Lilie

Die Lilie ist eine der bekanntesten Blumen der Bibel. Sie begegnet in der Liebesdichtung des Hohenliedes, im Schmuck des salomonischen Tempels, in der Verheißung der Wiederherstellung Israels bei Hosea und vor allem in der Bergpredigt, wo Jesus seine Jünger auffordert: „Schaut die Lilien auf dem Feld“.

Doch das Wort „Lilie“ in unseren Bibeln meint wahrscheinlich nicht immer die Blume, die wir heute so nennen. Die hebräischen und griechischen Begriffe scheinen mehrere auffällige Blumen umfasst zu haben, und die Forschung diskutiert bis heute, welche Pflanze an welcher Stelle gemeint ist. Diese Unsicherheit schwächt die Botschaft nicht; sie erinnert daran, dass die biblischen Schreiber die Blumen ihrer Umgebung gebrauchten, um von Schönheit, Vergänglichkeit und Gottes Fürsorge zu sprechen.

1. Etymologie und Bedeutung

Das hebräische Wort lautet schuschan oder schoschan (שׁוּשַׁן), mit der weiblichen Form schoschanna (שׁוֹשַׁנָּה). Die meisten Forscher halten es für ein Lehnwort aus dem ägyptischen sšn, der Bezeichnung für den Lotos oder die Seerose, ein beliebtes Motiv der ägyptischen Kunst. Vom selben hebräischen Wort stammt der Name Susanna, den eine der Frauen trug, die den Dienst Jesu unterstützten (Lukas 8,3). Einige Psalmüberschriften erwähnen schoschannim, „Lilien“ (Psalm 45, Psalm 69, Psalm 80; vgl. Psalm 60); vermutlich handelt es sich um den Namen einer Melodie oder eine musikalische Anweisung, deren genaue Bedeutung unbekannt ist.

Im Neuen Testament lautet das Wort krinon (κρίνον), das schon die griechische Übersetzung des Alten Testaments für schoschanna verwendete. Es kommt nur im Wort Jesu von den Lilien auf dem Feld vor (Matthäus 6,28; Lukas 12,27). Im gewöhnlichen Griechisch konnte es Lilien im engeren Sinn bezeichnen, aber auch allgemeiner prächtige Wildblumen.

2. Historischer Kontext und biblischer Gebrauch

Welche Blume?

Das Land Israel ist reich an Wildblumen, besonders im späten Winter und im Frühling nach den Regenfällen. Für die biblische Lilie wurden mehrere Kandidaten vorgeschlagen. Die weiße Madonnenlilie (Lilium candidum) wächst wild in Teilen Galiläas und am Karmel, ist aber verhältnismäßig selten. Die Kronen-Anemone (Anemone coronaria), die die Hänge Galiläas rot, violett und weiß überzieht, wird häufig für die „Lilien auf dem Feld“ genannt. Die Dünen-Trichternarzisse (Pancratium maritimum), die im Küstensand wächst, wurde für einige Stellen im Hohenlied vorgeschlagen. Für die Lilien am Tempel ist der ägyptische Lotos oder die Seerose (Nymphaea) das wahrscheinlichste Vorbild. Die ehrliche Antwort lautet: Die Bibel erlaubt keine Festlegung auf eine einzige Art, und die Wörter umfassten wahrscheinlich mehr als eine.

Lilien am Tempel

Der kunstfertige Bronzeschmied Hiram aus Tyrus fertigte die beiden großen Säulen des salomonischen Tempels, und ihre Knäufe waren wie Lilien gestaltet (1. Könige 7,19.22). Der Rand des großen bronzenen Beckens, das „Meer“ genannt wurde, war wie eine Lilienblüte geformt (1. Könige 7,26; 2. Chronik 4,5). Lotosförmige Kapitelle und Ränder waren in der Kunst Ägyptens und Phöniziens verbreitet, was zur Mitwirkung eines Handwerkers aus Tyrus passt (1. Könige 7,13-14). Im Haus Gottes wurde die Schönheit der Blume in Bronze festgehalten, als Zeichen von Leben und Pracht.

Lilien in der Dichtung

Das Hohelied spricht häufiger von Lilien als jedes andere biblische Buch. Die Geliebte nennt sich „eine Lilie im Tal“ (Hohelied 2,1), und der Geliebte antwortet, sie sei unter den Mädchen wie eine Lilie unter den Dornen (Hohelied 2,2). Der Geliebte weidet unter den Lilien (Hohelied 2,16; 6,2-3), die Brüste der Geliebten gleichen jungen Gazellen, die unter Lilien weiden (4,5), die Lippen des Geliebten sind wie Lilien (5,13), und der Leib der Geliebten ist von Lilien umgeben (7,3 in der Lutherbibel, 7,2 in manchen anderen Übersetzungen). Der Vergleich von Lippen mit Lilien deutet darauf hin, dass zumindest hier eine rote Blume gemeint ist.

3. Wichtige Bibelstellen

Matthäus 6,28-30 ist die zentrale Stelle: Jesus fordert auf, die Lilien auf dem Feld anzuschauen, wie sie wachsen; sie arbeiten nicht und spinnen nicht, und doch war selbst Salomo in all seiner Herrlichkeit nicht gekleidet wie eine von ihnen. Wenn Gott das Gras auf dem Feld so kleidet, das heute steht und morgen in den Ofen geworfen wird, wie viel mehr wird er seine Kinder kleiden, „ihr Kleingläubigen“. Die Parallele in Lukas 12,27-28 ist fast gleichlautend. Jesus weist auf die gewöhnlichen Wildblumen Galiläas hin, die nach wenigen Wochen verdorren und als Brennmaterial gesammelt werden. Salomo, der reichste König in Israels Erinnerung (1. Könige 10,23), reichte an ihre Schönheit nicht heran. Die Beweisführung geht vom Kleineren zum Größeren: Wenn Gott etwas so Vergängliches so prächtig kleidet, wird er gewiss für seine Kinder sorgen. Daraus folgt: „Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, so wird euch das alles zufallen“ (Matthäus 6,33).

Hohelied 2,1-2 wird oft in christlichen Liedern zitiert, in denen die „Lilie im Tal“ auf Christus bezogen wird. Im Text selbst verstehen die meisten Ausleger die Frau als Sprecherin, die sich bescheiden als gewöhnliche Wildblume beschreibt, worauf der Mann antwortet, sie rage heraus wie eine Lilie unter Dornen. Die Übertragung auf Christus ist ein erbaulicher Gebrauch, nicht der unmittelbare Sinn der Stelle, auch wenn das Buch als Ganzes uns mit Recht zum Nachdenken über die Liebe zwischen Christus und seiner Gemeinde führen kann (Epheser 5,25-32).

Hosea 14,6 (in manchen Übersetzungen 14,5) gehört zur Verheißung Gottes an das umkehrende Israel: Gott will für Israel wie der Tau sein, und es soll blühen wie eine Lilie und Wurzeln schlagen wie der Libanon. Nach einem Buch voller Gericht wird die Lilie zum Bild des neuen Lebens, das Gott schenkt, wenn er die Abtrünnigkeit seines Volkes heilt (Hosea 14,5 bzw. 14,4).

4. Theologische Bedeutung

In der Schrift verbindet die Lilie zwei Wahrheiten: Schönheit und Vergänglichkeit. Ihre Pracht kommt von Gott, der die Blumen ohne ihr Zutun kleidet, und doch welkt sie schnell wie alles Fleisch (Jesaja 40,6-8; 1. Petrus 1,24-25). Jesus gebraucht diese zerbrechliche Schönheit, um von der Vorsehung des Vaters zu lehren. Die Sorge vergisst, dass Gott selbst die kleinsten Teile der Schöpfung regiert; der Glaube sieht die Blumen und vertraut dem, der sie kleidet.

Die Lilie spricht auch von Gottes gnädiger Erneuerung. Bei Hosea ist sie Frucht der göttlichen Liebe, die über ein unwürdiges Volk ausgegossen wird, nicht Frucht eigener Leistung. Im Tempel erinnerte das Lilienwerk an den Säulen die Anbetenden daran, dass der heilige Ort voller Leben und Herrlichkeit war. Im Hohenlied feiert sie die Güte menschlicher Liebe als Gabe des Schöpfers. In jedem Fall weist die Blume über sich hinaus auf die Freigebigkeit Gottes.

5. Wirkungsgeschichte und kanonische Bezüge

Die wichtigsten Bibelstellen sind: 1. Könige 7,19.22.26 und 2. Chronik 4,5 (Tempelschmuck); Hohelied 2,1-2.16, 4,5, 5,13, 6,2-3 und 7,3 (Liebesdichtung); Hosea 14,6 (Wiederherstellung); Matthäus 6,28-30 und Lukas 12,27-28 (die Lilien auf dem Feld) sowie die Psalmüberschriften, die „Lilien“ erwähnen. Die übliche Übersetzung „Lilie“ hat sich vor allem über das griechische krinon und das lateinische lilium eingebürgert.

In der christlichen Kunst wurde die weiße Lilie zum Symbol der Reinheit, doch diese Symbolik stammt aus späterer Tradition und nicht aus den biblischen Texten, die die Lilie nie so verwenden. Das Wort Jesu von den Lilien auf dem Feld dagegen hat die christliche Frömmigkeit tief geprägt und gehört bis heute zu den meistzitierten Trostworten für bekümmerte Gläubige.

6. Anwendung für heute

Jesus hat seinen Jüngern nicht gesagt, sie sollten ihre Bedürfnisse übersehen, sondern die Blumen anschauen und daraus lernen. Die Sorge meint, alles hänge von unserer Mühe ab; die Lilien erinnern daran, dass Gottes Fürsorge zuerst kommt. Nimm dir Zeit, die Schöpfung um dich her wahrzunehmen, und lass dich von ihr ins Gebet führen: Der Vater, der die Felder schmückt, weiß, was du brauchst (Matthäus 6,32).

Die Lilie mahnt uns auch, was bleibt. Ihre Schönheit ist echt, aber kurz, wie die Herrlichkeit Salomos und wie unser eigenes Leben. Nur das Wort unseres Gottes bleibt in Ewigkeit. Wer zuerst nach seinem Reich trachtet, wird erfahren, dass der, der das Gras auf dem Feld kleidet, treu ist, und dass seine Gnade selbst ein verdorrtes Volk wie das Israel Hoseas wieder aufblühen lässt.