Kommentar zu Psalmen 22

Psalm 22 ist ein Klage- und Vertrauenspsalm, der die tiefste Verlassenheit und zugleich die unerschütterliche Hoffnung auf Gottes Rettung ausdrückt. Der Beter schreit aus der Erfahrung des Gottverlassenseins, beschreibt seine Feinde in eindringlichen Bildern und bittet um Errettung. Doch mitten in der Klage wendet er sich dem Lob zu, das sich am Ende des Psalms zu einer universalen Anbetung aller Völker weitet. Der Psalm ist im Neuen Testament von zentraler Bedeutung, da er auf das Leiden und die Auferstehung Jesu Christi vorausweist – von den Worten am Kreuz bis zur Verheißung der weltweiten Gemeinde.

Historischer Kontext

Psalm 22 wird David zugeschrieben, doch die genaue historische Situation ist unklar. Die drastischen Beschreibungen von Leiden und Feindschaft könnten auf eine Zeit schwerer Verfolgung in Davids Leben hinweisen, etwa während der Verfolgung durch Saul oder der Rebellion Absaloms. Der Psalm ist ein individuelles Klagelied, das jedoch in der liturgischen Tradition Israels verwendet wurde. Die Sprache ist archaisch und poetisch, voller Bilder aus dem Tierreich (Stiere, Hunde, Löwen) und der Gerichtssprache (Hörner der Wildstiere). Die spätere Verwendung durch Jesus am Kreuz (Mt 27,46; Mk 15,34) gibt dem Psalm eine messianische Tiefe, die über Davids persönliche Erfahrung hinausweist. Die rabbinische Tradition sah in dem Psalm ebenfalls einen Hinweis auf den leidenden Gerechten, der von Gott erhöht wird.

Vers für Vers

  • 1:

    »Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?« – dieser Schrei hallt durch die Jahrhunderte. Jesus selbst zitiert diese Worte am Kreuz (Mt 27,46). Der Beter erlebt nicht nur äußere Bedrängnis, sondern die Abwesenheit Gottes selbst. Das hebräische azavtani (עֲזַבְתָּנִי) drückt ein Verlassenwerden aus, das tiefer geht als jede menschliche Einsamkeit. Der Psalm beginnt nicht mit Zweifel an Gottes Existenz, sondern mit dem Schmerz über seine scheinbare Ferne.

  • 3:

    »Du aber bist heilig, der du wohnst unter den Lobgesängen Israels.« Inmitten der Klage hält der Beter an Gottes Heiligkeit fest. Gott thront nicht in einem fernen Himmel, sondern in den Lobpreisungen seines Volkes. Dieser Vers ist ein Schlüssel zum Verständnis des Psalms: Die Klage ist nicht das letzte Wort; sie ist eingebettet in das Bekenntnis zu Gottes Treue. Der Beter erinnert sich an die Geschichte Israels, in der Gott immer wieder gerettet hat.

  • 6:

    »Ich aber bin ein Wurm und kein Mensch, ein Spott der Leute und Verachtung des Volkes.« Die Selbstbezeichnung als »Wurm« (hebräisch tola'at תּוֹלָעַת) ist nicht übertriebene Demut, sondern die Beschreibung einer realen sozialen und physischen Erniedrigung. Der Beter ist zum Objekt öffentlicher Verachtung geworden. Die Feinde verhöhnen ihn, schütteln die Köpfe – eine Geste der Geringschätzung, die auch bei der Kreuzigung Jesu begegnet (Mt 27,39).

  • 7:

    »Alle, die mich sehen, spotten mein; sperren das Maul auf und schütteln den Kopf.« Die Feinde wiederholen die Worte des Beters als Hohn: »Er klage dem Herrn, der helfe ihm aus; er errette ihn, hat er ja Lust zu ihm!« (V. 8). Dieser Spott zielt auf das Herz des Glaubens: Wenn Gott wirklich dein Vater ist, warum rettet er dich nicht? Dieselbe Versuchung begegnete Jesus am Kreuz (Mt 27,43).

  • 14:

    »Ich bin ausgeschüttet wie Wasser, alle meine Gebeine haben sich zertrennt; mein Herz ist in meinem Leibe wie zerschmolzenes Wachs.« Die Bilder der körperlichen Auflösung sind erschütternd. Der Beter beschreibt einen Zustand totaler Entkräftung und Todesnähe. Die Sprache erinnert an die Kreuzigung: Die Gelenke lösen sich, der Durst wird unerträglich (V. 15), die Hände und Füße sind durchbohrt (V. 16). Die frühe Kirche sah hier eine prophetische Beschreibung der Kreuzigung Jesu.

  • 16:

    »Denn Hunde haben mich umgeben, und der Bösen Rotte hat mich umringt; sie haben meine Hände und Füße durchgraben.« Die »Hunde« sind ein Bild für die Feinde, die den Beter wie wilde Tiere umkreisen. Die Wendung »durchgraben« (hebräisch ka'ari כָּאֲרִי, wörtlich »wie ein Löwe«) ist textkritisch umstritten, wird aber traditionell als Hinweis auf die Durchbohrung der Hände und Füße verstanden. Die Septuaginta übersetzt mit »durchbohrt«, was die christologische Deutung verstärkt.

  • 18:

    »Sie teilen meine Kleider unter sich und werfen das Los um mein Gewand.« Dieser Vers wird im Neuen Testament wörtlich auf die Kreuzigung Jesu bezogen (Joh 19,24). Die römischen Soldaten losten um das nahtlose Gewand Jesu. Die genaue Erfüllung dieser Einzelheit zeigt, wie tief das Leiden des Messias im Alten Testament vorgezeichnet ist. Der Psalm ist keine bloße Vorhersage, sondern eine typologische Vorausdarstellung des leidenden Gerechten.

  • 22:

    »Ich will deinen Namen predigen meinen Brüdern; ich will dich in der Gemeinde rühmen.« Hier vollzieht sich die Wende: Die Klage weicht dem Lob. Der Beter, der zuvor völlig isoliert war, findet sich wieder in der Gemeinschaft der Glaubenden. Der Hebräerbrief zitiert diesen Vers als Wort Christi, der seine Erlösten als Brüder bezeichnet (Hebr 2,12). Die Rettung führt nicht nur zur persönlichen Dankbarkeit, sondern zur öffentlichen Verkündigung.

  • 27:

    »Es werden gedenken und sich zum Herrn bekehren aller Welt Enden, und vor ihm werden anbeten alle Geschlechter der Heiden.« Der Horizont weitet sich vom individuellen Leid zur universalen Anbetung. Alle Völker, nicht nur Israel, werden Gott anbeten. Die Rettung des einen leidenden Gerechten wird zur Grundlage für die Erlösung der ganzen Welt. Dieser universale Ausblick ist ein Vorgeschmack auf die Völkerwallfahrt im Reich Gottes (Jes 2,2-4).

  • 31:

    »Sie werden kommen und seine Gerechtigkeit predigen dem Volk, das geboren wird, dass der Herr es tut.« Der Psalm endet mit einem Blick in die Zukunft: Die rettende Tat Gottes wird von Generation zu Generation weitergegeben. Das hebräische zedaqah (צְדָקָה) meint hier nicht nur ethische Gerechtigkeit, sondern Gottes rettendes Handeln. Der Psalm schließt nicht mit einem Fragezeichen, sondern mit der Gewissheit, dass Gottes Treue alle Zeiten überdauert.

Schlüsselthemen

  • Gottverlassenheit und Klage
  • Leiden des Gerechten
  • Messianische Vorausdeutung auf Christus
  • Universale Anbetung aller Völker
  • Rettung und Lobpreis

Anwendung

Psalm 22 lehrt uns, dass Klage und Lob kein Widerspruch sind. Der Beter schreit aus tiefster Not, aber er schreit zu Gott – nicht gegen ihn. In unserer Kultur, die Schmerz oft verdrängt oder medikalisiert, erinnert uns dieser Psalm daran, dass wir unsere Verzweiflung vor Gott bringen dürfen. Jesus selbst hat diese Worte am Kreuz gebetet und uns damit gezeigt, dass der Weg durch das Leiden nicht das Ende ist. Die Wende des Psalms – von der Klage zum Lob – ist kein billiger Trost, sondern die Frucht des Glaubens, der an Gottes Treue festhält, auch wenn alles dagegen spricht. Die universale Anbetung am Ende des Psalms weist auf die Gemeinde Jesu hin, die aus allen Völkern versammelt wird. Unser persönliches Leid ist nicht sinnlos; es kann Teil der Geschichte Gottes mit seiner Welt werden. Der Psalm lädt uns ein, unsere Schmerzen ehrlich zu benennen, aber auch die Hoffnung auf Gottes endgültige Rettung nicht loszulassen.

Häufig gestellte Fragen

Warum hat Jesus Psalm 22,1 am Kreuz zitiert?

Jesus zitierte den Anfang von Psalm 22, um seine tiefste Gottverlassenheit auszudrücken. Indem er die Worte des Psalms aufnahm, zeigte er, dass sein Leiden nicht sinnlos war, sondern in der Geschichte Gottes mit seinem Volk stand. Der ganze Psalm spricht von Verfolgung, Spott und körperlichem Leiden, die sich bei der Kreuzigung erfüllten. Zugleich weist der Psalm über das Leiden hinaus auf die Rettung und die universale Anbetung – ein Hinweis auf die Auferstehung und die weltweite Gemeinde.

Ist Psalm 22 eine direkte Prophezeiung auf Jesus?

Die christliche Tradition sieht in Psalm 22 eine typologische Prophezeiung: David beschreibt sein eigenes Leiden, aber die Sprache geht weit über seine Erfahrung hinaus und weist auf den leidenden Messias hin. Die frühe Kirche erkannte in den Details – durchbohrte Hände und Füße, Verlosung der Kleider, Spott der Feinde – eine Vorausdarstellung der Kreuzigung. Der Hebräerbrief zitiert Vers 22 als Wort Christi. Der Psalm ist also nicht nur eine Vorhersage, sondern eine tiefe typologische Verbindung zwischen dem leidenden Gerechten des Alten Bundes und Jesus Christus.

Was bedeutet der Ausdruck »Wurm und kein Mensch« in Psalm 22,7?

Der Beter bezeichnet sich selbst als »Wurm« (hebräisch tola'at תּוֹלָעַת), um seine völlige Erniedrigung und Verachtung auszudrücken. Es geht nicht um Selbstmitleid, sondern um die Beschreibung einer realen sozialen und physischen Situation. Der Beter ist zum Objekt öffentlichen Spotts geworden, ausgestoßen und entmenschlicht. In der Kreuzigung Jesu wird diese Erniedrigung sichtbar: Er wurde verspottet, geschlagen und nackt ans Kreuz gehängt. Der Ausdruck zeigt, dass der leidende Gerechte den tiefsten Punkt menschlicher Verachtung erreicht hat.

Wie kann ich Psalm 22 in meinem eigenen Leid beten?

Psalm 22 lehrt uns, dass wir unsere tiefste Verzweiflung vor Gott bringen dürfen. Du kannst die Worte des Psalms als dein eigenes Gebet nehmen, wenn du dich verlassen oder von Gott fern fühlst. Der Psalm zeigt, dass Klage ein legitimer Teil des Glaubens ist. Aber er bleibt nicht in der Klage stehen: Er erinnert an Gottes Treue in der Vergangenheit und öffnet den Blick für die Hoffnung auf Rettung. Beten mit Psalm 22 bedeutet, ehrlich zu sein über den Schmerz, aber auch den Glauben zu bekennen, dass Gott größer ist als unsere Not.

Welche Verse aus Psalm 22 werden im Neuen Testament zitiert?

Mehrere Verse aus Psalm 22 werden im Neuen Testament auf Jesus bezogen: Vers 1 (Mt 27,46; Mk 15,34), Vers 7-8 (Mt 27,39-43), Vers 16 (Joh 19,34; 20,25), Vers 18 (Mt 27,35; Joh 19,24) und Vers 22 (Hebr 2,12). Diese Zitate zeigen, wie die frühe Kirche das Leiden Jesu im Licht des Alten Testaments verstand. Der Psalm diente als hermeneutischer Schlüssel, um den Kreuzestod als Erfüllung der Schriften zu deuten.