durch eine starre Zahl festgelegt. Wer viel empfangen hat, gibt entsprechend mehr.
Das Neue Testament hebt die Latte zugleich an, statt sie zu senken. Die Witwe mit ihren zwei Scherflein gab mehr als alle Reichen, weil sie „ihre ganze Nahrung" gab (Mk 12,44). Die Gläubigen in Jerusalem teilten alles miteinander (Apg 2,44-45). Und die mazedonischen Gemeinden gaben „über ihr Vermögen" hinaus aus überströmender Freude (2Kor 8,3). Das ist kein Zehnter — das ist ein verwandeltes Herz.
„Aber gilt der Zehnte nicht doch noch?" — gängige Missverständnisse
Manche berufen sich auf Mal 3,10: „Bringt aber die Zehnten ganz in mein Vorratshaus... und prüft mich hierin, ob ich euch nicht den Himmel auftun werde." Dieser Vers wird oft als Versprechen finanziellen Segens im Tausch gegen den Zehnten gepredigt. Doch er richtet sich an Israel unter dem alten Bund, das Gott durch zurückgehaltene Zehnten beraubt hatte. Ihn als Geschäftsvertrag für heutige Christen zu lesen, verfehlt den Kontext und macht aus der Gnade einen Handel.
Andere fragen umgekehrt: „Wenn der Zehnte nicht gilt, kann ich dann beliebig wenig geben?" Diese Schlussfolgerung verkennt die Stoßrichtung des Neuen Testaments. Die Freiheit vom Gesetz ist keine Freiheit zum Geiz. Wer in Christus großzügig beschenkt wurde, gibt nicht weniger, sondern bereitwilliger. Viele gläubige Lehrer sehen im Zehnten darum bis heute einen hilfreichen, freiwilligen Maßstab, um das Geben zu strukturieren — nicht als Schuldknechtschaft, sondern als geistliche Übung der Hingabe.
Geben im Licht des Kreuzes
Die tiefste Antwort auf die Frage nach dem Zehnten findet sich nicht in einer Rechnung, sondern am Kreuz. Paulus begründet das ganze Kapitel über das Geben mit einem einzigen Satz: „Ihr kennet die Gnade unsers Herrn Jesu Christi, daß, ob er wohl reich ist, ward er doch arm um euretwillen, auf daß ihr durch seine Armut reich würdet" (2Kor 8,9). Christus hat sich selbst gegeben — restlos, freiwillig, aus Liebe.
Vor diesem Hintergrund wird die Frage „Wie viel muss ich geben?" zu klein. Sie wird abgelöst von einer größeren: „Wie kann ich die Großzügigkeit dessen widerspiegeln, der alles für mich gab?" Christliches Geben ist letztlich keine Pflichtabgabe, sondern eine Antwort der Anbetung. Wer das begriffen hat, rechnet nicht mehr ängstlich am Zehnten herum, sondern öffnet die Hand, weil sein Herz dem gehört, der sie zuerst geöffnet hat.
Wichtige Bibelstellen
1Mo 14,20 · 3Mo 27,30 · 4Mo 18,21 · Mal 3,10 · Mt 23,23 · 1Kor 16,2 · 2Kor 8,9 · 2Kor 9,7
Häufige Fragen
Sind 10 Prozent für Christen verpflichtend?
Nein. Das Neue Testament nennt keinen festen Prozentsatz für das Geben der Gemeinde. Der Zehnte gehörte zum Gesetz Israels (3Mo 27,30; 4Mo 18,21) und versorgte die Leviten und das Gemeinwesen. Für Christen gilt der Maßstab aus 2Kor 9,7: jeder gebe, wie er es sich im Herzen vorgenommen hat, freiwillig und fröhlich. Viele empfinden zehn Prozent als hilfreichen Orientierungspunkt, doch es ist eine freie Entscheidung, kein Gebot.
Soll ich den Zehnten vom Brutto oder vom Netto geben?
Die Bibel beantwortet diese Frage nicht, weil sie Christen gar keine feste Prozentzahl auferlegt. Wer den Zehnten als persönlichen Maßstab wählt, trifft die Entscheidung zwischen Brutto und Netto frei vor Gott. Wichtiger als die Berechnungsgrundlage ist die Haltung des Herzens: 2Kor 9,7 betont das fröhliche, ungezwungene Geben. Statt nach der kleinstmöglichen Pflicht zu fragen, lädt die Schrift dazu ein, großzügig zu geben, wie Gott uns hat gedeihen lassen (1Kor 16,2).
Verspricht Maleachi 3,10 finanziellen Segen für den Zehnten?
Mal 3,10 richtet sich an Israel unter dem alten Bund, das Gott durch zurückgehaltene Zehnten beraubt hatte. Der Vers ist kein allgemeines Tauschgeschäft, bei dem Geben automatisch Reichtum bringt. Eine solche Lesart verwandelt die Gnade in einen Handel und steht der Botschaft des Neuen Testaments entgegen. Gott kann großzügig sorgen (2Kor 9,8), doch er garantiert kein finanzielles Gegengeschäft. Geben geschieht aus Dankbarkeit, nicht als Investition mit erwarteter Rendite.
Wohin soll ein Christ sein Geld geben?
Im Neuen Testament fließt das Geben vor allem in die Versorgung der Verkündiger des Evangeliums (1Kor 9,14; Gal 6,6), die Unterstützung notleidender Geschwister (Apg 11,29; 2Kor 8,4) und die Hilfe für Arme (Gal 2,10). Die örtliche Gemeinde ist der natürliche erste Ort. Darüber hinaus ehrt jede Gabe Gott, die seinem Werk dient und Bedürftigen hilft. Entscheidend ist, dass das Geben bewusst, geordnet (1Kor 16,2) und von Liebe getragen ist.
Gab Abraham den Zehnten vor dem Gesetz des Mose?
Ja. Abraham gab Melchisedek den Zehnten von der Beute, lange bevor das Gesetz existierte (1Mo 14,20). Manche schließen daraus, der Zehnte sei ein zeitloses Prinzip. Doch Abrahams Gabe war ein einmaliger, freiwilliger Akt der Dankbarkeit nach einem Sieg, keine regelmäßige Verpflichtung. Der Hebräerbrief verweist auf diese Szene, um die Überlegenheit Christi über das levitische Priestertum zu zeigen (Hebr 7,4-10), nicht um Christen den Zehnten aufzuerlegen.