Ende

In der Schrift ist das Ende weit mehr als der Augenblick, in dem etwas aufhört. Es ist das Ziel, auf das Gott alle Dinge hinlenkt. Die Bibel beginnt mit einem Anfang (1. Mose 1,1) und schließt mit dem Herrn, der spricht: Ich bin das A und das O, der Anfang und das Ende (Offenbarung 21,6). Zwischen diesen beiden Punkten ist die Geschichte kein sinnloser Kreis, sondern eine Linie mit einem Ziel, und das Ende ist der Ort, an dem dieses Ziel ganz offenbar wird.

Der biblische Wortschatz des Endes umfasst mehrere verwandte Gedanken: das Ende eines bestimmten Lebens oder einer Lage, das Ende eines Zeitalters, das Ende aller Dinge und den Zweck oder Ausgang einer Sache. Der Apostel Petrus schreibt, dass das Ende aller Dinge nahe ist (1. Petrus 4,7); Jesus verheißt, wer beharrt bis ans Ende, der wird selig (Matthäus 24,13); und Paulus beschreibt das Ende als den Augenblick, in dem Christus das Reich Gott, dem Vater, übergibt (1. Korinther 15,24).

Dieser Artikel betrachtet die Wörter hinter dem Begriff, die wichtigsten Stellen und die Bedeutung der biblischen Lehre vom Ende für Glauben und Alltag. Er versucht nicht, jede Frage nach der Reihenfolge der Endereignisse zu entscheiden, in der treue Ausleger unterschiedlich urteilen, sondern konzentriert sich auf das, was die Texte klar sagen.

1. Etymologie und Bedeutung

Im Alten Testament sind zwei hebräische Wörter besonders wichtig. Qēṣ (קֵץ) bedeutet Ende, Grenze oder Schranke, von einer Wurzel mit der Bedeutung abschneiden. Es kann das Ende einer Zeitspanne bezeichnen, so in Gottes Wort an Noah, das Ende allen Fleisches ist vor mich gekommen (1. Mose 6,13), oder in der prophetischen Ansage an Israel, das Ende ist gekommen über mein Volk (Amos 8,2). Bei Daniel erhält es in der Wendung die Zeit des Endes einen festen Sinn (Daniel 8,17; 12,4.9).

Das zweite Wort ist ʾaḥărît (אַחֲרִית), von einer Wurzel mit der Bedeutung nach oder hinter. Es weist auf das Nachfolgende: den letzten Teil, den Ausgang, die Zukunft. So sagt der Prediger: Das Ende eines Dinges ist besser als sein Anfang (Prediger 7,8), und der Herr verheißt seinem verbannten Volk Zukunft und Hoffnung (Jeremia 29,11), wobei das Wort für Zukunft ʾaḥărît ist. Die prophetische Wendung in den letzten Tagen gebraucht dieselbe Wurzel.

Im Neuen Testament ist das griechische Schlüsselwort telos (τέλος). Es kann Abschluss heißen, trägt aber sehr oft den Sinn von Ziel, Vollendung oder Erfüllung. Christus ist des Gesetzes Ende (telos); wer an den glaubt, der ist gerecht (Römer 10,4), also zugleich Ziel und Erfüllung des Gesetzes. Verwandte Wörter sind synteleia, Vollendung, wie in bis an der Welt Ende (Matthäus 28,20), und eschatos, der Letzte, von dem das Wort Eschatologie kommt. Das biblische Ende ist also nicht bloßes Anhalten, sondern Ankunft.

2. Historischer Kontext und biblischer Gebrauch

Das Ende im Alten Testament

Israels Glaube wurde von einem Gott geprägt, der in der Geschichte handelt und ihr Ende kennt. Durch Jesaja erklärt der Herr, er verkündige von Anfang an, was hernach kommen soll (Jesaja 46,10). Anders als die in der Antike verbreiteten zyklischen Zeitvorstellungen blickt das Alte Testament auf einen Tag des Herrn voraus, an dem Gott das Böse richten, sein Volk wiederherstellen und die Erde mit seiner Herrlichkeit füllen wird. Die Propheten sprachen von einem Ende, das zugleich Gericht und Hoffnung ist.

Das Ende in der Lehre Jesu

In der Endzeitrede auf dem Ölberg beantwortet Jesus die Fragen der Jünger nach der Zerstörung des Tempels und dem Ende der Welt. Er warnt sie, sich von Kriegen und Kriegsgeschrei nicht erschrecken zu lassen, denn es ist noch nicht das Ende (Matthäus 24,6). Er ruft sie zur Beharrlichkeit, verheißt, wer beharrt bis ans Ende, der wird selig, und fügt hinzu, dass dieses Evangelium vom Reich in der ganzen Welt gepredigt werden wird zum Zeugnis für alle Völker, und dann wird das Ende kommen (Matthäus 24,13-14). Das Ende ist an die Vollendung des Auftrags der Gemeinde gebunden.

Das Ende bei den Aposteln

Die Apostel verstanden, dass mit dem Kommen Christi die letzten Tage bereits begonnen hatten. Christus ist am Ende der Welten einmal erschienen, durch sein eigenes Opfer die Sünde aufzuheben (Hebräer 9,26), und die Gläubigen sind die, auf die das Ende der Zeiten gekommen ist (1. Korinther 10,11). Zugleich erwarteten sie eine zukünftige Vollendung bei der Wiederkunft Christi. Diese Spannung zwischen schon und noch nicht durchzieht das ganze Neue Testament.

3. Wichtige Bibelstellen

Prediger 7,8 bietet praktische Weisheit: Das Ende eines Dinges ist besser als sein Anfang; ein geduldiger Geist ist besser als ein hochmütiger Geist. Der Prediger erinnert daran, dass wir die Dinge erst recht beurteilen, wenn wir sehen, wie sie ausgehen, und dass Geduld zu einer Welt passt, in der sich Gottes Absichten über die Zeit entfalten.

Matthäus 24,13-14 verbindet Beharrlichkeit und Sendung. Die Verheißung der Rettung gilt denen, die den Glauben bis ans Ende bewahren, nicht als Werk, das die Gnade verdient, sondern als Kennzeichen echten Glaubens, und das Ende selbst wartet darauf, dass das Evangelium die Völker erreicht. Jesu Worte bestimmen die Prioritäten seines Volkes in der Zeit vor seiner Wiederkunft.

1. Korinther 15,24-28 beschreibt das Ende als Höhepunkt der Herrschaft Christi: danach das Ende, wenn er das Reich Gott, dem Vater, übergeben wird, nachdem er alle Herrschaft und alle Macht und Gewalt vernichtet hat. Der letzte Feind, der vernichtet wird, ist der Tod (1. Korinther 15,26). Das Ende ist der vollständige Sieg des auferstandenen Christus, damit Gott sei alles in allem.

1. Petrus 4,7 zieht eine sittliche Folgerung: Es ist aber nahe gekommen das Ende aller Dinge. So seid nun besonnen und nüchtern zum Gebet. Petrus ruft dann zu Liebe, Gastfreundschaft und treuem Gebrauch der Gaben (1. Petrus 4,8-11). Die Nähe des Endes erzeugt keine Panik, sondern Klarheit und Liebe.

Offenbarung 21,6 und 22,13 verbinden das Ende mit einer Person. Vom Thron spricht Gott: Es ist geschehen. Ich bin das A und das O, der Anfang und das Ende; und der wiederkommende Christus spricht: Ich bin das A und das O, der Erste und der Letzte, der Anfang und das Ende. Das Ende der Geschichte ist kein unpersönliches Ereignis, sondern die Gegenwart des Herrn, der auch ihr Anfang war.

Weitere Texte vertiefen das Thema. Jesus hatte die Seinen geliebt und liebte sie bis ans Ende (Johannes 13,1), und am Kreuz sprach er: Es ist vollbracht (Johannes 19,30), mit einem Verb aus derselben Familie wie telos. Die Gläubigen werden ermahnt, die anfängliche Zuversicht bis zum Ende festzuhalten (Hebräer 3,14), und Jakobus verweist auf das Ende, das der Herr mit Hiob gemacht hat (Jakobus 5,11).

4. Theologische Bedeutung

Die biblische Lehre vom Ende bekennt, dass die Geschichte Gott gehört. Nichts treibt ziellos dahin; der Herr, der alles geschaffen hat, wird es zu dem bestimmten Ziel führen. Das gibt der Gegenwart Sinn, denn was wir jetzt tun, gehört zu einer Geschichte, die irgendwohin unterwegs ist.

Das Ende ist christuszentriert. Christus ist das Ziel des Gesetzes (Römer 10,4), der, durch den und zu dem alles geschaffen ist (Kolosser 1,16), und der, in dem Gott alles zusammenfassen wird, was im Himmel und auf Erden ist (Epheser 1,10). Das Ende ist nicht nur die Vernichtung des Alten, sondern die Erneuerung der Schöpfung in einem neuen Himmel und einer neuen Erde (Offenbarung 21,1-5).

Das Ende schließt auch Gericht ein. Manchem scheint ein Weg recht, aber zuletzt bringt er ihn zum Tode (Sprüche 14,12), und Paulus spricht von denen, deren Ende die Verdammnis ist (Philipper 3,19). Dagegen ist für die, die von der Sünde frei und Gottes Knechte geworden sind, das Ende das ewige Leben (Römer 6,22). Die Lehre vom Ende ruft jeden Menschen, zu bedenken, wohin sein Weg führt.

Schließlich warnt die Schrift vor Spekulation. Von dem Tage und von der Stunde weiß niemand als allein der Vater (Matthäus 24,36), und die scheinbare Verzögerung des Herrn ist Geduld, nicht Säumen, damit alle zur Buße finden (2. Petrus 3,9). Christen mögen verschiedene Auffassungen über das Tausendjährige Reich und die Reihenfolge der Ereignisse haben, aber sie teilen das Bekenntnis, dass Christus sichtbar wiederkommen, die Toten auferwecken und die Welt richten wird.

5. Nachwirkung und kanonische Bezüge

Das Thema des Endes rahmt den Kanon selbst: Das erste Buch Mose beginnt mit der Schöpfung, und die Offenbarung endet mit der neuen Schöpfung, dem Baum des Lebens und Gott, der bei seinem Volk wohnt (Offenbarung 22,1-5). Die alte Kirche fasste diese Hoffnung in ihren Bekenntnissen zusammen: Christus wird wiederkommen, zu richten die Lebenden und die Toten. Die Reformatoren betonten, dass die Lehre von den letzten Dingen ein Trost für die Gläubigen und kein Feld für Neugier ist, und die Kirche hat durch die Jahrhunderte den alten Ruf gebetet: Komm, Herr Jesus (Offenbarung 22,20).

Das Wort Ende begegnet auch im persönlichen Leben. Der Psalmist bittet: Herr, lehre mich doch, dass es ein Ende mit mir haben muss und mein Leben ein Ziel hat (Psalm 39,5, in anderen Zählungen 39,4), und Mose betet: Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden (Psalm 90,12). Die Bibel verbindet das Ende der Geschichte mit dem Ende jedes Menschenlebens, und beides liegt in Gottes Hand.

6. Anwendung für heute

Weil das Ende in Gottes Hand liegt, können Glaubende mit Hoffnung statt mit Angst leben. Nachrichten von Kriegen, Krisen und Katastrophen haben nicht das letzte Wort; Jesus sagte: Seht zu und erschreckt nicht (Matthäus 24,6). Das Ende der Geschichte hat der geschrieben, der die Seinen bis ans Ende liebt.

Die Nähe des Endes soll den Alltag prägen. Der Ruf des Petrus zu Besonnenheit, Gebet und Liebe (1. Petrus 4,7-8) ist ein praktisches Programm: klar beten, innig lieben, mit den von Gott gegebenen Gaben dienen. Beharren ist keine einsame Anstrengung, sondern ein Leben, das von Gottes Treue getragen wird, der euch auch fest erhalten wird bis ans Ende, dass ihr untadelig seid am Tag unseres Herrn Jesus Christus (1. Korinther 1,8).

Der Prediger erinnert daran, dass das Ende eines Dinges besser ist als sein Anfang. In einer Welt enttäuschender Anfänge kann der Christ geduldig warten, weil er weiß, dass das A auch das O ist. Was Gott beginnt, vollendet er, und das Ende, das er seinem Volk bereitet, ist nicht Verlust, sondern Herrlichkeit.