Psalm 70 ist ein kurzer, dringlicher Hilferuf Davids, der fast wörtlich mit den letzten Versen von Psalm 40 übereinstimmt. Der Psalmist bittet Gott um schnelles Eingreifen gegen seine Feinde und um Freude für alle, die den Herrn suchen. In seiner Knappheit und Intensität spiegelt er die existenzielle Not eines Menschen wider, der sich in akuter Bedrängnis befindet und keinen anderen Ausweg sieht als die sofortige Rettung durch Gott. Der Psalm mündet in ein demütiges Bekenntnis der eigenen Armut und Bedürftigkeit.
Historischer Kontext
Psalm 70 trägt die Überschrift »Ein Psalm Davids, vorzusingen« und wird durch den Zusatz »zum Gedächtnis« (hebr. lehaschkir לְהַזְכִּיר) als ein Gebet in akuter Notlage gekennzeichnet. Diese Formel erscheint auch in Psalm 38 und deutet darauf hin, dass der Psalm im liturgischen Kontext Israels als ein »Erinnerungsopfer« (vgl. 3Mo 2,2) diente – ein Ruf zu Gott, sich an seinen Bund und an die Not seines Dieners zu erinnern.
Die fast vollständige Übereinstimmung mit Psalm 40,14-18 wirft die Frage nach der Datierung und dem Sitz im Leben auf. Möglicherweise hat David den ursprünglich längeren Psalm später als eigenständiges Gebet für eine konkrete Verfolgungssituation extrahiert. Die Feinde, von denen der Psalm spricht, könnten auf die Zeit der Verfolgung durch Saul oder auf die Rebellion Absaloms verweisen. In jedem Fall atmet der Psalm die Atmosphäre unmittelbarer Lebensgefahr und der Sehnsucht nach göttlichem Eingreifen.
Vers für Vers
- 1:
Der Psalm beginnt mit einem verzweifelten Schrei: »Eile, Gott, mich zu erretten, eile, HERR, mir zu helfen!« Die Doppelung des Wortes »eile« (hebr. chuscha חוּשָׁה) unterstreicht die Dringlichkeit. David ruft nicht zu einem fernen Gott, sondern zu JHWH, dem Bundesgott, der sich in der Geschichte Israels als Retter erwiesen hat. Der Imperativ ist kein Befehl, sondern der Ausdruck völliger Abhängigkeit.
- 2:
David bittet um die Beschämung seiner Feinde: »Es müssen sich schämen und zu Schanden werden, die nach meinem Leben stehen.« Die Feinde sind nicht nur persönliche Widersacher, sondern Menschen, die sich gegen Gottes Gesalbten stellen. Ihre Schande ist nicht Rache, sondern die logische Konsequenz ihres Hochmuts. Wer sich gegen Gottes Ordnung stellt, wird letztlich zuschanden.
- 3:
»Es müssen zurückkehren und zu Schanden werden, die mir Übles wünschen.« Der Psalmist wünscht nicht persönliche Vergeltung, sondern dass die Bosheit der Feinde ins Leere läuft. Das hebräische Wort uschpu (יָשֻׁבוּ) bedeutet »umkehren« – ein ironisches Wortspiel: Die Feinde sollen von ihrem bösen Weg umkehren, indem ihre Pläne scheitern.
- 4:
Ein bemerkenswerter Kontrast: Während die Feinde beschämt werden sollen, sollen alle, die Gott suchen, »fröhlich und sich freuen«. Der Psalmist denkt nicht nur an sich selbst, sondern an die ganze Gemeinschaft der Gottesfürchtigen. Ihre Freude gründet nicht in der Rache an den Feinden, sondern in der Größe Gottes, der sein Volk rettet.
- 5:
Der letzte Vers ist ein demütiges Bekenntnis: »Ich aber bin elend und arm. Gott, eile zu mir!« David bekennt seine völlige Bedürftigkeit. Das hebräische ani we’ewjon (עָנִי וְאֶבְיוֹן) bezeichnet nicht nur materielle Armut, sondern eine existenzielle Abhängigkeit von Gott. Dieses Bekenntnis ist der Schlüssel zum ganzen Psalm: Nur wer seine eigene Armut erkennt, kann Gottes Hilfe wirklich erfahren.
Schlüsselthemen
- Dringlichkeit des Gebets
- Gottes Gerechtigkeit gegen Feinde
- Freude der Gottesuchenden
- Demut und Armut vor Gott
Anwendung
Psalm 70 lehrt uns, dass wir in Zeiten akuter Not nicht zögern müssen, Gott mit aller Dringlichkeit anzurufen. Der Psalmist schämt sich nicht seiner Verzweiflung, sondern bringt sie ungefiltert vor Gott. Das ist kein Mangel an Glauben, sondern der Glaube selbst – die Überzeugung, dass Gott wirklich eingreifen kann und will.
Gleichzeitig erinnert uns der Psalm daran, dass unsere Feinde nicht Menschen sind, sondern die Mächte der Finsternis, die uns von Gott trennen wollen. Im Licht des Neuen Bundes sehen wir, dass der wahre Feind besiegt ist durch Christus, der selbst »arm« wurde (2Kor 8,9), um uns reich zu machen. Unsere Antwort auf Gottes Rettung kann nur Freude und Lob sein – nicht Triumph über andere, sondern Dankbarkeit für die Gnade, die wir selbst empfangen haben.
Häufig gestellte Fragen
Warum wiederholt Psalm 70 fast wörtlich die letzten Verse von Psalm 40?
Psalm 70,2-6 ist nahezu identisch mit Psalm 40,14-18. Möglicherweise hat David diesen Abschnitt aus einem längeren Psalm als eigenständiges Gebet für eine akute Notlage herausgelöst. Die Wiederholung zeigt, dass bestimmte Gebete in der Schrift als zeitlose Vorlagen für verschiedene Lebenssituationen dienen können. Gott hört nicht nur neue Worte, sondern auch die vertrauten Rufe seiner Kinder.
Darf man als Christ um die Bestrafung von Feinden beten?
Psalm 70 ist ein sogenannter »Fluchpsalm«, der um Gottes Gericht über die Feinde bittet. Im Neuen Bund lehrt Jesus uns, unsere Feinde zu lieben (Mt 5,44). Dennoch bleibt der Psalm wertvoll: Er lehrt uns, unsere Gefühle der Ungerechtigkeit ehrlich vor Gott zu bringen. Wir beten nicht um persönliche Rache, sondern darum, dass Gottes Gerechtigkeit siegt und dass Böses nicht ungestraft bleibt. Das Endgericht gehört Gott allein (Röm 12,19).
Was bedeutet die Überschrift »zum Gedächtnis« in Psalm 70?
Die hebräische Formel lehaschkir (לְהַזְכִּיר) bezieht sich auf das »Gedächtnisopfer« im israelitischen Kultus (3Mo 2,2). Es war ein Opfer, das Gott an seinen Bund und an die Not des Beters erinnern sollte. Psalm 70 ist also ein liturgischer Ruf: »Gott, erinnere dich an deine Verheißungen und an meine Not!« Es ist kein Zweifel an Gottes Treue, sondern ein vertrauensvolles Einklagen seiner Zusagen.
Wie kann ich Psalm 70 heute im Gebet verwenden?
Psalm 70 ist ein ideales Gebet in Momenten akuter Bedrängnis – sei es durch Krankheit, Verfolgung oder seelische Not. Sie können die Worte des Psalms direkt beten und sie auf Ihre Situation anwenden. Er lehrt uns, Gott nicht nur um Hilfe zu bitten, sondern auch unsere völlige Abhängigkeit von ihm zu bekennen. Der Psalm endet mit der demütigen Erkenntnis: »Ich bin arm und elend« – das ist der Ort, an dem Gottes Gnade am reichsten fließt.