Hiob
Die Gestalt des Hiob, des Protagonisten des gleichnamigen Buches, ist eine der Säulen der alttestamentlichen Weisheitsliteratur und stellt eine bleibende theologische Herausforderung in Bezug auf Leid, göttliche Gerechtigkeit und die Souveränität Gottes dar. Seine Geschichte überwindet kulturelle und zeitliche Grenzen und bietet tiefgründige Reflexionen über unerschütterlichen Glauben inmitten größter Widrigkeiten. Aus evangelikaler protestantischer Perspektive wird Hiob nicht nur als ein Beispiel der Geduld gesehen, sondern als ein Zeugnis der Komplexität göttlicher Pläne und der Notwendigkeit eines Glaubens, der Gott über das menschliche Verständnis hinaus vertraut.
Die Analyse Hiobs erfordert daher einen vielschichtigen Ansatz, der seine Etymologie, den historisch-narrativen Kontext, die Tiefe seines Charakters, die theologische Bedeutung seiner Prüfung und das bleibende Vermächtnis seiner Geschichte für den biblischen Kanon und den christlichen Glauben umfasst. Diese Studie zielt darauf ab, diese Dimensionen zu vertiefen und die biblische Autorität und exegetische Relevanz der Erzählung mit Schwerpunkt auf ihrer christozentrischen Typologie und den Implikationen für reformierte und evangelikale Theologie hervorzuheben.
1. Etymologie und Bedeutung des Namens
Der Name Hiob, auf Hebräisch 'Iyyôb (אִיּוֹב), hat eine schwierige Etymologie, die im Laufe der Geschichte verschiedene Interpretationen hervorgebracht hat. Eine der am meisten akzeptierten Ableitungen verbindet den Namen mit der hebräischen Wurzel 'āyab (אָיַב), was „feindselig sein", „verfolgen" oder „ein Feind sein" bedeutet. In diesem Sinne könnte der Name als „der Verfolgte", „der Gehasste" oder „der Geplagte" interpretiert werden.
Diese Interpretation stimmt perfekt mit der Erzählung des Buches überein, in der Hiob unerbittlich von Satan verfolgt und von unbeschreiblichem Leid geplagt wird und damit tatsächlich „der Verfolgte" oder „der Geplagte" wird. Eine solche Bedeutung steht im Einklang mit der zentralen Erfahrung der Figur, deren Prüfungen den Kern der Geschichte bilden.
Eine andere mögliche Ableitung deutet auf eine Verbindung mit der arabischen Wurzel 'āba hin, was „zurückkehren" oder „bereuen" bedeutet. Wenn dies der Ursprung ist, könnte der Name „der Büßer" oder „der zu Gott Zurückkehrende" bedeuten. Obwohl Hiob anfangs als untadelig dargestellt wird, beinhaltet seine Reise einen tiefgreifenden Prozess des Hinterfragens und schließlich der Unterwerfung und Reue vor Gott (Hiob 42:6).
Es gibt keine Hinweise auf andere prominente biblische Figuren mit demselben Namen. Die Einzigartigkeit des Namens Hiob im biblischen Kanon unterstreicht seine einzigartige Identität und die zentrale Rolle, die er als Protagonist dieser theologischen Erzählung spielt. Seine Geschichte ist ein sui generis-Fall in der Schrift, was die Relevanz seines Namens verstärkt.
Die theologische Bedeutung des Namens liegt in seiner Fähigkeit, das Schicksal der Figur vorwegzunehmen. „Der Verfolgte" oder „der Geplagte" ist genau das, was Hiob wird. Der Name ist daher nicht nur ein Etikett, sondern eine prophetische Vorwegnahme seiner Prüfung und der Rolle, die er bei der Offenbarung göttlicher Eigenschaften, insbesondere der Souveränität und Gerechtigkeit angesichts des Bösen, spielen würde.
Für den Leser wird Hiobs Name zum Synonym für Widerstandsfähigkeit und Glauben inmitten von Schmerz. Die Wahl dieses Namens oder seine Angemessenheit für die Geschichte unterstreicht die göttliche Absicht, die Erfahrung eines Menschen zu nutzen, um die tiefsten Fragen der Theodizee und der Beziehung zwischen Schöpfer und Geschöpf zu erforschen.
2. Historischer Kontext und biblische Erzählung
2.1 Historische Periode und Geographie
Das Buch Hiob wird oft in die Patriarchenzeit datiert, möglicherweise zwischen dem 20. und 15. Jahrhundert v. Chr., vor dem mosaischen Gesetz und dem Exodus. Diese Datierung wird aus dem Fehlen von Hinweisen auf das Gesetz Mose, die Stiftshütte oder das levitische Priestertum sowie aus der Erwähnung von Opfern abgeleitet, die Hiob selbst als Familienoberhaupt darbrachte (Hiob 1:5), eine vor der Einrichtung des levitischen Opfersystems übliche Praxis.
Weitere Elemente, die auf diese Ära hindeuten, sind Hiobs Langlebigkeit (er lebte 140 Jahre nach seiner Prüfung, Hiob 42:16), typisch für die Patriarchen, und sein großer Reichtum, gemessen an Viehbestand (Hiob 1:3), ein Statusindikator in der damaligen Gesellschaft. Darüber hinaus spiegeln Sprache und Kultur eine alt semitische Umgebung wider, aber nicht spezifisch israelitisch.
Die Erzählung verortet Hiob im Land Uz (עוּץ), einer Region, deren genaue Lage umstritten ist, die aber allgemein mit Nordarabien oder edomitischem Gebiet östlich von Palästina assoziiert wird (vgl. Jeremia 25:20; Klagelieder 4:21). Dies legt nahe, dass Hiob kein Israelit war, sondern ein frommer Heide, was zeigt, dass der Glaube an Gott nicht auf die Abstammung Abrahams beschränkt war, bevor Israel als Nation gegründet wurde.
Diese Universalität des Glaubens in Hiob ist für die evangelikale Perspektive entscheidend, da sie unterstreicht, dass Gott sich allen Völkern offenbart und Rechtschaffenheit von ihnen fordert, unabhängig von ihrer ethnischen Zugehörigkeit oder geografischen Lage. Die Geschichte Hiobs geht dem mosaischen Bund voraus und weist auf einen Glauben hin, der auf allgemeiner Offenbarung und moralischem Gewissen basiert, und nimmt die Einbeziehung der Heiden in das Heil in Christus vorweg.
2.2 Hauptereignisse im Leben Hiobs
Die Erzählung des Buches Hiob kann in vier Hauptteile unterteilt werden: den Prolog, die Dialoge, die Reden Elihus und die Reden Gottes, gefolgt vom Epilog.
1. Der Prolog (Hiob 1–2): Stellt Hiob als einen Mann dar, der „fromm und rechtschaffen war, Gott fürchtete und das Böse mied" (Hiob 1:1), gesegnet mit großem Reichtum und einer großen Familie. Satan fordert Hiobs Integrität vor Gott heraus und behauptet, seine Frömmigkeit sei nur durch materielle Segnungen motiviert. Gott erlaubt Satan, Hiob zu plagen, indem er ihm zuerst seinen Besitz und seine Kinder nimmt (Hiob 1:13-19) und dann seine Gesundheit, indem er ihn mit schmerzhaften Geschwüren schlägt (Hiob 2:7-8). In beiden Fällen bewahrt Hiob seinen Glauben und erklärt: „Der HERR hat gegeben, der HERR hat genommen; der Name des HERRN sei gelobt" (Hiob 1:21).
2. Die Dialoge (Hiob 3–31): Drei Freunde Hiobs – Eliphas, Bildad und Zophar – kommen, um ihn zu trösten. Ihre Dialoge bestehen aus langen Diskussionen über die Ursache von Hiobs Leid. Die Freunde bestehen darauf, dass Hiob schwer gesündigt haben muss, denn in ihrer vergeltenden Theologie belohnt Gott immer die Gerechten und bestraft die Gottlosen. Hiob verteidigt seinerseits seine Unschuld, stellt Gottes Gerechtigkeit in Frage und drückt seinen Wunsch aus, sich dem Schöpfer zu stellen, um den Grund für seine Drangsal zu verstehen.
3. Die Reden Elihus (Hiob 32–37): Ein junger Mann namens Elihu mischt sich in die Diskussion ein und kritisiert sowohl Hiob für seine Selbstrechtfertigung als auch seine Freunde für ihre Unfähigkeit, eine zufriedenstellende Antwort zu geben. Elihu deutet an, dass Leiden pädagogische und reinigende Zwecke haben kann, nicht nur strafende, und dass Gott in all seinen Wegen gerecht ist, auch wenn wir sie nicht verstehen.
4. Die Reden Gottes und der Epilog (Hiob 38–42): Gott antwortet Hiob schließlich aus dem Sturm (Hiob 38:1). Anstatt den Grund für Hiobs Leiden zu erklären, konfrontiert Gott ihn mit einer Reihe von Fragen über die Schöpfung und die Komplexität des Universums, die seine unbestreitbare Souveränität, Weisheit und Macht demonstrieren. Angesichts der göttlichen Majestät demütigt sich Hiob und bereut seine voreiligen Worte (Hiob 42:1-6). Im Epilog tadelt Gott Hiobs Freunde, weil sie nicht recht von ihm geredet haben, und stellt Hiob wieder her, indem er ihm das Doppelte von allem gibt, was er verloren hatte, und er lebt viele Jahre mit einer neuen Familie (Hiob 42:10-17).
3. Charakter und Rolle in der biblischen Erzählung
3.1 Tugenden und geistliche Qualitäten
Hiobs Charakter ist bemerkenswert komplex und vielschichtig und dient als Fallstudie über Glauben und Menschlichkeit. Im Prolog wird er als ein Mann beschrieben, der „fromm und rechtschaffen war, Gott fürchtete und das Böse mied" (Hiob 1:1). Diese anfängliche Beschreibung etabliert seine moralische und geistliche Rechtschaffenheit, die der Ausgangspunkt für die gesamte Erzählung ist. Er war nicht nur äußerlich rechtschaffen, sondern sein Herz war Gott zugewandt, was sich in seiner Praxis zeigte, Opfer für seine Kinder darzubringen, aus Angst, sie könnten in ihren Herzen gesündigt haben (Hiob 1:5).
Seine Geduld ist legendär, wie Jakobus 5:11 bezeugt: „Siehe, wir preisen die selig, die ausgeharrt haben. Ihr habt von der Ausdauer Hiobs gehört und habt das Ende gesehen, das der HERR bereitet hat; denn der HERR ist voller Erbarmen und Barmherzigkeit." Obwohl Hiob Momente der Verzweiflung und des Hinterfragens zeigt, ist seine Weigerung, Gott zu verfluchen, selbst unter dem Druck seiner Frau (Hiob 2:9-10), ein Zeugnis seiner unerschütterlichen Treue.
Eine weitere herausragende Tugend ist seine Integrität. Selbst ohne den Grund seines Leidens zu verstehen, weigert sich Hiob, seinen Glauben aufzugeben oder eine Sünde zuzugeben, die er nicht begangen hatte. Er schätzt seine Rechtschaffenheit mehr als sein eigenes Leben und erklärt: „Bis ich sterbe, werde ich meine Integrität nicht von mir weichen lassen!" (Hiob 27:5). Diese Integrität ist der Eckpfeiler seiner Verteidigung gegen die Anschuldigungen seiner Freunde.
3.2 Kämpfe und Charakterentwicklung
Trotz seiner anfänglichen Rechtschaffenheit stellt die Erzählung Hiob nicht als statische Figur dar. Seine Prüfung offenbart seine Schwächen und die Tiefe seiner Menschlichkeit. Er drückt Angst, Verzweiflung und sogar den Wunsch aus, nie geboren zu sein (Hiob 3:1-26). Seine Klagen und Fragen nach der göttlichen Gerechtigkeit sind intensiv und aufrichtig und zeigen den inneren Kampf eines gläubigen Menschen, der mit einer Realität konfrontiert ist, die jeder bekannten theologischen Logik trotzt.
Er fühlt sich von Gott und den Menschen verlassen, und sein Streben nach einer Begegnung mit Gott, um seinen Fall darzulegen, ist ein ständiges Thema in den Dialogen (Hiob 13:3; Hiob 23:3-4). Dieses Streben, obwohl von Verzweiflung geprägt, ist auch ein Akt des Glaubens, denn Hiob glaubt immer noch, dass Gott der Einzige ist, der seine Sache rechtfertigen kann. Er sehnt sich nach einer Theophanie, einer direkten Offenbarung Gottes.
Hiobs Entwicklung gipfelt in seiner Demütigung und Reue vor der Majestät Gottes, der sich in seinen Reden aus dem Sturm offenbart. Hiob erhält nicht die Antworten, die er über das „Warum" seines Leidens erwartet hatte, sondern wird mit Gottes unendlicher Weisheit und Macht konfrontiert. Seine Antwort: „Ich weiß, dass du alles vermagst und dass kein Vorhaben dir unmöglich ist. ‚Wer ist der, der den Ratschluss verdunkelt ohne Einsicht?‘ Darum habe ich geredet, was ich nicht verstehe, Dinge, die zu wunderbar für mich sind und die ich nicht begreife. ... Darum verwerfe ich mich und bereue in Staub und Asche" (Hiob 42:2-3, 6).
Dies ist keine Reue für ungestandene Sünde, sondern ein Eingeständnis seines begrenzten Verständnisses und seiner Vermessenheit, den Schöpfer in Frage zu stellen. Hiob lernt am Ende, auf Gottes Souveränität zu vertrauen, auch ohne seine Wege zu verstehen, was eine tiefgreifende Reifung seines Glaubens darstellt.
3.3 Rolle in der Erzählung
Hiobs Rolle in der Erzählung ist vielschichtig. Er ist erstens der Protagonist einer Geschichte, die die Theodizee erforscht – die Rechtfertigung von Gottes Güte und Gerechtigkeit angesichts der Existenz von Bösem und Leid. Er dient als das höchste Beispiel für Glauben, der der Prüfung standhält, und fordert die vereinfachte Sichtweise heraus, dass alles Leiden eine direkte Folge von Sünde ist.
Darüber hinaus fungiert Hiob im Epilog als Fürsprecher für seine Freunde (Hiob 42:8-9) und zeigt, dass seine Erfahrung ihn zu einem mitfühlenderen und mit dem göttlichen Willen übereinstimmenden Menschen gemacht hat. Er ist ein Symbol der Menschheit, die nach Sinn im Leiden sucht, und gleichzeitig ein Zeugnis für Gottes unbestreitbare Souveränität über alle Umstände.
4. Theologische Bedeutung und Typologie
4.1 Rolle in der Erlösungsgeschichte und theologische Themen
Die Geschichte Hiobs spielt eine entscheidende Rolle in der fortschreitenden Offenbarung der Erlösungsgeschichte, auch wenn sie außerhalb des israelitischen Bundes stattfindet. Sie befasst sich mit universellen Fragen der menschlichen Existenz, wie dem Problem des unschuldigen Leidens, der Natur der göttlichen Gerechtigkeit und der Souveränität Gottes. Für die evangelikale protestantische Theologie ist das Buch Hiob eine kraftvolle Erklärung der göttlichen Souveränität.
Gott wird als der höchste Herrscher über alle Dinge dargestellt, einschließlich der Handlungen Satans und der Umstände von Hiobs Leben (Hiob 1:12; Hiob 2:6). Diese Betonung der Souveränität ist zentral für die reformierte Theologie, die Gott als Urheber und Erhalter der gesamten Schöpfung sieht, der alles nach dem Ratschluss seines Willens wirkt (vgl. Epheser 1:11). Hiobs Leiden ist nicht zufällig, sondern Teil des göttlichen Plans, seine Herrlichkeit und die Tiefe echten Glaubens zu offenbaren.
Das Buch befasst sich auch mit der Natur des wahren Glaubens und der Rechtschaffenheit. Im Gegensatz zu der vereinfachten vergeltenden Theologie von Hiobs Freunden, die behaupteten, dass Rechtschaffenheit immer zu Wohlstand und Sünde zu Leid führt, zeigt Hiobs Geschichte, dass echter Glaube nicht durch materielle Belohnungen motiviert ist. Hiobs Frömmigkeit war authentisch, nicht käuflich, was Gott selbst bezeugt (Hiob 1:8). Dies steht im Einklang mit der Gnadenlehre, wonach die Errettung ein Geschenk Gottes ist, nicht eine Bezahlung für Werke (Epheser 2:8-9).
Ein weiteres zentrales Thema ist die Unzulänglichkeit menschlicher Weisheit, um die Wege Gottes zu verstehen. Hiobs Freunde scheitern in ihrem Versuch, das Leiden auf der Grundlage ihres begrenzten Verständnisses von göttlicher Gerechtigkeit zu erklären. Nur Gott besitzt die Weisheit, das Universum zu regieren, und seine Absichten sind für den menschlichen Geist oft unergründlich (Hiob 38-41; vgl. Römer 11:33-36). Der Glaube erfordert daher Demut und Vertrauen auf Gottes überlegene Weisheit, selbst wenn sie unlogisch erscheint.
4.2 Christozentrische Typologie
Obwohl Hiob kein direkter messianischer Prophet ist, bietet seine Geschichte reiche Schichten der christozentrischen Typologie, besonders aus der Perspektive des Leidens und der Fürbitte. Hiob kann in mehrfacher Hinsicht als Typus Christi gesehen werden:
1. Unschuldiges Leiden: So wie Hiob unermesslich litt, ohne eine Sünde begangen zu haben, die ein solches Unglück rechtfertigen würde, litt und starb Jesus Christus, das Lamm Gottes, unschuldig für die Sünden der Welt (1. Petrus 2:22-24). Hiobs Prüfung, obwohl nicht erlösend für andere, weist auf das stellvertretende Leiden Christi hin.
2. Fürsprecher und Mittler: Hiob sehnt sich nach einem „Anwalt" oder „Mittler" zwischen sich und Gott (Hiob 9:33; Hiob 16:21), und im Epilog tritt er für seine Freunde ein, deren Opfer aufgrund seines Gebets angenommen werden (Hiob 42:8). Christus ist unser einziger Mittler und Anwalt beim Vater (1. Timotheus 2:5; 1. Johannes 2:1), der unaufhörlich für uns eintritt (Römer 8:34; Hebräer 7:25).
3. Rechtfertigung und Wiederherstellung: Nach seinem Leiden wird Hiob von Gott gerechtfertigt und mit noch größeren Segnungen wiederhergestellt. In überlegener Weise wurde Christus in der Auferstehung und Verherrlichung gerechtfertigt, und sein Erlösungswerk gipfelt in der endgültigen Wiederherstellung aller Dinge in seinem Reich (Apostelgeschichte 2:24; Offenbarung 21:5).
4. Das Bekenntnis des Erlösers: Eine der kraftvollsten Passagen in Hiob ist sein Glaubensbekenntnis: „Doch ich weiß, dass mein Erlöser lebt, und als letzter wird er über dem Staub erstehen. Und ist meine Haut noch so zerstört, so werde ich doch in meinem Fleisch Gott sehen" (Hiob 19:25-26). Dies ist ein protomessianisches Bekenntnis und eine Vorwegnahme der Auferstehung, die auf Jesus Christus als den Erlöser hinweist, der kommen und den Erwählten ewiges Leben und die Schau Gottes bringen würde.
4.3 Verbundene Lehren und Unterweisungen
Das Buch Hiob ist grundlegend für die Lehre der Theodizee und bietet eine biblische Perspektive darauf, wie Gott in einer Welt mit Leid gerecht und gut ist. Es lehrt, dass Leiden nicht immer strafend ist, sondern göttliche Zwecke der Prüfung, Reinigung und Offenbarung der Herrlichkeit Gottes haben kann. Es zeigt auch die Realität des geistlichen Kampfes und das Wirken Satans unter Gottes souveräner Erlaubnis.
Für die evangelikale Theologie bekräftigt Hiob die Bedeutung von Demut und Abhängigkeit von Gott. Gottes Antwort an Hiob liefert keine detaillierten Erklärungen, sondern fordert Vertrauen in seine unergründliche Weisheit und Macht. Dies ist eine Einladung zu einem Glauben, der über das Bedürfnis hinausgeht, göttliche Absichten vollständig zu verstehen. Hiobs Geschichte ist letztlich eine Einladung zur Anbetung eines Gottes, der gut, gerecht und souverän ist, selbst inmitten von Schmerz.
5. Biblisch-theologisches Vermächtnis und kanonische Bezüge
5.1 Erwähnungen in anderen biblischen Büchern
Der Einfluss Hiobs und seiner Geschichte reicht über das Buch hinaus, das seinen Namen trägt; er wird in anderen Teilen des biblischen Kanons erwähnt, was seine Relevanz und Authentizität als historische und theologische Figur bezeugt. Der Prophet Hesekiel erwähnt ihn zusammen mit Noah und Daniel als Beispiel für Rechtschaffenheit und fürbittende Kraft (Hesekiel 14:14, 20).
In diesen Passagen verwendet Gott Hiob als Paradigma individueller Rechtschaffenheit und erklärt, dass nicht einmal die Fürbitte von Männern, die so gerecht sind wie Hiob, Noah und Daniel, eine gottlose Nation vor dem göttlichen Gericht retten könnte. Dies unterstreicht Hiobs Ruf als außergewöhnlich gerechter und gottesfürchtiger Mann, sogar Jahrhunderte nach seiner Existenz.
Im Neuen Testament wird Hiob im Jakobusbrief zitiert, der ihn als Vorbild der Ausdauer und Geduld angesichts von Widrigkeiten darstellt: „Siehe, wir preisen die selig, die ausgeharrt haben. Ihr habt von der Ausdauer Hiobs gehört und habt das Ende gesehen, das der HERR bereitet hat; denn der HERR ist voller Erbarmen und Barmherzigkeit" (Jakobus 5:11). Diese Bezugnahme bestätigt Hiobs Historizität und hebt die praktische Anwendung seiner Geschichte für Christen hervor, die Prüfungen ausgesetzt sind.
5.2 Einfluss auf die biblische Theologie und Auslegungstradition
Das Buch Hiob als Teil der Weisheitsliteratur trägt wesentlich zur biblischen Theologie bei, indem es die Komplexität von Leiden und göttlicher Gerechtigkeit erforscht. Es dient als Gegenpol zu der vereinfachten vergeltenden Theologie, die manchmal in anderen Teilen des Alten Testaments auftaucht (z.B. in Sprüchen), und zeigt, dass das Glaubensleben keine mechanische Formel von Ursache und Wirkung ist. Es vertieft das Verständnis von Gottes Souveränität, der Realität des Bösen und der Notwendigkeit eines Glaubens, der vertraut, auch ohne zu verstehen.
In der jüdischen Auslegungstradition war Hiob Gegenstand umfangreicher Debatten über Leiden und Theodizee. Im Christentum wurde Hiob von den Kirchenvätern bis zur Reformation durchweg als Beispiel der Geduld und als Vorbild Christi ausgelegt. Augustinus und Calvin sahen in Hiobs Geschichte unter anderem eine Demonstration von Gottes Souveränität über Gut und Böse und der göttlichen Erwählung, selbst im Leiden.
Die reformierte und evangelikale Theologie schätzt das Buch Hiob besonders wegen seiner Betonung der Herrlichkeit Gottes als letztem Zweck aller Dinge, einschließlich des Leidens. Hiobs Geschichte wird als kraftvolle Erinnerung daran gesehen, dass Gott der Anbetung und des Vertrauens würdig ist, unabhängig von den Umständen. Johannes Calvin betonte in seinen Predigten über Hiob die Bedeutung von Demut und Unterwerfung unter den göttlichen Willen, selbst wenn er schmerzhaft ist.
5.3 Bedeutung für das Verständnis des Kanons
Das Buch Hiob ist für ein ausgewogenes Verständnis des biblischen Kanons unerlässlich. Es bietet eine entscheidende Perspektive, die die Bücher des Gesetzes, der Propheten und der Psalmen ergänzt, indem es sich mit tiefgreifenden existenziellen Fragen befasst, mit denen die Menschheit immer konfrontiert war. Ohne Hiob wäre die biblische Diskussion über Leiden unvollständig und vereinfacht und entbehrte der theologischen Tiefe, die dieses Meisterwerk bietet.
Die Aufnahme Hiobs in den Kanon unterstreicht die Universalität der Offenbarung Gottes und die Fähigkeit des Heiligen Geistes, Glauben und Rechtschaffenheit in Menschen außerhalb der direkten Linie Israels zu wirken, noch vor der formellen Gründung der Nation. Dies nimmt die Einbeziehung der Heiden in den neuen Bund durch Christus vorweg und bekräftigt die evangelikale Sicht, dass die Errettung für alle ist, die glauben, unabhängig von ihrer Herkunft.
Zusammenfassend ist Hiob nicht nur eine antike Figur, sondern eine ewige Erinnerung an die Komplexität des Lebens, die unbestreitbare Souveränität Gottes und die Widerstandsfähigkeit des menschlichen Glaubens. Seine Geschichte fordert und tröstet weiterhin und verweist auf die Notwendigkeit eines Glaubens, der dem Erlöser voll und ganz vertraut, in dem alle Fragen des Leidens ihre endgültige und glorreiche Antwort finden.