Psalm 118 ist ein triumphierender Dankpsalm, der die unerschütterliche Güte und Treue Gottes feiert. Der Beter, vermutlich der König oder das Volk Israel, preist Gott für die Befreiung aus großer Bedrängnis und den Sieg über die Feinde. Der Psalm ist durchzogen von einem liturgischen Wechselgesang zwischen dem Einzelnen und der Gemeinde. Er gipfelt in der messianischen Prophezeiung des Steins, den die Bauleute verworfen haben und der zum Eckstein geworden ist – ein Vers, den Jesus selbst auf sich bezog. Der Psalm endet mit einem Aufruf zum Lobpreis und der Segnung derer, die im Namen des Herrn kommen.
Historischer Kontext
Psalm 118 gehört zu den sogenannten Hallel-Psalmen (Ps 113–118), die traditionell während der großen jüdischen Feste, insbesondere Pessach, gesungen wurden. Die genaue Entstehungszeit ist ungewiss, aber viele Ausleger vermuten einen Zusammenhang mit der Einweihung des zweiten Tempels nach dem babylonischen Exil (Esr 6,16-18) oder mit einem Sieg über feindliche Völker in der nachexilischen Zeit. Der Psalm trägt deutliche Züge eines Dankliedes eines Einzelnen, das in einen liturgischen Rahmen eingebettet ist. Die wiederholten Aufrufe zur Dankbarkeit (»Danket dem Herrn; denn er ist freundlich«) und die Antwort der Gemeinde (»seine Güte währet ewiglich«) deuten auf einen Wechselgesang zwischen Priester, König und Volk hin. Die Feinde, von denen der Beter spricht, könnten historische Gegner Israels sein, aber der Psalm hat durch seine Aufnahme in das Neue Testament eine universale, messianische Dimension erhalten.
Vers für Vers
- 1:
Der Psalm beginnt mit einem feierlichen Aufruf zum Dank: »Danket dem Herrn; denn er ist freundlich, und seine Güte währet ewiglich.« Das hebräische Wort für Güte ist chesed (חֶסֶד) – ein Begriff, der Gottes treue, liebevolle Zuwendung zu seinem Bund beschreibt. Dieser Vers ist der Kehrvers, der den ganzen Psalm durchzieht und die Grundstimmung vorgibt.
- 5:
»In der Angst rief ich den Herrn an; der Herr erhörte mich und tröstete mich.« Der Beter bezeugt eine persönliche Erfahrung der Not und der Errettung. Die »Angst« (hebr. metsar מֵצַר) bedeutet wörtlich »Enge« – ein Bild der Bedrängnis, aus der Gott in die »Weite« führt. Dies ist ein zentrales Motiv des Psalms: Gott befreit aus der Enge in den Raum der Freiheit.
- 6:
»Der Herr ist mit mir, darum fürchte ich mich nicht; was können mir Menschen tun?« Dieser Vers ist ein Bekenntnis unerschütterlichen Vertrauens. Die rhetorische Frage unterstreicht die absolute Souveränität Gottes über alle menschliche Bedrohung. Der Beter hat die Gegenwart des Herrn erfahren, und diese Erfahrung treibt alle Furcht aus.
- 8:
»Es ist gut, auf den Herrn zu vertrauen, und nicht sich verlassen auf Menschen.« Dieser Spruch ist eine der prägnantesten Zusammenfassungen biblischer Weisheit. Er stellt das Vertrauen auf den unsichtbaren, aber treuen Gott dem Vertrauen auf sichtbare, aber unzuverlässige Menschen gegenüber. Der Vers ist ein Merkspruch, der die Lektion des Psalms auf den Punkt bringt.
- 10:
»Alle Heiden umgeben mich; aber im Namen des Herrn will ich sie zerhauen.« Der Beter schildert eine überwältigende Bedrängnis: Feinde umringen ihn von allen Seiten. Doch die Antwort ist nicht Verzweiflung, sondern ein kämpferisches Bekenntnis: »Im Namen des Herrn« – das ist die Waffe des Glaubens. Der Sieg kommt nicht durch eigene Kraft, sondern durch die Autorität und Macht Gottes.
- 13:
»Man stößt mich, dass ich fallen soll; aber der Herr hilft mir.« Das Bild des Stoßens oder Drängens (hebr. dachah דָּחָה) vermittelt die Heftigkeit des Angriffs. Der Feind will den Beten zu Fall bringen, aber Gott greift ein und hält ihn aufrecht. Der Kontrast zwischen menschlicher Bosheit und göttlicher Hilfe ist das Herzstück der Erfahrung des Psalmisten.
- 17:
»Ich werde nicht sterben, sondern leben und des Herrn Werke verkündigen.« Dieser Vers ist ein Siegesruf. Der Beter war dem Tod nahe, aber Gott hat ihn gerettet. Nun sieht er sein Leben als eine Gabe, die dem Lobpreis und der Verkündigung der Taten Gottes gewidmet ist. Das Leben nach der Rettung hat einen neuen Zweck: Zeugnis zu geben.
- 22:
»Der Stein, den die Bauleute verworfen haben, ist zum Eckstein geworden.« Dies ist der berühmteste Vers des Psalms. Jesus zitiert ihn in Mt 21,42 und bezieht ihn auf sich selbst: Er ist der von den religiösen Führern verworfene Stein, den Gott zum Fundament der Gemeinde gemacht hat. Der Vers spricht von der paradoxen Art und Weise, wie Gott handelt: Was gering und verworfen erscheint, wird zum Wichtigsten.
- 24:
»Dies ist der Tag, den der Herr macht; lasset uns freuen und fröhlich an demselben sein.« Dieser Vers wird oft als Aufruf zur Freude an jedem Tag verstanden, aber im ursprünglichen Kontext bezieht er sich auf den konkreten Tag der Rettung und des Sieges. Die Freude ist eine Antwort auf Gottes rettendes Handeln. Die frühe Kirche hat diesen Vers auf den Auferstehungstag Jesu bezogen – den Tag, den der Herr gemacht hat.
- 26:
»Gelobt sei, der da kommt im Namen des Herrn!« Dieser Segensspruch wurde bei den Wallfahrtsfesten in Jerusalem gesungen. Die Menge segnet den, der im Auftrag und in der Autorität Gottes kommt. Die Evangelien berichten, dass die Menge diesen Vers auf Jesus anwendete, als er in Jerusalem einzog (Mt 21,9). Der Vers verbindet den alttestamentlichen Wallfahrtspsalm mit dem Kommen des Messias.
- 28:
»Du bist mein Gott, und ich danke dir; mein Gott, ich will dich preisen.« Der Psalm endet mit einem persönlichen Bekenntnis. Der Beter, der zuvor im Namen der Gemeinde gesprochen hat, tritt nun als Einzelner vor Gott. Das »mein Gott« ist der Ausdruck einer persönlichen Beziehung, die durch die erfahrene Rettung neu bestätigt wurde.
Schlüsselthemen
- Gottes unerschütterliche Güte (chesed)
- Vertrauen in Gott statt in Menschen
- Rettung aus Bedrängnis und Tod
- Der verworfenen Stein als Eckstein
- Lobpreis als Antwort auf Gottes Handeln
Anwendung
Psalm 118 lädt uns ein, unsere eigene Geschichte der Rettung im Licht von Gottes Treue zu sehen. Vielleicht erleben wir gerade eine Zeit der »Enge« – eine Situation, die uns bedrängt und ängstigt. Der Psalm ermutigt uns, nicht auf unsere eigenen Kräfte oder auf menschliche Hilfe zu vertrauen, sondern den Herrn anzurufen. Er verspricht nicht, dass die Bedrängnis ausbleibt, aber er verspricht, dass Gott in der Bedrängnis gegenwärtig ist und hindurchhilft. Die Antwort auf diese Erfahrung ist der Dank – nicht als Pflicht, sondern als natürlicher Ausdruck der Freude. Der Psalm weist uns auch auf Jesus Christus hin, den verworfenen Stein, der zum Fundament unseres Glaubens geworden ist. In ihm erfahren wir die endgültige Rettung aus der Enge des Todes in die Weite des ewigen Lebens. Unser Leben wird zur Verkündigung seiner Werke.
Häufig gestellte Fragen
Was bedeutet der Stein, den die Bauleute verworfen haben, in Psalm 118?
Dieser Vers (Ps 118,22) ist eine messianische Prophezeiung, die Jesus Christus auf sich selbst bezog (Mt 21,42). Der »Stein« steht für den Messias, der von den religiösen Führern Israels (den »Bauleuten«) abgelehnt und verworfen wurde. Gott aber machte ihn zum »Eckstein« – dem tragenden Fundament des Heils. Der Vers zeigt, dass Gottes Pläne oft durch das wirken, was Menschen für wertlos halten.
Wann wird Psalm 118 im jüdischen Gottesdienst verwendet?
Psalm 118 gehört zu den Hallel-Psalmen (Ps 113–118), die an den großen Wallfahrtsfesten, insbesondere Pessach, Schawuot und Sukkot, gesungen werden. Der Wechselgesang zwischen Vorsänger und Gemeinde sowie die Akklamation »Gelobt sei, der da kommt im Namen des Herrn« (V. 26) machen ihn zu einem zentralen Bestandteil der festlichen Liturgie.
Ist Psalm 118 ein Psalm des Königs oder des Volkes?
Der Psalm vereint beide Perspektiven. Die Ich-Reden (V. 5-18) lassen an einen königlichen Beter denken, der aus persönlicher Not befreit wurde. Die liturgischen Elemente und die Aufrufe an das Volk (V. 1-4, 22-29) zeigen jedoch, dass der Psalm im Gottesdienst der Gemeinde verwurzelt ist. Er ist ein Danklied des Einzelnen, das die ganze Gemeinschaft zum Mitfeiern einlädt.
Was bedeutet »seine Güte währet ewiglich« in Psalm 118?
Das hebräische Wort für Güte ist chesed (חֶסֶד) – ein Begriff, der Gottes treue, liebevolle Zuwendung zu seinem Bund beschreibt. Es ist mehr als nur Freundlichkeit; es ist die unerschütterliche Bundestreue Gottes, die trotz menschlicher Untreue Bestand hat. Der Kehrvers, der den Psalm eröffnet und beschließt, stellt diese Treue als Fundament des gesamten Lobpreises dar.
Wie hängt Psalm 118 mit dem Einzug Jesu in Jerusalem zusammen?
Als Jesus am Palmsonntag in Jerusalem einzog, rief die Menge ihm die Worte aus Ps 118,25-26 zu: »Hosianna! Gelobt sei, der da kommt im Namen des Herrn!« (Mt 21,9). Die Menge erkannte in Jesus den erwarteten Messias und wandte die Wallfahrtsliturgie auf ihn an. Jesus selbst zitierte später V. 22-23, um seine Ablehnung und seine Erhöhung durch Gott zu erklären.