Refaja
Refaja, der Sohn Hurs, ist einer der vielen Namen in der Liste derer, die unter Nehemia die Mauern Jerusalems wieder aufbauten. Er erscheint in einem einzigen Vers, Nehemia 3,9, der ihn als „Vorsteher des halben Bezirks von Jerusalem“ bezeichnet und festhält, dass er ein Stück der Mauer baute.
Mehr sagt die Schrift kaum über ihn. Wir kennen weder sein Alter noch seine Familiengeschichte über den Namen des Vaters hinaus, noch wissen wir, was aus ihm wurde, nachdem die Mauer fertig war. Und doch ist dieser kurze Auftritt nicht leer. Er zeigt einen Amtsträger der wiederhergestellten Gemeinschaft, der nicht auf Abstand blieb, sondern selbst seinen Platz an der Mauer einnahm, in einer Zeit, in der die Heimkehrer schwach, bedroht und entmutigt waren.
Refaja zu studieren heißt, eine kurze Zeile aufmerksam zu lesen und sie innerhalb der größeren Geschichte Nehemias sprechen zu lassen, in der Gott sein Volk wiederherstellt und Vorsteher und Handwerker, Priester und einfache Familien zu einer gemeinsamen Aufgabe zusammenführt.
1. Etymologie und Bedeutung des Namens
Der hebräische Name Refaja (רְפָיָה, Refajah) ist aus dem Verb rafa’, „heilen, wiederherstellen“, und Jah gebildet, einer Kurzform des Gottesnamens JHWH. Die am weitesten anerkannte Bedeutung lautet „der HERR hat geheilt“ oder „der HERR heilt“. Dieselbe Wurzel begegnet in Gottes Selbstvorstellung bei Mara: „Ich bin der HERR, dein Arzt“ (2. Mose 15,26).
Solche Namen waren in Israel verbreitet und brachten den Glauben der Eltern zum Ausdruck. Wir wissen nicht, warum Hur seinem Sohn diesen Namen gab, und es wäre Spekulation, Refajas persönliche Geschichte in ihn hineinzulesen. Dennoch passt es, dass ein Mann namens „der HERR heilt“ in einem Kapitel über die Ausbesserung der Trümmer Jerusalems vorkommt, einer Stadt, die die Propheten als verwundet und heilungsbedürftig beschrieben hatten (Jeremia 30,17; Jeremia 33,6).
Mehrere andere Männer im Alten Testament tragen denselben Namen; deshalb kennzeichnet der Text diesen Refaja durch seinen Vater und sein Amt.
2. Historischer Kontext und biblische Erzählung
2.1 Familiäre Herkunft und Genealogie
Die einzige Angabe zur Familie ist, dass Refaja „der Sohn Hurs“ war. Über diesen Hur wird nichts weiter gesagt. Der Name kommt an anderen Stellen der Schrift vor, etwa beim Gefährten von Mose und Aaron (2. Mose 17,10-12) und bei einer führenden Gestalt unter den Sippen Judas (1. Chronik 2,19-20.50; 1. Chronik 4,1.4). Manche vermuten, Refaja habe zu einer judäischen Familie gehört, die von dieser Sippe abstammte, doch das ist nur eine Hypothese: Der Text stellt diese Verbindung nicht her, und Hur war kein seltener Name.
Refaja darf nicht mit anderen Männern gleichen Namens verwechselt werden: einem Nachkommen Davids nach dem Exil (1. Chronik 3,21), einem simeonitischen Anführer zur Zeit Hiskias (1. Chronik 4,42), einem Nachkommen Issachars (1. Chronik 7,2) und einem Nachkommen Sauls (1. Chronik 9,43). Keiner von ihnen ist der Amtsträger aus Nehemia 3.
2.2 Wichtigste Ereignisse
Der Rahmen ist die Mitte des fünften Jahrhunderts vor Christus. Um 445 v. Chr., im zwanzigsten Jahr des Königs Artahsasta, erfuhr Nehemia, dass die Mauer Jerusalems zerbrochen und ihre Tore verbrannt waren (Nehemia 1,3; Nehemia 2,1). Mit Erlaubnis des Königs reiste er in die Stadt, besichtigte die Trümmer bei Nacht und rief das Volk auf, sich aufzumachen und zu bauen (Nehemia 2,11-18).
Kapitel 3 berichtet, wie die Arbeit organisiert wurde. Die Mauer wurde in Abschnitte geteilt, die jeweils einer Familie, einer Zunft, einer Gruppe von Priestern oder den Bewohnern eines Ortes zugewiesen wurden. Refajas Abschnitt folgte unmittelbar auf die Arbeit eines Goldschmieds und eines Salbenbereiters, die Jerusalem „bis an die Breite Mauer“ ausbesserten (Nehemia 3,8), und lag vor dem Abschnitt eines Mannes, der gegenüber seinem eigenen Haus baute (Nehemia 3,10). Die Forschung verortet diesen Bereich meist an der West- oder Nordwestseite der Stadt, doch die genaue Topografie des Kapitels ist umstritten.
Der Titel Refajas ist bedeutsam. Das Hebräische spricht vom sar (Vorsteher, Beamter) des halben pelek von Jerusalem, ein Begriff, der meist als Verwaltungsbezirk der persischen Provinz Juda verstanden wird. Das Kapitel nennt weitere Bezirksvorsteher, die ebenfalls mitarbeiteten: Schallum, den Vorsteher der anderen Hälfte des Bezirks von Jerusalem, der zusammen mit seinen Töchtern baute (Nehemia 3,12), sowie die Vorsteher anderer Bezirke Judas (Nehemia 3,14-18). Refaja gehörte also zur örtlichen Führung, die sich an Nehemias Seite stellte.
Der Wiederaufbau stieß auf Spott, Drohungen und inneres Unrecht (Nehemia 4; Nehemia 5,1-13), doch die Mauer wurde in zweiundfünfzig Tagen vollendet, und selbst die Feinde erkannten, dass das Werk mit Gottes Hilfe geschehen war (Nehemia 6,15-16). Refajas Name taucht in diesen Ereignissen nicht mehr auf, doch sein Abschnitt war Teil jener vollendeten Mauer.
3. Charakter und Rolle in der biblischen Erzählung
Weil der Text so wenig sagt, muss jedes Bild von Refaja bescheiden bleiben. Was der Vers zeigt, ist ein Mann mit öffentlicher Verantwortung, der selbst Hand anlegte. Das fällt auf in einem Kapitel, das auch eine traurige Ausnahme festhält: Die Vornehmen von Tekoa beugten ihren Nacken nicht zum Dienst für ihren Herrn (Nehemia 3,5). Refaja dagegen wird unter denen genannt, die bauten.
Seine Rolle war auch stellvertretend. Als Vorsteher des halben Bezirks brachte er das Gewicht seines Amtes in das Werk ein, obwohl der Text nicht sagt, wer mit ihm arbeitete. Nehemias Liste ordnet die Arbeitenden nicht nach Ansehen: Priester, Goldschmiede, Salbenbereiter, Amtsträger, Händler und einfache Bewohner stehen nebeneinander (Nehemia 3,1.8.12.32). Refajas Platz in der Liste ist einfach ein Platz unter anderen.
Wir sollten ihm keine Tugenden, Worte oder Gefühle zuschreiben, die der Text nicht beschreibt. Es genügt zu sagen, was die Schrift zeigt: Als die Stunde kam, wurde er bei der Arbeit gefunden, und sein Name wurde im Verzeichnis des Volkes Gottes bewahrt.
4. Theologische Bedeutung
4.1 Gott gedenkt des treuen Dienstes
Nehemia 3 kann wie eine trockene Liste wirken, doch es drückt eine theologische Überzeugung aus: Gott sieht und gedenkt derer, die bei der Wiederherstellung seines Volkes dienen. Nehemia selbst betet immer wieder: „Gedenke mir, mein Gott“ (Nehemia 5,19; Nehemia 13,14.31). Dass Namen wie der Refajas festgehalten werden, zeigt, dass kein treues Werk vor Gott namenlos ist, denn Gott ist nicht ungerecht, dass er eures Werkes vergäße (Hebräer 6,10).
4.2 Autorität als Dienst
Refajas Beispiel passt zum biblischen Bild von Autorität, die zum Wohl der Gemeinschaft ausgeübt wird. Jesus lehrte, dass Größe in seinem Reich am Dienen gemessen wird und dass er selbst nicht gekommen ist, um sich dienen zu lassen, sondern um zu dienen (Markus 10,42-45). Refaja ist kein Vorbild im Sinn eines Typus Christi, und der Text stellt ihn nicht so dar, aber seine Bereitschaft, mit dem Volk zu arbeiten, veranschaulicht einen Grundsatz, der im Herrn seine Fülle findet, der Knechtsgestalt annahm (Philipper 2,5-8).
4.3 Der Herr, der heilt und wieder aufbaut
Der Wiederaufbau der Mauer war ein Akt der Wiederherstellung nach dem Gericht. Das Exil war die Folge der Untreue Judas gewesen, und die Heimkehr war die Frucht der Barmherzigkeit Gottes gemäß seinen Verheißungen (Jeremia 29,10-14; Esra 1,1). Der Name Refaja, „der HERR heilt“, fasst gut zusammen, was Gott in jener Generation tat. Im Neuen Testament wird die Gemeinde als Bau beschrieben, der auf dem Grund der Apostel und Propheten errichtet ist, wobei Christus Jesus selbst der Eckstein ist (Epheser 2,19-22; 1. Petrus 2,4-5). Die Mauern Jerusalems waren vergänglich; das Werk Christi, der sein Volk aufbaut, ist ewig.
5. Vermächtnis und kanonische Belegstellen
Refaja, der Sohn Hurs, erscheint nur in Nehemia 3,9. Keine andere Stelle der Schrift nennt ihn mit dieser Kennzeichnung, und jeder Versuch, ihn mit einem anderen Refaja zu verbinden, bleibt Spekulation. Die übrigen Träger des Namens (1. Chronik 3,21; 4,42; 7,2; 9,43) gehören zu anderen Familien und Zeiten.
Sein Vermächtnis ist also eine einzige Zeile der Schrift. Doch diese Zeile gehört zum inspirierten Bericht darüber, wie Gott Jerusalem wiederherstellte, und Generationen von Gläubigen haben sie als Erinnerung gelesen, dass der Herr die Namen derer verzeichnet, die ihm dienen, auch wenn die Welt sie vergisst.
6. Anwendung für heute
Erstens erinnert uns Refaja daran, dass eine Stellung niemanden vom Dienst befreit. Pastoren, Leitende, Eltern und alle, die in irgendeiner Weise Verantwortung tragen, sind berufen, am Werk teilzunehmen und es nicht nur aus der Ferne zu lenken. Christliche Leitung heißt, beim Volk zu sein und einen Teil der Last mitzutragen.
Zweitens lehrt sein Platz in einer langen Liste, dass das Reich Gottes von vielen Händen gebaut wird. Die meisten von uns werden, wenn überhaupt, als ein Name unter vielen in Erinnerung bleiben. Das ist nicht wenig, wenn Gott selbst die Liste führt. Jesus sagte seinen Jüngern, sie sollten sich nicht über sichtbaren Erfolg freuen, sondern darüber, dass ihre Namen im Himmel geschrieben sind (Lukas 10,20).
Drittens weist sein Name über ihn hinaus auf den Herrn, der heilt. Unser Leben, unsere Familien und Gemeinden gleichen oft den zerbrochenen Mauern Jerusalems. Die Heilung, die wir brauchen, kommt von Christus, durch dessen Wunden wir heil geworden sind (1. Petrus 2,24), und der uns nun ruft, bei der Wiederherstellung mitzuwirken, die er vollbringt.
Schließlich stellt Refaja eine einfache Frage: Welchen Abschnitt der Mauer hat Gott dir vor die Füße gelegt? Er mag klein und unbeachtet sein, aber er zählt. Alles, was ihr tut, das tut von Herzen als dem Herrn und nicht den Menschen (Kolosser 3,23).