Ziege
Die Ziege war eines der häufigsten Tiere der biblischen Welt. Genügsam und fähig, auf trockenen, steinigen Hängen zu weiden, wurde sie zusammen mit den Schafen in den gemischten Herden der Erzväter und Israels gehalten und lieferte Milch, Fleisch, Haar und Felle. Das Gesetz machte den Ziegenbock zu einem der wichtigsten Opfertiere, und am Versöhnungstag standen zwei Böcke im Mittelpunkt des feierlichsten Ritus Israels.
Ziegen erscheinen an entscheidenden Stellen der biblischen Geschichte: die Böcklein, die Rebekka zubereitete, und die Felle, mit denen Jakob Isaak täuschte (1. Mose 27,9-16), die Sündopfer eines Fürsten und des einfachen Volkes (3. Mose 4,23-28), der Bock für den HERRN und der Bock für Asasel (3. Mose 16), der Ziegenbock in Daniels Vision (Daniel 8) und Jesu Bild vom Menschensohn, der die Schafe von den Böcken scheidet (Matthäus 25,32-33).
1. Etymologie und Bedeutung
Das allgemeine hebräische Wort ist ez (עֵז), „Ziege“, oft im Plural izzim. Der Bock heißt sa'ir (שָׂעִיר), wörtlich „der Haarige“, der übliche Begriff für den Bock des Sündopfers (3. Mose 4,23, se'ir izzim) und für die Böcke in 3. Mose 16. Weitere Wörter für den Bock sind attud (עַתּוּד), das auch einen Anführer bezeichnen kann (Jesaja 14,9; Sacharja 10,3), tajisch (תַּיִשׁ) (Sprüche 30,31) und zafir (צָפִיר) in Daniel 8,5. Das Zicklein ist gedi (גְּדִי), wie bei den „zwei guten Böcklein“ in 1. Mose 27,9. Der Steinbock heißt ja'el (יָעֵל) (Psalm 104,18; Hiob 39,1).
Der Name Asasel (עֲזָאזֵל) in 3. Mose 16,8.10.26 ist umstritten. Vorgeschlagen werden „der Bock, der weggeht“ (aus ez und azal, „weggehen“), worauf das englische scapegoat von William Tyndale zurückgeht; ein rauer, abgelegener Ort in der Wüste; der Name eines dem HERRN entgegengesetzten Wüstengeistes; oder ein abstraktes Wort für „völlige Entfernung“. Keine Deutung ist sicher.
Im griechischen Neuen Testament heißt das Zicklein eriphos (ἔριφος), mit der Verkleinerungsform eriphion (Matthäus 25,32-33; Lukas 15,29), und der Opferbock tragos (τράγος) (Hebräer 9,12-13.19; 10,4).
2. Historischer Hintergrund und biblischer Gebrauch
Ziegen im Alltag
Die Herden mischten meist Schafe und Ziegen; Labans Herde umfasste gesprenkelte und gefleckte Ziegen (1. Mose 30,32-35), und Nabal besaß tausend Ziegen (1. Samuel 25,2). Ziegenmilch war Grundnahrung: Du hast Ziegenmilch genug zu deiner Speise (Sprüche 27,27). Ziegenhaar wurde von kundigen Frauen gesponnen (2. Mose 35,26) und zu den Teppichen gewebt, die das Zelt über der Wohnung bildeten (2. Mose 26,7). Felle dienten Armen und Verfolgten als Kleidung (Hebräer 11,37). Ein Zicklein war eine rasch bereitete Mahlzeit für Gäste (Richter 6,19; 13,15.19), ein Geschenk (1. Samuel 16,20) oder ein Pfand (1. Mose 38,17). Das Gesetz verbot, das Böcklein in der Milch seiner Mutter zu kochen (2. Mose 23,19; 34,26; 5. Mose 14,21).
Ziegen im Opferdienst
Ziegen konnten Brandopfer (3. Mose 1,10) und Dankopfer (3. Mose 3,12) sein. Das Passalamm konnte man „von den Schafen und Ziegen“ nehmen (2. Mose 12,5). Der Bock war vor allem das Tier des Sündopfers: Ein Fürst, der aus Versehen sündigte, brachte einen Ziegenbock (3. Mose 4,23), ein Mann aus dem Volk eine Ziege (3. Mose 4,28). Jeder Stammesfürst opferte bei der Einweihung des Altars einen Ziegenbock zum Sündopfer (4. Mose 7,16).
Der Versöhnungstag
Am zehnten Tag des siebten Monats nahm der Hohepriester von der Gemeinde zwei Ziegenböcke und warf das Los über sie, ein Los für den HERRN und das andere für Asasel (3. Mose 16,5.7-8). Der erste wurde als Sündopfer geschlachtet, sein Blut hinter den Vorhang gebracht und auf und vor den Gnadenthron gesprengt (3. Mose 16,15-16). Auf den zweiten, lebenden Bock legte Aaron beide Hände, bekannte alle Missetaten Israels und legte sie auf seinen Kopf; dann wurde er in die Wüste geführt: Der Bock sollte alle ihre Missetat auf sich nehmen und in die Wildnis tragen (3. Mose 16,20-22). Die beiden Böcke zeigen zwei Seiten der einen Sühne: Sünde, bedeckt durch das Blut eines Stellvertreters, und Sünde, fortgetragen aus dem Blickfeld.
Böcke und Götzendienst
Das Wort se'irim bezeichnet auch bocksgestaltige Götzen oder Wüstendämonen. Israel sollte ihnen keine Opfer mehr bringen (3. Mose 17,7), und Jerobeam setzte Priester für sie ein (2. Chronik 11,15).
3. Wichtige Bibelstellen
Jakob und die Ziegenfelle (1. Mose 27)
Rebekka ließ Jakob zwei gute Böcklein holen, bereitete daraus das Gericht, das Isaak liebte, und legte die Felle um Jakobs Hände und um die glatte Stelle am Hals, damit der blinde Vater ihn für den behaarten Esau hielt (1. Mose 27,9-16). Die List gelang: „Die Stimme ist Jakobs Stimme, aber die Hände sind Esaus Hände“ (1. Mose 27,22). Jahre später wurde Jakob selbst von seinen Söhnen mit dem Blut eines Ziegenbocks an Josefs Rock getäuscht (1. Mose 37,31-33). Die Schrift berichtet die Täuschung, ohne sie gutzuheißen, und zeigt, wie Gott seine Verheißung durch fehlerhafte Menschen erfüllt.
Der Bock des Sündopfers und der Bock für Asasel (3. Mose 4 und 16)
3. Mose 4 lehrt, dass selbst versehentliche Sünde Sühne braucht und dass das Opfer der Stellung des Opfernden angepasst war. 3. Mose 16 stellt die Böcke in die Mitte der jährlichen Reinigung von Volk und Heiligtum. Nichts im Text stellt den zweiten Bock als Opfer an Asasel dar; er wird lebendig vor den HERRN gestellt (3. Mose 16,10) und fortgeschickt, beladen mit den Sünden des Volkes.
Der Ziegenbock in Daniel 8
Daniel sah einen Widder mit zwei Hörnern, den ein Ziegenbock niederwarf, der vom Westen kam, ohne die Erde zu berühren, mit einem ansehnlichen Horn zwischen den Augen; das große Horn zerbrach, und vier Hörner wuchsen an seiner Stelle (Daniel 8,3-8). Der Engel erklärte, der Widder seien die Könige von Medien und Persien, der Ziegenbock der König von Griechenland, und das große Horn sei der erste König (Daniel 8,20-22). Ausleger sehen in diesem König weithin Alexander den Großen und in den vier Hörnern die Reiche, in die sein Reich zerfiel. Die Vision zeigt: Aufstieg und Fall der Weltreiche stehen unter Gottes Herrschaft.
Die Schafe und die Böcke (Matthäus 25,31-46)
Wenn der Menschensohn in seiner Herrlichkeit kommt, werden alle Völker vor ihm versammelt, „und er wird sie voneinander scheiden, wie ein Hirt die Schafe von den Böcken scheidet“ (Matthäus 25,32). Die Schafe zur Rechten ererben das Reich; die Böcke zur Linken gehen in die ewige Strafe (Matthäus 25,33-34.41.46). Das Bild stammt aus den gemischten Herden Palästinas. Es geht nicht darum, dass Ziegen schlechte Tiere seien, sondern dass das Gericht die scheidet, deren Glaube sich in Barmherzigkeit gegenüber den geringsten Brüdern Christi zeigte, von denen, bei denen das nicht geschah (Matthäus 25,40.45; vgl. Hesekiel 34,17).
4. Theologische Bedeutung
Die Opferböcke lehren, dass Sünde ernst ist und Vergebung durch einen von Gott bereitgestellten Stellvertreter kommt. Doch Propheten und Psalmen betonen, dass Gott das Blut der Böcke nicht braucht (Psalm 50,9-13; Jesaja 1,11), und der Hebräerbrief folgert, dass es unmöglich ist, durch das Blut von Stieren und Böcken Sünden wegzunehmen (Hebräer 10,4).
Der Hebräerbrief liest den Versöhnungstag im Licht Christi: Er ist ein für alle Mal in das Heiligtum eingegangen, nicht durch das Blut von Böcken oder Kälbern, sondern durch sein eigenes Blut, und hat eine ewige Erlösung erworben (Hebräer 9,12). Die Leiber der Sündopfertiere wurden außerhalb des Lagers verbrannt; darum hat auch Jesus draußen vor dem Tor gelitten, um das Volk durch sein eigenes Blut zu heiligen (Hebräer 13,11-12). Das Neue Testament nennt Jesus nie ausdrücklich den Bock für Asasel, doch viele Ausleger sehen in dem Bock, der die Sünde forttrug, ein Bild des Knechtes, auf den der HERR unser aller Sünde warf (Jesaja 53,6.12), und des Lammes, das der Welt Sünde trägt (Johannes 1,29). In Christus finden beide Böcke ihre Erfüllung: Die Sünde wird durch Blut gesühnt und so fern von uns getan, wie der Morgen vom Abend ist (Psalm 103,12).
5. Nachwirkung und kanonische Bezüge
Ziegen begleiten die Erzvätergeschichten, das Gesetz, die Geschichtsbücher, die Weisheitsliteratur (Sprüche 27,27; Hohelied 4,1, wo das Haar der Geliebten einer Herde Ziegen gleicht, die vom Gebirge Gilead herabsteigen) und die Propheten (Hesekiel 34,17; Daniel 8) bis hin zu den Evangelien und dem Hebräerbrief. Die Klage des älteren Bruders, sein Vater habe ihm nie einen Bock gegeben (Lukas 15,29), zeigt, wie alltäglich das Tier war.
Der Ausdruck „Sündenbock“ ist durch die Bibelübersetzung in die deutsche Sprache gelangt und bezeichnet heute jemanden, dem die Schuld anderer zugeschoben wird. Der biblische Ritus ist beinahe das Gegenteil dieses Gebrauchs: Der Bock war kein ungerechtes Opfer menschlicher Schuldzuweisung, sondern Gottes verordnetes Mittel, wirkliche Schuld von einem schuldigen Volk zu nehmen.
Die Steinböcke der Höhen (Psalm 104,18; Hiob 39,1) und die „Steinbockfelsen“ bei En-Gedi (1. Samuel 24,3) erinnern daran, dass Gott für Geschöpfe sorgt, die außerhalb menschlicher Reichweite leben.
6. Anwendung für heute
Der Bock des Sündopfers erinnert uns, dass es keine kleine Sünde gibt; selbst was wir ohne Absicht tun, braucht Vergebung. Der in die Wüste geschickte Bock sagt uns, was Gott mit den Sünden derer tut, die Christus vertrauen: Er trägt sie fort und bringt sie nicht wieder gegen uns vor.
Jakobs Ziegenfelle warnen davor, Gottes Segen mit eigenen Machenschaften erlangen zu wollen. Der Segen war verheißen, doch die Täuschung brachte Jahre der Angst und des Exils.
Das Gleichnis von den Schafen und den Böcken ruft uns zu prüfen, ob unser Glaube lebendig ist in Werken der Barmherzigkeit an Hungrigen, Fremden, Kranken und Gefangenen. Wir verdienen das Heil nicht durch diese Werke, aber sie zeigen, zu wem wir gehören.
Schließlich lädt uns Daniels Ziegenbock ein, Aufstieg und Fall der Mächte dieser Welt ohne Furcht zu betrachten, denn die Reiche der Erde vergehen, und das Reich des Menschensohnes wird nie vergehen.