Lukas 10 ist ein Kapitel der Sendung und der Prioritäten. Jesus sendet zweiundsiebzig Jünger aus, die mit Vollmacht heilen und das Reich Gottes verkünden. Nach ihrer Rückkehr jubelt er im Heiligen Geist über den Vater, der das Geheimnis des Heils den Unmündigen offenbart. Der Kern des Kapitels liegt im Doppelgebot der Liebe und im Gleichnis vom barmherzigen Samariter, das die Frage »Wer ist mein Nächster?« radikal neu beantwortet. Die Episode mit Maria und Marta am Ende stellt die Frage nach der rechten Haltung gegenüber Jesus selbst: Hören oder Dienen? Das Kapitel spannt den Bogen von der missionarischen Sendung zur stillen Andacht und zeigt, dass beides im Hören auf Christus gründet.
Historischer Kontext
Lukas schreibt sein Evangelium um 60–80 n. Chr. für ein überwiegend heidnisches Publikum, dem die jüdischen Wurzeln des Glaubens erklärt werden müssen. Die Aussendung der zweiundsiebzig Jünger erinnert an die siebzig Ältesten, die Mose in 4Mo 11,16–17 einsetzte – ein Hinweis darauf, dass Gottes Volk nun über Israel hinaus wächst. Die Zahl zweiundsiebzig (in manchen Handschriften siebzig) symbolisiert die Völker der Welt nach der Völkertafel in 1Mo 10.
Das Gleichnis vom barmherzigen Samariter wäre für Jesu jüdische Zuhörer provokativ gewesen: Samariter galten als Ketzer und Feinde. Dass ein Samariter zum Vorbild der Nächstenliebe wird, sprengt alle ethnischen und religiösen Grenzen. Die Straße von Jerusalem nach Jericho war berüchtigt für Überfälle – eine reale Gefahr, die jeder im Publikum kannte. Maria und Marta schließlich zeigen zwei typische Rollenbilder: die gastfreundliche Hausfrau und die lernende Jüngerin. Dass Jesus die lehrende Haltung Marias lobt, war für die damalige Kultur unerhört.
Vers für Vers
- 1:
Jesus sendet zweiundsiebzig Jünger aus, »je zwei und zwei«, wie er es schon bei den Zwölf tat (Lk 9,1–6). Die Zweiergruppen geben Zeugnis nach dem Prinzip der Mündigkeit (5Mo 19,15) und bieten einander Schutz und Ermutigung. Jesus geht selbst in jede Stadt, die die Jünger besuchen – er bereitet den Weg, und sie bereiten seinen.
- 2:
»Die Ernte ist groß, der Arbeiter sind wenige.« Dieser Satz ist kein Aufruf zu hektischer Betriebsamkeit, sondern zu anhaltender Bitte. Die Lösung für den Mangel an Arbeitern ist nicht bessere Organisation, sondern Gebet. Jesus stellt die Mission in den Horizont der Abhängigkeit vom Vater – ein Grundton, der das ganze Kapitel durchzieht.
- 3:
»Siehe, ich sende euch wie Schafe mitten unter die Wölfe.« Kein Triumphalismus, sondern nüchterne Realität. Die Jünger sind wehrlos, aber nicht schutzlos. Die Metapher erinnert an Jesaja 53, wo der leidende Gottesknecht wie ein Schaf zur Schlachtbank geführt wird. Mission bedeutet Teilhabe an der Selbsthingabe Christi.
- 17:
Die zweiundsiebzig kehren zurück und berichten voller Freude: »Auch die bösen Geister sind uns untertan in deinem Namen.« Sie staunen über die Vollmacht, die ihnen gegeben wurde. Jesus bestätigt ihre Erfahrung, lenkt den Blick aber auf das Entscheidende: Nicht die Macht über Dämonen ist der Grund zur Freude, sondern dass ihre Namen im Himmel geschrieben sind. Das ist die wahre Sicherheit des Heils.
- 21:
Jesus jubelt im Heiligen Geist – ein seltener Einblick in seine innige Beziehung zum Vater. Er preist den Vater, der das Geheimnis des Reiches »den Weisen und Klugen verborgen und den Unmündigen offenbart« hat. Das ist keine Geringschätzung der Intelligenz, sondern eine Warnung vor intellektueller Selbstgenügsamkeit. Das Evangelium wird nicht durch menschliche Klugheit erfasst, sondern durch kindliches Vertrauen.
- 25:
Ein Schriftgelehrter tritt auf und versucht Jesus mit der Frage nach dem ewigen Leben. Er fragt nicht, um zu lernen, sondern um zu prüfen. Jesus verweist ihn auf das Gesetz – die Schrift selbst gibt die Antwort. Der Mann zitiert das »Schema Jisrael« aus 5Mo 6,5 und das Gebot der Nächstenliebe aus 3Mo 19,18. Die Antwort ist richtig, aber die Frage bleibt: Lebt er danach?
- 30:
Das Gleichnis vom barmherzigen Samariter. Ein Mann wird auf dem Weg nach Jericho überfallen, ausgeraubt und halbtot liegen gelassen. Ein Priester und ein Levit gehen vorbei – beide Diener des Tempels, die eigentlich Gottes Barmherzigkeit repräsentieren sollten. Sie handeln aus rituellen Reinheitsbedenken oder aus Gleichgültigkeit. Der Samariter aber, der Verachtete, lässt sich von Mitleid bewegen.
- 33:
Der Samariter »sah ihn und jammerte ihn« – das hebräische rachamim (רחמים), das tiefste Mitgefühl, das aus dem Mutterschoß kommt. Er handelt nicht aus Pflichtgefühl, sondern aus innerer Bewegung. Er verbindet die Wunden, bringt den Mann in eine Herberge und bezahlt für seine Pflege. Die Nächstenliebe kennt keine Grenzen von Ethnie, Religion oder Stand.
- 36:
Jesus dreht die Frage um: Nicht »Wer ist mein Nächster?«, sondern »Wer ist dem Nächster geworden?« Der Nächste ist nicht der, der Hilfe verdient, sondern der, der Hilfe braucht. Die Antwort des Schriftgelehrten – »der die Barmherzigkeit an ihm tat« – vermeidet sogar das Wort »Samariter«. Jesus sendet ihn mit dem schlichten Befehl: »Gehe hin und tue desgleichen.«
- 38:
Jesus kehrt in das Haus von Maria und Marta ein. Marta ist ganz im Dienst aufgehend – sie tut, was damals von einer Frau erwartet wurde. Maria aber setzt sich zu Jesu Füßen und hört ihm zu, eine Haltung, die sonst nur männlichen Schülern vorbehalten war. Marta beschwert sich, aber Jesus lobt Maria: Sie hat »das gute Teil erwählt«, das ihr nicht genommen werden wird.
- 41:
Jesus spricht Marta sanft an: »Marta, Marta, du machst dir Sorge und Mühe um vieles.« Er tadelt nicht ihren Dienst, sondern ihre Unruhe. Das Eine, das Not tut, ist das Hören auf ihn. Maria hat verstanden, dass die Beziehung zu Jesus die Grundlage für alles andere ist. Ohne dieses Hören wird der Dienst zur Last; mit ihm wird er zur Freude.
Schlüsselthemen
- Sendung und Vollmacht der Jünger
- Barmherzigkeit ohne Grenzen
- Das Doppelgebot der Liebe
- Hören vor Dienen
- Freude über das Heil
Anwendung
Lukas 10 fordert uns heraus, unsere Prioritäten zu überprüfen. Die Aussendung der zweiundsiebzig erinnert uns daran, dass wir nicht aus eigener Kraft, sondern in der Vollmacht Christi gesandt sind. Die Freude über geistliche Erfolge ist gut, aber sie darf nie die Gewissheit des Heils überlagern: dass unsere Namen im Himmel geschrieben sind.
Das Gleichnis vom barmherzigen Samariter sprengt unsere engen Kreise. Wer ist mein Nächster? Nicht der, der mir sympathisch ist oder meiner Gruppe angehört, sondern der, der meine Hilfe braucht – und sei er noch so anders. Die Liebe zu Gott und die Liebe zum Nächsten sind untrennbar verbunden; die eine ohne die andere ist fromme Selbsttäuschung.
Die Begegnung mit Maria und Marta schließlich ruft uns zur Stille. In einer Welt, die uns ständig zur Aktivität drängt, sagt Jesus: Das Hören auf ihn ist das Eine, das Not tut. Nicht die Betriebsamkeit, sondern die Andacht ist die Quelle aller echten Nachfolge. Bevor wir etwas für Jesus tun, müssen wir bei ihm sein.
Häufig gestellte Fragen
Warum sandte Jesus zweiundsiebzig Jünger aus?
Die Zahl zweiundsiebzig (in manchen Handschriften siebzig) erinnert an die siebzig Ältesten in 4Mo 11 und symbolisiert die Völker der Welt nach 1Mo 10. Jesus zeigt damit, dass die Botschaft des Reiches Gottes über Israel hinausgeht. Die Jünger wurden paarweise ausgesandt, um Zeugnis zu geben und sich gegenseitig zu stützen.
Was bedeutet das Gleichnis vom barmherzigen Samariter?
Das Gleichnis beantwortet die Frage »Wer ist mein Nächster?«, indem es die Perspektive umkehrt: Nicht der, der Hilfe verdient, ist der Nächste, sondern der, der Hilfe braucht. Ein Samariter – für Juden ein Ketzer – wird zum Vorbild der Barmherzigkeit. Jesus lehrt, dass wahre Nächstenliebe keine Grenzen von Ethnie, Religion oder sozialem Stand kennt.
Warum lobt Jesus Maria und tadelt Marta?
Jesus tadelt nicht Martas Dienst, sondern ihre Unruhe und Sorge. Maria hat verstanden, dass das Hören auf Jesus die Grundlage für alles andere ist. In einer Kultur, die von Frauen vor allem praktische Arbeit erwartete, bestätigt Jesus Marias Entscheidung, als Jüngerin zu lernen. Das Eine, das Not tut, ist die Beziehung zu Christus.
Was bedeutet es, dass unsere Namen im Himmel geschrieben sind?
Jesus sagt den Jüngern, sie sollen sich nicht über ihre Macht über Dämonen freuen, sondern darüber, dass ihre Namen im Himmel geschrieben sind (Lk 10,20). Das Bild stammt aus dem Alten Testament (2Mo 32,32; Dan 12,1) und meint die Zugehörigkeit zum Volk Gottes und die Gewissheit des ewigen Heils. Es ist die tiefste Grundlage der Freude.
Wie hängen das Doppelgebot der Liebe und das Gleichnis vom Samariter zusammen?
Der Schriftgelehrte zitiert das Doppelgebot: Liebe zu Gott und Liebe zum Nächsten (Lk 10,27). Jesus bestätigt es, aber der Mann will sich rechtfertigen und fragt nach der Definition des Nächsten. Das Gleichnis zeigt, dass die Liebe zum Nächsten keine Grenzen kennt und dass die Liebe zu Gott ohne die Liebe zum Nächsten leer ist. Beide gehören untrennbar zusammen.