Maleachi
Maleachi ist der Prophet, dessen Buch im protestantischen Kanon das Alte Testament beschließt. Das Buch stellt sich vor als Last, die der Herr ankündigte über Israel durch Maleachi (Maleachi 1,1), gerichtet an die jüdische Gemeinde, die aus dem babylonischen Exil zurückgekehrt war und rund um den wiederaufgebauten Tempel in Jerusalem lebte.
Abgesehen von dieser Überschrift gibt die Bibel keine biografischen Angaben über ihn. Wir kennen weder seinen Vater noch seinen Stamm, seinen Heimatort oder die Umstände seiner Berufung, und kein anderes Buch der Schrift erwähnt ihn. Was wir haben, ist seine Botschaft: eine Reihe von Streitgesprächen zwischen dem Herrn und einem Volk, das seines Dienstes müde geworden war, und am Ende die Verheißung eines Boten, der dem Herrn den Weg bereiten soll, und des Propheten Elia vor dem großen Tag des Herrn.
Schon sein Name wirft eine Frage auf, die seit der Antike erörtert wird, denn auf Hebräisch bedeutet er mein Bote, dasselbe Wort wie in Maleachi 3,1. Dieser Artikel erklärt den Namen, stellt die Debatte, ob es sich um einen Eigennamen oder einen Titel handelt, ehrlich dar und zeigt, warum das Buch für das Verständnis Johannes des Täufers und des Kommens Jesu Christi so wichtig ist.
1. Etymologie und Bedeutung des Namens
Das hebräische Malʾakhi (מַלְאָכִי) ist aus malʾakh, Bote, und der Endung -i gebildet, die gewöhnlich mein bedeutet. Der wörtliche Sinn ist also mein Bote. Das Wort malʾakh wird für menschliche Gesandte wie für Engel gebraucht, und die Propheten können auch einen Propheten oder einen Priester Boten des Herrn nennen (Haggai 1,13; Maleachi 2,7).
Manche Forscher vermuten, Malʾakhi sei eine Kurzform eines längeren Namens wie Malʾakhijah, Bote des Herrn, so wie Abi, die Mutter Hiskias in 2. Könige 18,2, in 2. Chronik 29,1 Abija heißt. Ein Name mit dieser Bedeutung wäre ein schönes Glaubensbekenntnis der Eltern. Die Erklärung ist möglich, doch die Langform ist in der Bibel nicht belegt und bleibt daher eine Hypothese.
2. Historischer Kontext und biblische Erzählung
2.1 Familiäre Herkunft und Genealogie
Die Schrift überliefert keine Genealogie Maleachis. Anders als bei Zefanja, Sacharja oder Jeremia, deren Bücher Vater oder Herkunft nennen (Zefanja 1,1; Sacharja 1,1; Jeremia 1,1), enthält die Überschrift Maleachis nur den Namen. Dieses Schweigen und die Bedeutung mein Bote führten zu einer alten Diskussion darüber, ob Maleachi ein Personenname oder ein Titel ist.
Wer darin einen Titel sieht, verweist darauf, dass die griechische Septuaginta Maleachi 1,1 mit durch die Hand seines Boten wiedergibt und nicht als Eigennamen; dass der aramäische Targum hinzufügt, dieser Bote sei Esra, der Schreiber; dass dasselbe Wort in 3,1 für den Boten steht, der den Weg bereitet; und dass die Überschrift Last, das Wort des Herrn auch Sacharja 9,1 und 12,1 einleitet, was auf eine anonyme Sammlung hindeuten könnte. Auch der Talmud kennt eine Meinung, die Maleachi mit Esra gleichsetzt, neben der Auffassung, Maleachi sei sein Name gewesen.
Wer darin einen Eigennamen sieht, die Position der meisten konservativen Ausleger und die hier vertretene, weist darauf hin, dass alle anderen prophetischen Bücher des Alten Testaments den Namen eines Propheten tragen und dass die hebräische Wendung durch, wörtlich durch die Hand, gewöhnlich den Namen einer Person nach sich zieht, wie in Haggai 1,1. Es wäre seltsam, wenn das letzte Prophetenbuch das einzige anonyme wäre, und nichts im hebräischen Text schreibt es Esra zu. Gewissheit ist nicht möglich, doch die natürlichste Lesart von Maleachi 1,1 ist, dass Maleachi der Name des Propheten war, ein Name, der gut zu seinem Auftrag passte.
Das Buch nennt kein Datum, doch sein Inhalt weist in die persische Zeit. Der Tempel war wiederaufgebaut, und man brachte Opfer dar (Maleachi 1,7-10; 3,10), Juda stand unter einem Statthalter (1,8), und die Missstände, die der Prophet anprangert, etwa verdorbene Priester, Ehen mit Frauen, die fremden Göttern dienten, und vernachlässigte Zehnten, gleichen stark denen, mit denen Nehemia zu kämpfen hatte (Nehemia 13,10-13; 13,23-29). Deshalb datieren die meisten Forscher Maleachi ins 5. Jahrhundert v. Chr., in die Zeit Esras und Nehemias, oft etwa zwischen 460 und 430 v. Chr. Diese Angaben sind ungefähr.
2.2 Wichtigste Ereignisse
Das Buch erzählt keine Begebenheiten aus dem Leben des Propheten, sondern überliefert seine Verkündigung. Seine typische Form ist das Streitgespräch: Der Herr trifft eine Aussage, das Volk widerspricht mit einer Frage, und der Herr antwortet. Sechs solcher Gespräche lassen sich unterscheiden.
Im ersten erklärt der Herr ich habe euch lieb, und das Volk fragt, woran; die Antwort erinnert an die Erwählung Jakobs statt Esaus (Maleachi 1,2-5). Im zweiten tadelt er die Priester, die seinen Namen verachteten, indem sie blinde, lahme und kranke Tiere opferten, und erinnert sie an seinen Bund mit Levi (1,6-2,9). Im dritten verurteilt er die, die die Tochter eines fremden Gottes geheiratet und der Frau ihrer Jugend die Treue gebrochen hatten, denn der Herr war Zeuge dieses Bundes (2,10-16).
Im vierten, als Antwort auf die Klage wo ist der Gott, der da straft, kündigt der Herr an: Siehe, ich will meinen Boten senden, der vor mir her den Weg bereiten soll; der Herr, den ihr sucht, wird plötzlich zu seinem Tempel kommen und die Söhne Levis reinigen wie das Feuer eines Schmelzers (2,17-3,5). Im fünften sagt er ich, der Herr, wandle mich nicht, ruft das Volk zur Umkehr und wirft ihm vor, Gott beim Zehnten und bei den Abgaben zu berauben (3,6-12). Im sechsten antwortet er denen, die sagten, es sei umsonst, Gott zu dienen: Ein Gedenkbuch wurde für die geschrieben, die den Herrn fürchten, und ihnen soll aufgehen die Sonne der Gerechtigkeit und Heil unter ihren Flügeln (3,13-21).
Das Buch endet mit zwei Mahnungen: an das Gesetz des Mose zu gedenken und den Propheten Elia zu erwarten, den der Herr senden wird, ehe der große und schreckliche Tag des Herrn kommt, damit er das Herz der Väter zu den Söhnen bekehre und das Herz der Söhne zu ihren Vätern (3,22-24). Die Lutherbibel folgt hier der hebräischen Zählung mit drei Kapiteln; in vielen anderen Übersetzungen bilden diese Verse ein eigenes Kapitel 4.
3. Charakter und Rolle in der biblischen Erzählung
Da wir Maleachi nur durch seine Botschaft kennen, muss alles, was man über ihn sagt, aus seiner Redeweise gewonnen werden. Sein Stil ist direkt und dialogisch. Er beschreibt keine Visionen wie Sacharja, sondern argumentiert mit dem Volk, zitiert dessen Einwände und beantwortet sie mit dem Wort des Herrn. Er zeigt tiefe Sorge um den wahren Gottesdienst, um die Lauterkeit des Priestertums, um die Treue in der Ehe und um Gerechtigkeit gegenüber Tagelöhnern, Witwen, Waisen und Fremdlingen (Maleachi 3,5).
Seine Rolle in der Geschichte der Offenbarung ist einzigartig. Er sprach zu einer Generation, die die Rückkehr aus dem Exil und den Wiederaufbau des Tempels erlebt hatte, nicht aber die von früheren Propheten verheißene Herrlichkeit. Aus Entmutigung waren Gleichgültigkeit und Zynismus geworden. Maleachi begegnet dieser geistlichen Müdigkeit, ohne die Forderungen des Herrn abzuschwächen, doch seine letzten Worte sind Worte der Hoffnung: Der Herr hat sein Volk nicht vergessen und wird kommen.
4. Theologische Bedeutung
4.1 Die Liebe und Treue Gottes
Das Buch beginnt mit der Erklärung ich habe euch lieb (Maleachi 1,2), und selbst die Zurechtweisungen sind in diesem Licht zu lesen. Das unwandelbare Wesen des Herrn ist die Grundlage für Israels Fortbestehen: Ich, der Herr, wandle mich nicht; und ihr, Söhne Jakobs, habt nicht aufgehört (3,6). Paulus zitiert Maleachi 1,2-3 in Römer 9,13, um zu zeigen, dass Gottes rettende Wahl auf seinem freien Erbarmen beruht.
4.2 Der Bote und das Kommen des Herrn
Die Verheißung aus Maleachi 3,1 wird im Neuen Testament auf Johannes den Täufer bezogen. Jesus sagte über Johannes: Dieser ist's, von dem geschrieben steht: Siehe, ich sende meinen Boten vor dir her (Matthäus 11,10; Lukas 7,27), und Markus eröffnet sein Evangelium, indem er diesen Text mit Jesaja 40,3 verbindet (Markus 1,2-3). Ist Johannes der Bote, der den Weg bereitet, dann ist der Herr, der zu seinem Tempel kommt, Jesus. So liest das Neue Testament Maleachi als Ankündigung des Kommens Gottes selbst in der Person seines Sohnes.
4.3 Elia und der Tag des Herrn
Auch die Verheißung, dass Elia kommen werde (Maleachi 3,23-24), erfüllt sich in Johannes. Der Engel sagte zu Zacharias, Johannes werde vor dem Herrn hergehen im Geist und in der Kraft Elias, um die Herzen der Väter zu den Kindern zu bekehren (Lukas 1,17). Jesus sagte, Johannes sei Elia, der da kommen soll, für die, die es annehmen wollen (Matthäus 11,14; 17,10-13; Markus 9,11-13). Johannes selbst verneinte, Elia in Person zu sein (Johannes 1,21); die Erfüllung liegt also in seinem Dienst und Geist, nicht in einer buchstäblichen Rückkehr des alten Propheten.
5. Vermächtnis und kanonische Bezüge
Maleachi wird nur in Maleachi 1,1 mit Namen genannt. Sein Buch wird jedoch im Neuen Testament zitiert oder aufgenommen: Matthäus 11,10, Markus 1,2 und Lukas 7,27 zitieren Maleachi 3,1; Lukas 1,17 spielt auf Maleachi 3,23-24 an; Matthäus 11,14, 17,10-13 und Markus 9,11-13 sprechen vom Kommen Elias; und Römer 9,13 zitiert Maleachi 1,2-3.
Im protestantischen Kanon ist Maleachi das letzte Buch des Alten Testaments, und nach ihm trat bis zu Johannes dem Täufer kein kanonischer Prophet mehr auf. Seine letzten Worte über einen Boten, über Elia und über den Tag des Herrn bilden eine natürliche Brücke zu den Evangelien, die mit der Erfüllung dieser Verheißungen beginnen.
Sein Name ist nicht zu verwechseln mit Malkija (Jeremia 21,1; 38,1), einem anderen Namen, der auf melekh, König, zurückgeht. Und das Wort mein Bote in Maleachi 3,1 meint den Wegbereiter, nicht den Propheten selbst.
6. Anwendung für heute
Maleachi spricht zu Menschen, die ihre religiösen Gewohnheiten beibehielten, aber die Liebe zu Gott verloren hatten. Die Gefahr ist bekannt: aus Gewohnheit kommen, geben und dienen, während das Herz fragt, was es nützt, ihm zu dienen (Maleachi 3,14). Der Prophet ruft uns, Gott das Beste zu geben und nicht die Reste, und unseren Gottesdienst, unsere Ehen, unsere Großzügigkeit und unsere Gerechtigkeit als Ausdruck der Ehrfurcht vor seinem Namen zu verstehen.
Das Buch tröstet auch die, die den Herrn in Zeiten geistlicher Kälte fürchten. Gott hört, wenn sie miteinander reden, und ihre Namen stehen in seinem Gedenkbuch (Maleachi 3,16-17). Treue, die unbemerkt zu bleiben scheint, vergisst er nicht.
Vor allem lehrt Maleachi uns, auf den Herrn zu warten. Der Bote ist gekommen, und der Herr ist in der Person Jesu Christi zu seinem Tempel gekommen, der sein Volk reinigt und in dem die Sonne der Gerechtigkeit mit Heil aufgegangen ist. Derselbe Herr wird wiederkommen, und wer ihm vertraut, kann diesen Tag nicht mit Furcht erwarten, sondern mit der Freude der Kälber, die aus dem Stall springen (Maleachi 3,20).